SWR2 Wissen Spezial: Unser künftig Brot (3/10) Die Zukunft der Nutztiere

AUTOR/IN

Von Uwe Springfeld

Fleisch ist in Verruf geraten. Stammzellforscher züchten deshalb Retorten-Fleisch und Insekten, deren Rechte kein "Schwein" interessieren. Hat das Zukunft?

Dauer

Brauchen wir Kuh, Huhn und Hund? Für alles, wozu sie verwenden, gibt es Alternativen: Fleisch, Milch und Eier lassen sich durch Pflanzenkost ersetzen, Wach-, Transport- und Arbeitsdienste können Maschinen übernehmen. Lassen sich damit Risiken der Tierhaltung überhaupt rechtfertigen? Zumal Tiere, was immer mehr Menschen glauben, denken können und eigene Rechte haben sollten.

Gleichzeitig optimieren Genetiker den Tiernutzen, Stammzellforscher züchten Retorten-Fleisch und Insekten, deren Rechte kein Schwein interessieren, dienen auch in der EU als Lebensmittel.

Künstliche Tiere

Es gibt einen weiteren Pfad in die Zukunft der Nutztiere. Der Weg führt in die Niederlande. Ein Land, das mehr als nur Insektenfarmen und Gewächshäuser bietet.

In den fünfstöckigen Betonbauten der medizinischen Fakultät am Rand von Maastricht forscht ein sportlicher Mittfünfziger, Prof. Mark Post, Physiologe von Beruf. Einst arbeitete er daran, wie man aus Stammzellen körpereigenes Gewebe ziehen kann. Auf diese Weise kann man heute einem Brandopfer körpereigene Haut nachzüchten und transplantieren. Geforscht wird auch an künstlichen Herzmuskeln und Blutgefäßen.

2013 hatte Mark Post zum Essen nach London geladen. Auf dem Speiseplan: ein Hamburger im Wert von einer viertel Million Dollar. Serviert von der österreichischen Food-Trend-Forscherin Hanni Rützler und dem amerikanischen Food-Journalisten Josh Schonwald. Trotz des Preises befanden beide das Ding als zu trocken, und mit zu wenig Fett. Kein Wunder.

Burger mit Fleisch, Salat und Käse (Foto: © Colourbox.de -)
Für einen Fleischburger muss nicht zwangsläufig ein Tier sterben © Colourbox.de -

Druck mir ein Steak!

Das Hack für die Brötchen-Bulette hatte Mark Post aus einer Stammzelle gezüchtet. Aus einer Stammzelle lässt sich aber nur ein einziges Gewebe züchten. Entweder Muskelfleisch oder Fett. Ein gutes Stück Fleisch besteht jedoch aus beidem, Muskel und Fleisch. Gemischt. Heute kann Mark Post zwar auch Fettzellen wachsen lassen, separat. Bis zum Entrecote aus dem 3D-Drucker dauert es aber noch eine Weile.

Volkszählung für Nutztiere

Die Situation heute: Am 3. November 2016 zählte das Bundesamt für Statistik in Deutschland knapp zwölfeinhalb Millionen Rinder, 27 Millionen Schweine und 40 Millionen Legehennen, gut für 12 Milliarden Eier in Deutschland. Es gab eineinhalb Millionen Schafe, 130.000 Ziegen.
Andere Nutztiere zählte das Bundesamt für Statistik nicht erst Stückweise. Es registrierte lediglich deren Gesamtgewicht. 13.000 Tonnen Muscheln und 19.000 Tonnen Fisch in bundesdeutschen Aquakulturen, darunter 7.000 Tonnen Regenbogenforellen und 5.000 Tonnen gemeiner Karpfen.

Ferkel in einem Schweinestall (Foto: SWR, SWR -)
Schweinezucht in Massentierhaltung - Tierschützer sehen das kritisch SWR -

Tiere für den Teller

All diese Tiere landen früher oder später auf dem Teller, oft bis zur Unkenntlichkeit weiterverarbeitet. Als Filet oder Fischburger, als Hähnchenstick oder Geschnetzeltes, als Leberwurst oder Hackepeter, als T-Bone Steak oder Boeuf Bourgignon. Im Rotwein schmurgelt Rind, dem das Fell über die Ohren gezogen wurde.
Sollten Menschen aus ethischen Gründen auf Fleisch verzichten? Weil Tier und Homo Sapiens angeblich ähnlich sind? Weil der Bestseller eines Mode-Philosophen behauptet, Tiere würden denken? Vielleicht liegt die Tierhaltung in der Natur des Menschen.

Das Verhältnis der Produktionskalorien

Zwischen 7.000 und 10.000 Kalorien muss der Landwirt in ein Rind stecken, um 1.000 Kalorien herauszubekommen. Der Rest bleibt in der "Maschine Tier" stecken. Bei Schweinen, Zuchtfischen, Milch und Eiern liegt laut Weltagrarbericht das Verhältnis von Futter zu erzeugtem Lebensmittel bei 3:1. Bei Geflügelfleisch bei 2:1. Selbst künftige Hochleistungstiere ändern daran wenig. Zuviel für den Hunger einer wachsenden Weltbevölkerung.

Insekten sind effektive Futterverwerter. Sie brauchen nur 2.000 Kalorien, um 1.000 Kalorien in Form von Proteinen zu produzieren. Seit 2018 sind Insekten auch in Deutschland als Lebensmittel zugelassen. Die entsprechenden Richtlinien hatten der Europäische Rat und das EU-Parlament schon 2015 beschlossen.

Gebratene Heuschrecken und Würmer sind mit Frühlingszwiebeln und Chili auf einem Bananenblatt drapiert. Daneben steht eine Schale mit Würz-Soße. (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
In Asien sind Insekten auf dem Teller Tradition: Gebratene Heuschrecken und Würmer mit Frühlingszwiebeln und Chili auf einem Bananenblatt Thinkstock -

Imageproblem der Insekten

In US-amerikanisch-europäisch geprägten Regionen kennt man Insekten nur als Ungeziefer: Silberfisch, Kakerlake, Bettwanze, Schmeißfliege, Kopflaus, Stechmücke.
Doch 2018 sind in der alten und der neuen Welt Insekten auch die Sache einer experimentierfreudigen Lebensmittel-Avantgarde. Kochbücher machen Vorschläge. Heuschreckenspieße als Entree, Grillen-Gemüse aus dem Ofen oder eine Mehlwurm-Quiche als Hauptgericht und wiederum Heuschrecken, diesmal im Apfelkompott zum Dessert.
Massentauglich sind Insekten in Europa, wenn sie wie Fischstäbchen, Hühnerklein oder Formschinken bis zur Unkenntlichkeit verwurstet sind. Durch den Wolf gedreht tauchen sie als trendiger Insektenburger oder Survival-Proteinriegel wieder auf. Große Hoffnungen verbinden sich mit Insekten: nahrhaft – ja. Verträglich – sehr. Schadstofffrei – natürlich. Bio – selbstredend.

Und was Fleisch aus dem Biolabor betrifft, ist Mark Post nicht der einzige, der davon träumt. Viele Startups tummeln sich auf diesem Feld, hauptsächlich aus Kalifornien und Israel. Für Fleisch von Rind, Schwein und Huhn. Aber auch für Ei und Milch. Selbst Leder für Schuhe, Gürtel, Jacke und Mantel sind denkbar. Wird diese Vision je Wirklichkeit? Fleisch ohne Tier, ohne zu schlachten?

AUTOR/IN
STAND