Bitte warten...

Im Schatten der heiligen Mauern Dunkle Machenschaften im Vatikan

Der Rücktritt Benedikts des XVI. versetzte die Welt in Erstaunen, bestürzte viele Katholiken und ließ die Medienmaschinerie heiß laufen. Ein ruhiges Pontifikat war Benedikt XVI. wahrlich nicht beschieden. Zuletzt wurden durch die Vatileaks-Affäre Intrigen und Korruptionsfälle innerhalb der Kurie publik. In der Vatikanbank IOR wurden sowohl Einkünfte der Mafia wie auch Schmiergelder italienischer Politiker gewaschen. Und selbst die Spuren von Mord und Entführung deuten hinter die heiligen Mauern.

23 Millionen Euro, die von der Vatikanbank auf ein Konto der Bank JP Morgan in Frankfurt ohne Angabe des Empfängers und des Verwendungszwecks überwiesen worden waren, wurden von der Staatsanwaltschaft eingefroren. "Istituto per le opere religiose", abgekürzt IOR, heißt die Vatikanbank offiziell. Das bedeutet: "Institut für die Werke der Religion". Sie soll lediglich das Geld von Geistlichen und von kirchlichen Einrichtungen verwalten. Aber eben nur theoretisch. Die Banca d’Italia, die italienische Zentralbank, hatte die Überweisung als eine suspekte Transaktion angezeigt. Im September 2010 leitete daraufhin die Staatsanwaltschaft Rom Ermittlungen gegen den Präsidenten und den Generaldirektor der Vatikanbank ein – wegen Verdachts auf Geldwäsche.

Teure Religion

Die IOR in Vatikan Stadt

Die IOR in Vatikan Stadt

Renato Dardozzi, ein Monsignore, der lange Jahre den Leitungsgremien des IOR angehörte, wollte der Welt die Wahrheit kundtun über die Bank der Päpste. 2003 starb Dardozzi und vermachte dem Journalisten Gianluigi Nuzzi sein geheimes Archiv: 4.000 Dokumente aus den Bankregistern, Buchungsbelege, Aufsichtsratsprotokolle, Auszüge von Nummernkonten und Banküberweisungen. Quellenmaterial, das Nuzzi in seinem Buch "Vatikan AG" verarbeitet hat.

Italienische Staatsanwälte können keine Ermittlungen in der Vatikanbank führen. Ihre Telefonanschlüsse darf man nicht überwachen, die Räume darf man nicht durchsuchen. Denn die Bank befindet sich auf vatikanischem Boden, d.h. in einem anderen Staat.

Immun gegen die Welt

IOR Präsident Ettore Gotti Tedeschi

IOR Präsident Ettore Gotti Tedeschi

Ein massiger, elf Meter breiter Turm aus dem 17. Jahrhundert beherbergt die Vatikanbank. Er befindet sich innerhalb der Vatikanstadt, 50 Meter von der Porta Sant’Anna entfernt, ein paar Schritte von der Kolonnade des Petersplatzes. Nur Mitglieder der Kurie, vatikanische Staatsbürger und Kirchenangestellte dürfen das Tor der Porta Sant’Anna passieren. Normalsterbliche müssen sich damit begnügen, das Ein- und Ausfahren der Autos und die Schweizer Gardisten zu beobachten, die die Zugänge zur Vatikanstadt bewachen. Aber die kapitalträchtigen Kunden des IOR, so wird berichtet, wurden immer durchgelassen. Und wenn sie bloß erzählten, sie müssten die vatikanische Apotheke aufsuchen.

Benedikt XVI. tat sein Bestes, um das IOR in eine "saubere" Bank zu verwandeln. Er ernannte 2006 den in Finanzkreisen als integer geschätzten Manager Ettore Gotti Tedeschi zum Präsidenten der Bank, damit dieser das IOR den Transparenz-Kriterien der EU anpasste.

Geheime Briefe gehen an Journalisten

Der Helikopter von Papst Benedikt XVI.

Papakopter

Doch auf den Schreibtischen von italienischen Journalisten landeten Dokumente, ohne Kennzeichnung eines Absenders, die weiterhin Schlaglichter auf wichtige Begebenheiten, auf ökonomische Zusammenhänge und skandalöse Vorgänge, die im Vatikan stattfanden, warfen. Es war der Beginn der sogenannten Vatileaks-Affäre: des letzen Skandals, der das Pontifikat Benedikts XVI. überschattete.
Nach und nach veröffentlichte der Journalist Lillo die explosiven Schriftstücke in der Zeitung "Il fatto quotidiano", und der Journalist Nuzzi machte sie im Fernsehkanal LaSette bekannt. In den Briefen ging es um Politik, um das enge Verhältnis italienischer Politiker zum Vatikan etwa und darum, welche Position die Kirche gegenüber dem chinesischen Regime einnehmen solle.

Aber es ging in erster Linie um Geld: Papst Benedikts Bemühungen, in die Vermögensverwaltung der Kirche und in das IOR ein gewisses Maß an Transparenz einzuführen, hatten in der Kurie ein Erdbeben ausgelöst. Unter anderem störte es viele, dass der Papst Monsignore Carlo Maria Viganò an die Spitze des Governatorats berufen hatte, mit dem Auftrag, den ökonomischen Augiastall auszumisten.

Du sollst nicht stehlen

Kardinal Tarcisio Bertone

Kardinal Tarcisio Bertone

Vigano hat in der Tat aufgeräumt, und das wurde von vielen gewürdigt. Zum Beispiel senkte er die Kosten der Aufträge, die an Firmen und Lieferanten vergeben wurden, um 40 Prozent. Früher waren die Preise von Waren und Dienstleistungen dadurch aufgebläht gewesen, dass manche Kardinäle daran verdienten, indem sie z.B. eine Firma gegenüber einer anderen begünstigten. Deshalb wurde Viganò einigen Prälaten, deren Interessen sein Wirken zuwiderlief, ein Dorn im Auge. Sie schmiedeten gegen ihn eine Intrige. Davon berichtete er dem Papst in einem Brief. In diesem Brief erwähnte er als hauptsächlichen Strippenzieher der Intrige den Kardinalsstaatssekretär Tarcisio Bertone.

Viganò zog den Kürzeren im Machtkampf mit Bertone. 2011 wurde er als apostolischer Nuntius, also als Vertreter des Vatikans nach Washington strafbefördert. Journalist Marco Lillo berichtet, dass aus manchen Briefen hervorging, dass ähnliche Machtkämpfe auch in der Vatikanbank IOR stattfanden.

Wenn der Kammerdiener zwitschert

Der Kammerdiener des Papstes, Paolo Gabriele (links, vorn)

Der Kammerdiener des Papstes, Paolo Gabriele (links, vorn)

Indes beschäftige die Kurie während der Vatileaks-Affäre vor allem eine Frage: Wer waren die Maulwürfe, die der Presse Geheimpapiere aus der Vatikanstadt zukommen ließen? Am 25. Mai 2012 schien der Schuldige gefunden: Paolo Gabriele, der Kammerdiener des Papstes. Die vatikanischen Justizbehörden leiteten ein Verfahren gegen ihn ein. Offiziell hieß es, der Kammerdiener habe keine Komplizen gehabt. Doch offenbar traute Benedikt den meisten Kurienangehörigen längst nicht mehr. Der Kammerdiener des Papstes wurde im Oktober 2012 zu 18 Monaten Haft verurteilt und zu Weihnachten von Benedikt begnadigt.

Im April, noch bevor sein Kammerdiener verhaftet wurde, beauftragte der Papst drei Kardinäle, denen er blind vertraute, mit einer Sonderermittlung. Erst am 17. Dezember übergaben sie dem Papst einen Bericht. Was enthält dieser Bericht?

Die Machenschaften rund um die Vatikanbank und die Vatileaks-Affäre sind nicht die einzigen dunklen Geheimnisse hinter den Mauern des Vatikans. Auch in den 1970er und 80er Jahren gab es merkwürdige Vorgänge im Kirchenstaat. Vorgänge, die bis heute Fragen aufwerfen.

Weitere Themen in SWR2