Bitte warten...
Digitale Technik in der Landwirtschaft

Bauer 4.0 Digitale Landwirtschaft

Kuh mit Brunfterkennungssensor, Melkroboter, Ernten mit GPS-Unterstützung: Digitale Technik hält immer mehr Einzug in die Landwirtschaft. Was bringt das? Und wer kann sich das überhaupt leisten?

Ein moderner Bauernhof südlich von Koblenz. Dort startete der Bauer im Dezember 2015 den hypermodernen Roboterbetrieb. So begann in einer 70 mal 40 Quadratmeter großen Halle für 140 Kühe eine vollkommen neue Melkerfahrung: Ein Roboterwagen versorgt die Holstein-Friesischen mit Futter, zudem tragen die Tiere einen Computerchip um den Hals – und staksen in einen Melkroboter der neuesten Generation mit dem Namen Lelly Astronaut.

Der Melkroboter besteht aus einem Automaten mit Milchtank, einem rund viereinhalb Meter langem roten Metallblock inklusive einer Box, deren Gitter sich für die Tiere öffnen und schließen. Der Roboter erkennt den Computerchip der Kuh, dann reinigen rotierende Bürsten die Euter, ein Scanner gleitet mit rotem Lichtstrahl über die Euter, die Zitzenbecher werden am Euter angesetzt, der Melkvorgang beginnt.

Melkroboter erleichtern Bauern die Arbeit

Melkroboter erleichtern Bauern die Arbeit, sind aber auch nicht ganz billig. Bei sinkenden Milchpreisen eine Investition, die sich nicht immer lohnt.

Roboter für das Tierwohl

Für diese digitale Milchwirtschaft sprechen nicht unbedingt wirtschaftlichen Gründe. Bauern wie dem Milchbauern Hans Jürgen Sehn geht es dabei vor allem um das Tierwohl: Der Melkroboter ist ja 24 Stunden im Betrieb und die Kuh kann ja alleine entscheiden, wann sie den Melkvorgang einleiten möchte. Herkömmlich sind die Tiere zweimal am Tage gemolken worden, aber hier werden sie dreimal am Tag gemolken. Hier haben sie keinen Druck auf dem Euter.

Die Big-Brother-Kuh

Dazu kommt aus seiner Sicht, dass ein weiterer Roboter die Kuh jederzeit mit frischem Futter versorgt, dass die permanente Überwachung des Tieres durch Roboter und Computerchip stattfindet: Kontrolliert wird der Eiweiß- und Fettgehalt der Milch, das Bewegungsprofil und die Gesundheit des Tieres. Die Daten wandern vom Computerchip zu einer Antenne auf dem Dach. Und landen dann auf PC und Smartphone des Milchbauern. Solche Hightech-Melkroboter werden nicht nur in der hochindustrialisierten Massenproduktion konventioneller Lebensmittel eingesetzt.

Kuh mit Brunsterkennungssensor

Kuh mit Brunsterkennungssensor. Wenn sich eines der Tiere überdurchschnittlich viel bewegt, ist das ein Hinweis darauf, dass das Tier brünstig ist. Dann sendet das Halsband die Daten aufs Handy oder Tablet. Es bleiben wenige Stunden Zeit, um die Kuh künstlich zu befruchten.

Ist teure Technik immer sinnvoll?

Auch die ökologische Landwirtschaft schätzt diese Technologie, erklärt Peter Röhrig vom Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft: Das kann für viele Betriebe eine sinnvolle Hilfe sein. Nicht zu unterschätzen ist auch der persönliche menschliche Kontakt, dass der Betriebsleiter weiß, wie geht es meinem Tier, das wird ein Computer auch nicht in Gänze abnehmen können, gleichwohl kann er ihm Hilfe geben, bei der Beurteilung eines Tiergesundheitszustandes, dass er vielleicht etwas früher merkt, wann er nach einer Kuh schauen muss.

Ein Beurteilungskriterium für den Nutzen der digitalen Technologien sind für Röhrig die Auswirkungen auf die wirtschaftliche Unabhängigkeit des Bauern von Banken und Konzernen: Das ist ein Leitbild und Ideal des ökologischen Landbaus. Und den würde ich auch auf jede Technologie anwenden. Welche Technologie ist notwendig und stärkt meinen Betrieb. Und bei welchen Technologien gebe ich zu viel Kapital, zu viel Ressourcen nach draußen, die mir dann in der Stärkung der eigenen Regelkreisläufe fehlen.

High-Tech nur für große Betriebe

Und ein Hauptproblem der neuen digitalen Landwirtschaftstechnologie liegt eben in den hohen Kosten, erklärt Professor Uwe Schmidt, Direktor der agrarwissenschaftlichen Fakultät der Berliner Humboldt Universität: Und die andere Seite ist, dass diese Systeme, wenn sie denn funktionieren, eigentlich nicht zu bezahlen sind, weil Agrarprodukte zu wenig Geld abwerfen.

Häufig ist die digitale Spitzentechnologie mit Robotern und Datensystemen nur von großen Betrieben bezahlbar. So ist die hypermoderne Robotik Teil einer Entwicklung, die zu immer größeren Betrieben führt, erläutert Peter Pascha vom Deutschen Bauernverband: Wir haben einen Strukturwandel in der Landwirtschaft, der schon über Jahre relativ rasant ist. Wenn man das hochrechnet, haben wir alle zwanzig Jahre eine Halbierung der Zahl der Betriebe. Die Digitalisierung wird dazu beitragen, dass der Strukturwandel weiter anhält, die Digitalisierung hilft aber auch die deutsche Landwirktschaft wettbewerbsfähig zu halten im internationalen Kontext.

Landwirte ernten via Satelliten

Der Landwirt von heute sitzt in der klimatisierten Fahrerkabine einer technisch hoch entwickelten Landmaschine - und überlässt nun auch das Lenken einem satellitengesteuerten Navigationssystem.

Preisverfall für Milch

Dabei steht jedoch gerade die Massenproduktion in der Kritik. Zum Beispiel wendet sich die Welttierschutzgesellschaft gegen immer größere Milchviehbetriebe, steigende Melkmengen, gegen Kraftnahrung und den Verzicht auf natürliche Weidehaltung. All das führe dazu, dass jede dritte deutsche Milchkuh aus gesundheitlichen Gründen frühzeitig geschlachtet werde. Der Milchbauer Hans-Jürgen Sehn betont, dass es seinen Kühen gut gehe. Das sehe man am glatten Fell und der hohen Milchleistung der Tiere. In der Zukunft plant er gut fünfzig Prozent mehr Kühe im großen Stall unterzubringen, die Milchleistung pro Tag ist auch schon gestiegen, um rund zehn Prozent. Dennoch braucht der Betrieb nach seinen Worten wohl gut zehn Jahre um den rund 160.000 Euro teuren Melkroboter abzubezahlen.

Trotz all dieser Hochtechnologie, gegen eines hilft der Roboter nicht, nämlich gegen den Preisverfall auf dem Massenmilchmarkt: Jetzt haben wir soviel Milch auf dem Markt, die nicht vermarktet werden kann, und das nutzen die Discounter schonungslos aus. Und deshalb ist Preisdruck da. Wir haben, was die Fütterung angeht, den Melkvorgang und die Haltung optimiert. Und jetzt ist der Milchpreis aktuell um 15, 17 Cent niedriger wie vor 18 Monaten, das können sie mit der Produktionstechnik nicht mehr kompensieren.

Melkroboter

Ausgefeilte Technik im Stall hat auch ihren Preis. Die Investitionskosten für einen Melkroboter müssen gerade bei sinkenden Milchpreisen erst mal erwirtschaftet werden.

Weitere Themen in SWR2