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Crystal Meth Tüte

Wach mit Crystal, high mit Badesalz Gefahr durch Designerdrogen

Präsent, bestens gelaunt und hoch motiviert - auch bei eher langweiligen Arbeiten. Genau das machen Designerdrogen auf der Basis von Amphetaminen möglich. Doch die Inhaltsstoffe zerstören das Leben der Nutzer durch Abhängigkeit und Langzeitschäden. Außerdem ist den als Badesalz- und Kräutermischungen getarnten "Legal Highs" mit Recht und Gesetz kaum beizukommen, weil die Substanzen immer wieder von den Herstellern abgewandelt werden.

Crystal Meth ist ein großes Geschäft, die Produktion der Droge erschreckend einfach. Ephedrin oder Pseudoephedrin, also Stoffe, die auch in Husten- oder Grippemedikamenten enthalten sind, werden durch Jodwasserstoffsäure oder Jod und rotem Phosphor reduziert.

Proben mit Amphetamin stehen im Landeskriminalamt (LKA) in Mainz auf einem Labor-Tisch

Proben mit Amphetamin stehen im Landeskriminalamt (LKA) in Mainz auf einem Labor-Tisch

Extrem gefährlich

Zum Teil wird statt zur Reduktion auch Lithium aus einfachen Batterien verwendet. Anschließend wird das Ganze in die weißen Crystal-Kristalle umgewandelt. Die werden dann geschnupft, geraucht oder inhaliert und sind extrem gefährlich, betont der Psychotherapeut und ehemalige Oberarzt der Hochstädter Suchtklinik, Prof. Roland Härtel-Petri.

Der Suchtmediziner beschäftigt sich seit Ende der 90er Jahre mit der synthetischen Droge. Er hat ein Buch zum Thema geschrieben "Crystal, wie eine Droge unser Land überschwemmt", ist bei diversen Expertenanhörungen aufgetreten und warnt beharrlich vor den dramatischen Folgen des Crystal-Konsums.

Langer Kater

Denn diese sorgen dafür, dass die Membranen der Zelle selbst und die Mitochondrien absterben und dadurch stirbt dann auch die ganze Nervenzelle, das Axon ab. Dann braucht es bis zu eineinhalb Jahren, bis das wieder ausgewachsen ist, bis der Mensch sich wieder richtig motivieren kann.

Gesprächs-Situation zwischen junger Frau und Psychotherapeutin

Traurige Bilanz: Es kann bis zu eineinhalb Jahre dauern, bis das Gehirn regeneriert ist und sich der Mensch wieder richtig motivieren kann

Parallel zu diesen neurologischen Veränderungen in der Zelle, hat Crystal Meth diverse Nebenwirkungen, darunter Gewichtsverlust, Hautentzündungen, Haar- und Zahnausfall und in vielen Fällen Magenschmerzen, Herzrhythmusstörungen und Muskelschwäche. Eine lange Liste also, die durch gravierende psychische Folgen der Droge ergänzt wird.

Kein Schlaf und Psychosen

Durch die Schädigung bestimmter Hirnbereiche haben Crystal-Konsumenten häufig nicht nur Wortfindungsschwierigkeiten oder Probleme mit dem Zahlengedächtnis, warnt Roland Härtel-Petri, sie entwickeln zudem ausgeprägte Psychosen.

Die Psychologin Annegret Sievert hat die Crystal-Therapie in der Suchtklinik Hochstadt 2008 zusammen mit Roland Härtel-Petri entwickelt. Eine erste Crystal-Welle hatte die Bundesländer an der Grenze zu Tschechien schon Ende der 90er Jahre erreicht.

Grafik eines menschlichen Gehirns

Durch die Schädigung bestimmter Hirnbereiche haben Crystal-Konsumenten häufig nicht nur Wortfindungsschwierigkeiten oder Probleme mit dem Zahlengedächtnis, sie entwickeln zudem ausgeprägte Psychosen

Drogen über Tschechien

In der ehemaligen Tschechoslowakei wurde schon vor der Wende mit dem Kochen des Methamphetamins experimentiert. Die zweite Crystal-Welle kam dann ab 2007 – als das Land Teil des Schengen-Raums wurde und damit die Grenzkontrollen zwischen Deutschland und Tschechien wegfielen.

Schon während er noch von Crystal abhängig war, hat Sebastian Caspar begonnen zu schreiben. Inzwischen ist sein zweites Buch erschienen - ein Roman mit dem Titel "Zone C", in dem er die eigenen Erfahrungen mit der Droge verarbeitet. Sebastian Caspar besucht heute sächsische Schulen und liest dort aus seinen Büchern.

Er will damit Jugendliche vor der gefährlichen Droge Crystal warnen. Solche Aufklärungs-Initiativen seien ganz wichtig, um die Ausbreitung der Droge einzudämmen, erklärt Sascha Milin vom Zentrum für Interdisziplinäre Suchtforschung in Hamburg. Das Hamburger Zentrum hat im Februar 2014 im Auftrag der Bundesregierung eine erste, nicht repräsentative Studie zu Konsum-Mustern und Konsumenten-Typen von Amphetaminen und Methamphetaminen vorgelegt.

LKW wird durchleuchtet

Die Röntgenbilder zeigen Sporttaschen mit Drogen in einem LKW, der bei einer Zollkontrolle in Trier untersucht und gescannt wird

Drogen bei der Arbeit

Die Annahme, dass es sich bei dem Stoff ausschließlich um ein Partydrogen-Phänomen handele, wurde durch die Studie eindeutig widerlegt. Nicht nur Jugendliche konsumieren das Methamphetamin, sondern auch Lkw-Fahrer oder Bauarbeiter. In ihrer Untersuchung sind die Hamburger Forscherinnen und Forscher auf ein ganzes Motivbündel gestoßen – laut Milin geht es dabei vorrangig um eine vermeintliche Leistungssteigerung, die auch irrationale Vorstellungen von Leistung beinhalten kann.

Jeder Zweite der 400 in der Hamburger Studie Befragten konsumiert die Droge bei der Arbeit, ebenso viele erleichtern sich die Hausarbeit mit den Kristallen, ein Viertel der Probandinnen und Probanden nimmt sie in der Schule oder in einer anderen Ausbildungsstätte. Die Betroffenen selbst wünschen sich weniger Abschreckung und mehr sachliche Informationen.

Junger Mann schaut nachdenklich auf den Bildschirm seines Notebooks

Jeder Zweite der Befragten konsumiert die Droge bei der Arbeit, ebenso viele erleichtern sich die Hausarbeit damit

Unsichtbare Sucht

Die Meth-Faces-Kampagne aus den USA etwa, in der Crystal-Abhängige mit aufgekratzter Haut im Gesicht und ausgefallenen Zähnen gezeigt werden, lehnen die meisten Betroffenen als übersteigerte Darstellung komplett ab. Die Soziologin und Sozialpädagogin Gundula Barsch von der Fachhochschule Merseburg kann das nachvollziehen. Sie sieht in Zeitungen, Funk und Fernsehen häufig einen Hang zur unsachlichen Crystal-Berichterstattung.

Zusammen mit ihren Studierenden hat auch Gundula Barsch 2014 eine empirische Studie zum Lebens- und Konsumalltag mit der Modedroge Crystal vorgelegt. Obwohl viele Kolleginnen und Kollegen skeptisch waren, ob Crystal-Abhängige tatsächlich als verlässliche Interviewpartner auftreten können, hat die persönliche Befragung der Konsumenten funktioniert.

Wie nimmt man das?

Die größte Überraschung war für Gundula Barsch tatsächlich, dass die Konsumenten nur wenig Informationen zu der Substanz Crystal Meth haben, das ginge schon damit los, dass sie eigentlich nicht genau wüssten, wie sie es dosieren sollen.

Verschiedene Kräutermischungen-Verpackungen liegen auf einem Tisch

Unter dem Begriff Legal Highs werden sogenannte Räuchermischungen, Badesalze und Research Chemicals zusammengefasst

Für Gundula Barsch steht fest: Das gegenwärtige Drogenhilfesystem ist mit den Crystal-Patienten eindeutig überfordert. Während sich für Opiat-Abhängige mittlerweile ein verlässliches Angebot etabliert habe, sei das bei Crystal ganz anders.

Drogen im Internet

Volker Auwärter kennt Drogen in all ihren Formen. Der Laborleiter der Forensischen Toxikologe an der Universität Freiburg gilt als der maßgebliche Experte für Legal Highs in Deutschland. Dort, wo es Symposien oder Sachverständigenanhörungen zum Thema gibt, ist auch er.

Unter dem Begriff Legal Highs werden sogenannte Räuchermischungen, Badesalze und Research Chemicals zusammengefasst – alles synthetisch hergestellte Drogen, die zu kleinen Preisen im Internet angeboten werden und deren Konsum und Verkauf nicht strafbar ist.

Badesalz und Räuchermischung

Die synthetischen Drogen, die jeder für kleines Geld im Internet kaufen kann, werden Legal Highs genannt, weil sie irgendwo zwischen gesetzlich verbotenen Drogen und regulierten Arzneimitteln angesiedelt sind. Die Hersteller ändern die Zusammensetzung der Substanzen nur geringfügig – und schon hat der Gesetzgeber keine Handhabe mehr.

Badeutensilien

In Bayern, Rheinland-Pfalz und in Baden-Württemberg leben die meisten Nutzer der Legal Highs, weil die strafrechtliche Verfolgung von Cannabiskonsum in diesen Bundesländern am restriktivsten ist

Ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs vom Juli 2014 hat diese Ohnmacht noch verstärkt. Danach fallen Kräutermischungen, die synthetische Cannabinoide enthalten, nicht unter das Arzneimittelgesetz. Insofern kann der Verkauf der Legal Highs auch weiterhin nicht strafrechtlich verfolgt werden.

Legalisierungsfrage

Diese Stoffe begegnen auch den Drogenberaterinnen Nicole Benz und Friedlinde Kimuli von der Organisation Release in Stuttgart. RELEASE ist eine von insgesamt fünf Suchtberatungsstellen in der baden-württembergischen Landeshauptstadt. Im Alltag hätte sie durchaus Klienten, die Legal Highs konsumierten, erzählt Nicole Benz. Es gibt aber offenbar auch diejenigen, die von Cannabis jetzt zu Legal Highs gewechselt sind, fügt ihre Kollegin Friedlinde Kimuli hinzu.

Die Statistik bestätigt das. In Bayern, Rheinland-Pfalz und in Baden-Württemberg leben die meisten Nutzerinnen und Nutzer der Legal Highs, weil die strafrechtliche Verfolgung von Cannabiskonsum in diesen Bundesländern am restriktivsten ist. Dennoch befürworten die beiden Stuttgarter Drogentherapeutinnen keine komplette Legalisierung von Cannabis nach amerikanischem Vorbild, wie sie in Deutschland seit einiger Zeit diskutiert wird.

Informationen fehlen

In jedem Fall gilt: Nur wer die Gefährlichkeit der Substanzen kennt, die er oder sie konsumiert, kann richtig handeln. Der Toxikologe Volker Auwärter plädiert deshalb für das "Drugchecking". Leute, die Drogen konsumieren, sollen diese abgeben und überprüfen lassen können. In Österreich und in der Schweiz ist dieses Verfahren bereits zugelassen, in Deutschland nicht. Auwärter findet das definitiv falsch.

Auch der Bayreuther Suchtmediziner Roland-Härtel-Petri will das Drugchecking in Deutschland legalisieren - als ein Baustein der Aufklärung. Die ist nach Meinung aller befragten Experten extrem wichtig. Nur so kann verhindert werden, dass die hochgefährliche Droge Crystal Meth und die von ihren Wirkungen her völlig unkalkulierbaren Legal Highs von immer mehr Menschen im gesamten Bundesgebiet konsumiert werden.

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