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Zeit für Träume

Kino im Kopf Die Botschaft der Träume

Hirnscans und Traumdatenbanken führen zu neuen Erkenntnissen über die Bedeutung von Träumen. In seinem neuen Buch "Träume" stellt der Journalist Stefan Klein den aktuellen Forschungsstand dar.

In Träumen ist fast alles möglich

In Träumen ist fast alles möglich

Wann haben Sie zum letzten Mal geträumt? Heute früh am Morgen, im Halbschlaf, gestern zwei Stunden nach dem Einschlafen? Schlafforscher und Traumforscher sagen ja, wir träumen im Schlaf sehr oft, es gibt keine traumlose Nacht, es gibt oftmals nur keine Erinnerung daran. Doch was machen Träume mit uns? Kommen Sie aus den Tiefen des Ich und erzählen uns eine ganz andere Geschichte über uns selbst, unsere Ängste und Wunden, hatte der gute alte Freund also Recht? Oder sind diese nächtlichen Bilderfluten etwas völlig Profanes? Der Wissenschaftsjournalist und Buchautor Stefan Klein versucht die Fragen zu beantworten, in seinem neuen Buch: "Träume- eine Reise in unsere innere Wirklichkeit".

Herr Klein, wann haben Sie zum letzten Mal erinnerbar geträumt?
"Heute Nacht, das war eine wirre Geschichte, ich bin mit der U-Bahn durch den Südwesten Berlins gefahren, das Komische war, dass die U-Bahn durch Wohnungen fuhr, einfach so, vorbei an Esstischen und Schränken, mir taten die Menschen in diesen Wohnungen leid."

Schlafendes Baby

Träume bereiten uns auf die Zukunft vor, wir proben darin bestimmte Situationen, die uns begegnen werden


Klingt rätselhaft, hatte das etwas mit Ihrem Alltag zu tun?
"Das hatte mit etwas ganz Einfachem zu tun, nach unserem Gespräch werde ich nach Dahlem fahren, mit der U-Bahn, der Traum war eine Vorwegnahme des Ausflugs. Träume sind eben keine wiedergekäute Vergangenheit, Träume bereiten uns auf die Zukunft vor, wir proben darin bestimmte Situationen, die uns begegnen werden."

Träume basieren also auf der antizipativen Kraft des Gehirns?
"Genau, unser Gehirn macht ständig Prognosen, in Träumen verarbeiten wir Erfahrungen, und wir tun dieses mit einem Ziel, wir wollen die Zukunft besser verstehen, auf zukünftige Situationen besser vorbereitet sein. Wie dazu jetzt mein Traum passt, weiß ich allerdings leider nicht" (lacht).

Sigmund Freud (1856-1939)

Der österreichische Arzt Sigmund Freud(1856-1939), Begründer der theoretischen und praktischen Psychoanalyse, gilt als Entdecker des Unbewussten.


Das bedeutet auch: Freud hat Unrecht, er meinte ja, Träume kämen aus dem Unbewussten, damit würden wir Tabuisiertes, Verdrängtes bearbeiten?
"Ja sicher, Freud ist nicht mehr aktuell. Die Vorstellung, es gäbe etwas Verdrängtes, was im Traum bearbeitet wird, das ist falsch. Ich glaube, wir merken im Traum schon Dinge, die wir tagsüber nicht so bemerken, aber es geht da nicht um geheime, verborgene schreckliche Dinge, unser Gehirn funktioniert nachts einfach anders, daher der Unterschied zum Wachzustand."

Gibt es dafür neue wissenschaftliche Belege?
"Ja, es gibt so viele neue Daten etwa von der Hirnforschung, die zeigen, was beim Träumen im Gehirn passiert und die uns deutlich machen, dass Freud leider nur zum Teil Recht hatte. Ich finde es erstaunlich, das alle sich wundern, wenn man Freud widerspricht, sein Werk die „Traumdeutung“ war doch epochal, aber eben vor 115 Jahren.

Freud hat uns stark geprägt, wir denken eben, man müsse Träume entschlüsseln, sie würden eine geheime Botschaft enthalten?
Ja, genau, aber es kann doch nicht, dass wir 115 Jahre nach seinem Buch Freud immer noch glauben; er hatte in vielen Dingen Unrecht, weil er zum Beispiel noch nicht über einen Computertomografen verfügte."

Grafik eines menschlichen Gehirns

Nachts versucht das Gehirn, Erfahrungen zu verarbeiten, legt Erinnerungen an, lernt, antizipiert Zukunft, räumt das Chaos des Alltags auf und organisiert sich selbst


Entzaubern Sie also den Traum?
"Ja und Nein, die meisten Träume sind eben wie eine Wettervorhersage, sie bereiten uns auf die Zukunft vor, aber sie sagen auch sehr viel darüber aus, wer wir eigentlich sind."

Was meinen Sie genau?
"Träume können uns die Unterströme der Seele vermitteln, also, sie zeigen, was uns wirklich beschäftigt, was wir im Alltag nicht mehr wahrnehmen können. Ich träume vor wichtigen Vorträgen häufig von unangenehmen Prüfungssituationen, was will mir das sagen? Ein Freudianer würde da sagen, na ja, das habe mit verdrängter Sexualität zu tun. Falsch, da manifestiert sich nur eine Angst, öffentlich bloß gestellt zu werden, das sagt doch viel über mich aus. Träume zeigen auch, wie Bilder in unseren Köpfen entstehen, überhaupt wie Realität entsteht."

Wenn ich also träume, ich habe wieder mal meine Moderationen vergessen, und habe jetzt eine Livesendung, habe ich Versagensangst?
"Ja, wie ich, aber es kommt noch etwas hinzu: Im Traum sind alle Zentren, die für Handlungsplanung wichtig sind, auf Aus gestellt, das heißt, genau deshalb haben Sie im Traum oftmals einfach keinen Plan, sind orientierungslos, sind hilflos, das hat hirnphysiologische Ursachen. Das hat damit zu tun, wie unser Gehirn nachts funktioniert, es versucht in dieser Zeit Erfahrungen zu verarbeiten, es legt Erinnerungen an, es lernt, es antizipiert Zukunft, es räumt das Chaos des Alltags auf, es organisiert sich selbst. Und es unterscheidet Wichtiges von Unwichtigem. Es werden Gefühlsgehalte einer Erinnerung von der damit zusammenhängenden Szene getrennt. Das hilft mir etwa traumatische Szenen zu verarbeiten, irgendwann wird mit der Szene, die das Trauma verursachte, nicht mehr mit dem Gefühl der Panik verbunden sein. Das ist Psychohygiene."

Buch: Stefan Klein; Träume - Eine Reise in unsere innere Wirklichkeit

Das Buch "Träume" von Stefan Klein


Wie entstehen die Traumbilder in unserem Kopf?
"Wir haben vieles gelernt aus Träumen blind geborener Menschen. Wir wissen, dass auch diese Menschen in Bildern träumen, und manche von ihnen können diese Bilder zeichnen. Diese Bilder werden in den höheren Zentren des visuellen Kortex gebildet, und zwar aufgrund anderer Informationen, Informationen aus dem Tastsinn, Informationen aus gehörten Geschichten. Das Gehirn erzeugt daraus eine virtuelle Realität, es ist ein Konstrukteur, und Träume sind so etwas wie eine virtuelle Realität. Und auch tagsüber leben wir in einer solchen virtuellen Realität, unser Gehirn bildet die Wirklichkeit eben nicht eins zu eins ab, es sind immer Konstruktionen, und tagsüber wird die virtuelle Realität immer mit der empirischen Realität abgeglichen, nachts fällt diese Korrektur weg."

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