SWR2 Wissen

Die Tiefsee-Expedition Valdivia – Ein Forschungsabenteuer 1898

STAND
AUTOR/IN
Joachim Meißner
Joachim Meißner (Foto: SWR, Foto: Patrick Höniges)

Im Juli 1898 beginnt die erste deutsche Tiefsee-Expedition. Sie wird neun Monate dauern und Funde aus geheimnisvollen Tiefen holen, die die Forschung bis heute beschäftigen.

Audio herunterladen (27,2 MB | MP3)

Jubel beim Aufbruch der Valdivia in Hamburg

Das Schiff Valdivia sorgte für einige Aufregung bei den Schaulustigen, die sich Sonntagmittags am 31. Juli 1898 am Hamburger Hafen versammelt hatten. Nicht nur das schwanenähnliche Erscheinungsbild des umgerüsteten Schraubendampfers der Hamburg-Amerika-Linie war bemerkenswert – auch die Reise, zu der es aufbrach: Die allererste deutsche Tiefsee-Expedition. Die Mission: Licht ins Dunkel des Meeres zu bringen. Proben aus Tiefen zu holen, die je ein Mensch weder geborgen noch gesehen hat. Die deutsche Öffentlichkeit hoffte auf bahnbrechende Entdeckungen. Ein Unternehmen, das fast so verwegen anmutet wie Jules Vernes fantastische Reise-Romane.

Nicht nur die Schaulustigen am Hafen waren aufgeregt, auch die Mannschaft: Carl Chun, der Leiter der Tiefsee-Expedition, 42 Mann an Bord, alles in allem 13 Wissenschaftler, 30 Besatzungsmitglieder und 1 Dackel. Denn was sie zu dem Zeitpunkt noch nicht wussten: Sie würden in den nächsten neun Monaten den halben Globus umrunden und dabei mehr als 32.000 Seemeilen zurücklegen.

Carl Chun sorgte geschickt für beste Voraussetzungen

Der Leiter der Valdivia-Expedition, geboren bei Frankfurt, war Zoologie-Professor in Leipzig und leidenschaftlicher Meeresforscher. Er wollte die Lebensweise der Tiefsee-Organismen systematisch erforschen.

Für solch eine Expedition brauchte er vor allem die notwendigen Mittel von der Regierung. Geschickt verwies er auf das nationale Prestige: Die „Ehrenpflicht“ des Deutschen Reichs, in der Tiefseeforschung mit Großbritannien aufzuschließen. Kaiser Wilhelm II., ein Kenner der Marine, stellte daraufhin 300.000 Mark bereit – heute circa 1,8 Millionen Euro. Und weil es um das nationale Prestige ging, sollte die Valdivia auf dem neuesten technischen Stand sein. Namhafte Firmen wie Carl Zeiss sponserten Labore, Dunkelkammern, Konservierungsräume und Kühlanlagen, Lupen, Mikroskope und Objektive.

Route und Mannschaft

Nachdem Finanzierung und Ausstattung geklärt waren, plante Carl Chun die Route und stellte die Mannschaft zusammen:

Die Route folgte wissenschaftlichen Maßstäben, weniger politischen Interessensphären und kolonialem Besitz. Sie führte nicht nur durch die Meere der deutschen Kolonien: In weitem Bogen um Afrika, vom Kap aus in die kalten, antarktischen Stromgebiete und schließlich in den indischen Ozean.

An Bord waren Experten aus allen Gebieten der Zoologie, Botanik, Chemie und der Ozeanographie, ein Konservator, ein wissenschaftlicher Zeichner und ein Fotograf. Und obwohl im Schnitt erst um die 30 Jahre alt, war die wissenschaftliche Crew sehr erfahren.

Forschungsschiff Valdivia vor Reede (Foto: Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung)
Forschungsschiff Valdivia vor Reede. Quelle: Archiv der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung Bild in Detailansicht öffnen
Expeditionsroute der Valdivia (Aus Chuns populärem Buch „Aus den Tiefen des Weltmeeres" 1902) Quelle: Archiv der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung Bild in Detailansicht öffnen
Die Expeditionsteilnehmer, aufgenommen vor der Abfahrt 1898. Quelle: Archiv der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung Bild in Detailansicht öffnen
Adalbert Krech (1852 - 1907), Kapitän des Forschungsschiffs "Valdivia" IMAGO / Photo12 Bild in Detailansicht öffnen
König Rudolf Duala Manga Bell mit Angehörigen an Bord der Valdivia 23.09.1898 Friedrich Wilhelm Winter Museum für Naturkunde Berlin Bild in Detailansicht öffnen
Besuch der deutschen Kolonien Museum für Naturkunde Berlin Bild in Detailansicht öffnen
Taufschein von der Neptuntaufe von Carl Chun und August Brauer, 07.09.1898 sowie Ernst Vanhöffen, 06.07.1898. Museum für Naturkunde Berlin Bild in Detailansicht öffnen
Äquatortaufe Vanhöffens (6.9.1898) Museum für Naturkunde Berlin Bild in Detailansicht öffnen
Valdivia vor einem Eisberg Dezember 1898 Friedrich Wilhelm Winter Museum für Naturkunde Berlin Bild in Detailansicht öffnen
Grundnetz oder Dredsche Museum für Naturkunde Berlin Bild in Detailansicht öffnen
Bedienung der Sigsbee-Lotmaschine durch die Crew an Deck der Valdivia 4.3.1899 Friedrich Wilhelm Winter Museum für Naturkunde Berlin Bild in Detailansicht öffnen
Vorbereitung zum Auswurf eines Schließnetzes 4. oder 5.03.1898 Friedrich Wilhelm Winter Museum für Naturkunde Berlin Bild in Detailansicht öffnen
Crew mit gerade erlegten Haien 17.02.1899 Friedrich Wilhelm Winter Museum für Naturkunde Berlin Bild in Detailansicht öffnen
Reiseroute des Forschungsschiffs "Valdivia", 01.08.1898 - 01.05.1899 Museum für Naturkunde Berlin Bild in Detailansicht öffnen
Valdivia vor der Abreise am Petersenkai im Hamburger Hafen Museum für Naturkunde Berlin Bild in Detailansicht öffnen

Aufregende Entdeckungen

Die marinen Organismen, die bei jedem Einholen der Fangnetze zutage traten, begeisterten die Crew, inspirierten auch den Koch… Insgesamt beschrieben Carl Chun und seine Wissenschaftler 261 Arten, 63 davon neue Fischarten. Viele Tiere waren unbekannt und fremdartig: ein Tintenfisch, der leuchtende Tinte produzieren kann oder der Anglerfisch „Melanocetus crechie“– in der Dunkelkammer wartete so manche Überraschung. Auch Fische mit monsterhaften Teleskopaugen oder ein lebendes Fossil aus 1200 Metern Tiefe: der Vampyrotheutis infernalis, der Vampirtintenfisch aus der Hölle.  

Bordfotograf Fritz Winter fertigte zahlreiche Fotografien und Aquarellzeichnungen an, die bis heute einen großen wissenschaftlichen Nutzen haben.

Reisebericht zeigt und verschweigt auch andere Facetten

Die Fotos zeigen auch spektakuläre Eisberge der Antarktis, Männer mit Wäsche oder bei der Äquatortaufe: ein Foto-Tagebuch. Sie dokumentieren bei den vielen Landgängen außerdem die Lebenswelt der Landesbewohner*innen.

In Carl Chuns Reisebericht erläuterte er auf rassistische Weise die „brutale Urwüchsigkeit“ von Schwarzen, dagegen bezeichnet er die Einwohner*innen der Malediven als „schöne, gewandte und schlanke braune Gestalten“. Umso weniger geht es um die kolonialen Gräuel, die Ausbeutung und Unterdrückung der indigenen Bevölkerung in den deutschen und belgischen Kolonien.

Spekulativ lässt sich vermuten, aber nicht entschuldigen: Für Carl Chun schien das notwendig, um dem Deutschen Reich politisches Ansehen und seiner Bevölkerung Wohlstand zu verschaffen. Die kolonialen Zusammenhänge der Unternehmung wurden jedoch bislang kaum untersucht.

Die spektakulären Funde haben bis heute Relevanz

Am 1. Mai 1899 lief die Valdivia wieder in den Hamburger Hafen ein. Begleitet von Hurrarufen erwartete sie ein hochrangiges Empfangskomitee aus politischer Prominenz, selbst der Kaiser sendete ein Glückwunschtelegram. Über 38 Jahre hinweg wurden die Ergebnisse der Expedition von 55 Experten in 24 Bänden publiziert. Ihre spektakulären Funde sind noch immer bedeutsam für die weltweite Tiefseeforschung: Heute, rund 120 Jahre nach der Rückkehr, bestimmen Forscher*innen die Objekte und entdecken bislang unbekannte Arten. Bis dahin schlummern diese in mit Alkohol gefüllten Glaskolben im Museum für Naturkunde in Berlin.

SWR 2021

Polarstern

Klimaforschung Polarstern startet zu großer Arktis-Mission

Das Forschungsschiff Polarstern startet in Richtung Nordpol. Wissenschaftler wollen sich mit dem Schiff im Eis festfrieren lassen, um neue Erkenntnisse zum Klimawandel zu bekommen.  mehr...

Wissenschaftsgeschichte

Porträt Thomas S. Kuhn – Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen

Thomas Kuhn (1922 - 1995) gelang es, die Revolution in der Geschichte der Naturwissenschaften zu rekonstruieren, die mit Max Planck und Albert Einstein ihren Anfang nahm. (Produktion 2016)  mehr...

SWR2 Wissen SWR2

Porträt Margarete von Wrangell – Deutschlands erste ordentliche Professorin

Das "pulsierende Leben" der Chemie hat es Margarete von Wrangell angetan. Geschichte macht sie, als sie 1923 den Lehrstuhl für Pflanzenernährungslehre an der Universität Hohenheim erhält.  mehr...

Porträt | 150 Jahre DNA-Forschung Die Väter der Genetik: Gregor Johann Mendel und Friedrich Miescher

Vor 150 Jahren veröffentlichte Gregor Johann Mendel seine Züchtungsexperimente mit Erbsen. Zeitgleich entdeckte Friedrich Miescher die DNA. Heute gelten beide als Väter der Genetik. Von Michael Lange (SWR 2016) | http://swr.li/mendel-miescher  mehr...

SWR2 Wissen SWR2

Geschichte: aktuelle Beiträge

Die Macht … (1/10) Die Macht der Politik

In der Politik dreht sich fast alles um Macht. Seit der „Zeitenwende“ durch den Ukraine-Krieg stehen die Bundesregierung und ihr Umgang mit der Macht besonders im Fokus. Vera Kern im Gespräch mit Kilian Pfeffer (SWR 2022)  mehr...

SWR2 Wissen SWR2

Geschichte Polen und der Deutsche Orden – Wie Kreuzritter das polnische Selbstbild prägen

Vom 13. bis 15. Jahrhundert breiteten sich die Kreuzritter des Deutschen Ordens in Polen aus. Bis heute sind die Auseinandersetzungen mit dieser Zeit ein wichtiger Bezugspunkt für das polnische Selbstbild. Von Jan Pallokat (SWR 2022) | Mehr zur Sendung: http://swr.li/polen-deutscher-orden | Bei Fragen und Anregungen schreibt uns: wissen@swr2.de | Folgt uns auf Twitter: @swr2wissen  mehr...

SWR2 Wissen SWR2

Gesellschaft Russisches Baden-Baden – Wie der Ukraine-Krieg die Kurstadt verändert

Seit mehr als 200 Jahren pflegen Baden-Baden und Russland eine besondere Beziehung. Viele Russen leben in der Kurstadt. Mit dem Ukraine-Krieg aber kippt die Stimmung in der Stadt. Von Andreas Herrler. (SWR 2022) | Mehr zur Sendung: http://swr.li/russisches-baden-baden | Bei Fragen und Anregungen schreibt uns: wissen@swr2.de | Folgt uns auf Twitter: @swr2wissen  mehr...

SWR2 Wissen SWR2

Umwelt und Natur: aktuelle Beiträge

Landwirtschaft Tierische Helfer – Schafe im Weinbau

Vor wenigen Jahrzehnten waren Schafe im Weinberg noch normal. Heute sind sie selten, aber Naturwinzer entdecken die Schafe für sich wieder. Doch ist der Einsatz von Schafen im Weinbau nur eine nette Spielerei oder steckt noch mehr dahinter?  mehr...

SWR2 Impuls SWR2

Umwelt Wie gehen Insekten mit der Hitze um?

Durch den Klimawandel stehen viele Insekten vor neuen Herausforderungen. Die Trockenheit und die Hitze sind dabei die größten Probleme. Der NABU ruft ab heute wieder dazu auf, beim Insektenzählen zu helfen.  mehr...

SWR2 Impuls SWR2

Landwirtschaft Honigernte – Trockenheit führt zu Problemen

Imker stehen wegen des Klimawandels vor neuen Herausforderungen. Letztes Jahr waren es die starken Regenfälle und in diesem Sommer ist die Trockenheit ein Problem für die Bienen.  mehr...

SWR2 Impuls SWR2