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Fette Beats und dünne Daten Die Geschichte von MP3

Musik, Sprache, Geräusche in Radio, Fernsehen und Internet – unsere Ohren werden ständig mit digital komprimiertem Klang konfrontiert und dabei meistens sehr geschickt getäuscht. Doch was passiert, wenn das unsere Fähigkeit zum Hören nachhaltig verändert? Können wir komprimierte MP3-Musikdateien von ihrem Original überhaupt unterscheiden?

Frau hört Musik

Hörgenuss ist auch mit MP3 möglich

1988 traf sich die internationale Standardisierungsgruppe Moving Pictures Experts Group, kurz "MPEG", in Hannover, eigentlich mit dem Ziel, Bildsignale für die heute längst vergessene Video-CD zu komprimieren. Schon das Kürzel mp in mp3, das für bewegte Bilder, also Moving Pictures, steht, lässt erahnen, dass es ursprünglich gar nicht um Musik ging.
Das sich Anfang der 90er-Jahre noch in den Kinderschuhen befindliche Internet hatte damit früh seine Stimme gefunden: MPEG-1 Audio Layer 3, kurz: MP3.

Um das Ursprungssignal klein zu rechnen, werden die Methoden der Psychoakustik benutzt, die sich mit den Wechselbeziehungen zwischen dem subjektivem Erleben und tatsächlich messbaren Ereignissen beschäftigt. Verbunden mit dem Ziel, nur für den Menschen bewusst hörbare Audiosignale zu speichern, wird das Gehör ausgetrickst, sprichwörtlich übers Ohr gehauen.


Redundanz und Irrelevanz

Der erste Effekt hierbei ist, dass jede Art von Audiosignal Redundanz enthalten kann. Eine Flöte beispielsweise zeigt in ihrem Frequenzbild den Grundton und noch einige Obertöne. Darüber hinaus befindet sich nichts weiter im Klangspektrum, deshalb kann man sich auf die bekannten Bereiche konzentrieren, wenn es an die Komprimierung geht.

Klangspektrum

Klangspektrum

Wenn jedoch mehr Geräuschanteile dazu kommen, bei moderner Popmusik etwa, greift die Redundanz weniger. Jedoch kommt bei Signalen mit wenig Redundanz ein anderer Effekt zum Tragen, denn die Frequenzen überlagern sich hier und erzeugen eine hohe Verdeckung für das Ohr.

Dies ist der zweite Effekt, den MP3 sich zunutze macht, um Daten einzusparen: die Irrelevanz. Das Innenohr wirkt hier wie ein Filter, welcher das reinkommende Schallereignis in verschiedene Frequenzen und somit in verschiedene Tonhöhen zerlegt.

Das Geheimnis der Gehörschnecke
In der Gehörschnecke im Innenohr liegen mit etwa 15.000 Härchen besetzte Sinneszellen. Die hohen Töne werden von den Härchen am Eingang der Gehörschnecke aufgenommen, die tiefen von denen am Ende.

Mann hört Musik

Durch MP3 verändern sich die Hörgewohnheiten

Wenn das eintreffende Schallereignis einen hohen Geräuschanteil hat, sind alle Härchen gleichzeitig am Schwingen. Dann gehen leisere Ereignisse, welche gleichzeitig stattfinden, einfach unter, weil das mechanische System schon völlig beschäftigt ist mit der Wahrnehmung der lauten Signale. Die Leisen werden irrelevant. Doch selbst gut aufbereitete MP3s haben es bei vielen Musikliebhabern schwer. Der Musiker Neil Young sagt in einem Interview, dass sich die vollständige Musik sogar nur auf LP und Blue Ray hören lasse. Wer zwei gesunde Ohren hätte, so Neil Young weiter, müsste sich sagen: „Da mache ich nicht mit. Behaltet euren Dreck. Ich gehe lieber angeln.“


Die Ohren sind wechselhaft

Ein Großteil der Menschen hört heute Musik über billige Kopfhörer oder schlechte Computerlautsprecher und kennt keine Musik in hoher Qualität.

Zischelnde und verwaschen klingende MP3s bestimmen den Höralltag vor allem jüngerer Generationen. Sie werden sogar zur Norm. So jedenfalls könnten die Ergebnisse der Versuche des Komponisten und Professors Jonathan Berger interpretiert werden, der über mehrere Jahre mit den Studenten eines Kurses die Qualität von verschiedenem Audiomaterial verglich. In Blindtests und auf einer qualitativ hochwertigen Anlage spielte er ihnen Ausschnitte von Musikstücken in unterschiedlichen Bitraten vor.

Masse gewinnt an Klasse

Frau entspannt sich bei Musik

Frau entspannt sich bei Musik

Die Musikausschnitte in der höheren Audioqualität erhielten jedoch nicht automatisch den Vorzug. Im Laufe der Jahre wurden sogar MP3s in niedriger Bitrate bevorzugt. Berger fiel auf, dass in diesen bevorzugten Musikausschnitten viele hochfrequente Geräusche enthalten sind. Beckenschläge, Blechbläser, viel Percussion – wenn diese laut vorkamen, wurden diese Musikausschnitte ganz klar in niedrigen Bitraten bevorzugt.

Hinzu kommt eine Dynamikkompression, die keinen Unterschied mehr zwischen laut und leise kennt, sondern alles bloß nur noch laut macht. Letzterer Effekt ist nicht nur im Pop allgemein verbreitet und wird Loudness War, Lautheitskrieg genannt.

Überall und mobil

Ein Grund für den Erfolg von MP3 liegt ganz sicher in der Mobilität des Formats. Unsichtbar kann da die ganze Popgeschichte auf dem kleinen Abspielgerät lagern. Die einzelnen MP3s entstammen dabei häufig verschiedensten Quellen und haben große Qualitätsunterschiede.

Mit MP3 hat sich auch der Musikkonsum und damit das Konzept vom Tonträger verändert. Die Musik erscheint so häufig nicht als Teil eines Albums, sondern als einzelner Song, der eingebaut wird in den Soundtrack zum eigenen Alltag. Das Konzept vom Album ist nicht mehr zeitgemäß. Auch das verändert das Hören und eröffnet neue Möglichkeiten.


Das Ende der CD

Andererseits bringt immer mehr Musikliebhabern die LP eine Wertigkeit, die eine MP3-Datei auf einer Festplatte nicht bieten kann. Der Absatz von Schallplatten steigt seit einigen Jahren an, 2011 allein um 20 Prozent, macht allerdings insgesamt nur etwa ein Prozent am Gesamtumsatz mit physischen Tonträgern aus. Doch im Gegensatz zu den 1980erJahren, als man mit dem Erscheinen der CD glaubte, die LP demnächst zu Grabe tragen zu können, muss man heute eher das Ende der CD befürchten. Eine bemerkenswerte Folge von MP3.

Das größere Problem aus klangqualitativer Sicht sei jedoch, dass vieles von dem was heute an Musik produziert wird, im Hifi-Sinne einfach nicht gut klingt. Das hat viel mit der maximalen Dynamikeinschränkung in modernen Produktionen zu tun, dem erwähnten Loudness War, bei dem sowohl Musiker als auch Produzenten versuchen, im Endergebnis ein möglichst hohes Lautstärkeempfinden beim Hörer zu erreichen. Die Klangqualität bleibt dabei auf der Strecke.


Hifi ohne Ende

Wenn der Massenmarkt keine vernünftige Klangqualität mehr bietet, müssen es die Hifi-Hersteller selbst machen. Die renommierte britische Firma Naim-Audio hat ein eigenes Label gegründet, bei dem die Musik in bestmöglicher Qualität aufgenommen wird. Nach Meinung von Naim geschieht das am besten ganz ohne Digitaltechnik, rein analog.


Ein Tontechniker an einer digitalen Mischpultanlage

Ein Tontechniker an einer digitalen Mischpultanlage

Auf der Naim-Label-Website lassen sich CD und Vinyl erwerben, aber auch verschiedene Download-Varianten, die bis hin zur Möglichkeit des sogenannten High-Definition Downloads gehen, der einer Auflösung von 24bit und 88.2kHz entspricht und bei einem Album etwa einer Datenmenge von 1,5 GB.

In Zeiten von MP3 ist Hifi zur Nische geworden. Doch braucht sich niemand Sorgen zu machen, dass die Ohren irgendwann nur noch Klänge hören könnten, die von
Kompressionsverfahren möglichst klein gerechnet sind. Denn das Live-Konzert, aber auch die Vögel im Park, der Gitarrenspieler auf der Bank – sie alle sind garantiert datenunkomprimiert.

Ganz natürlich, und ohne Technik im Ton.



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