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Leben im Untergrund Boden - die dünne Haut der Erde

In einer Handvoll Boden befinden sich mehr Lebewesen als Menschen auf der Erde. Doch im öffentlichen Bewusstsein spielt der Boden eine untergeordnete Rolle. Vom Klimawandel redet die ganze Welt, während Boden für den modernen Menschen oft nur der Dreck ist, in dem sich Kinder schmutzig machen. Der Boden – das ist die dünne Haut der Erde, eine ganz eigene Lebenswelt, die Wissenschaftler erst langsam beginnen zu verstehen.

Der Mond ist zum Teil besser erforscht als der Boden unter unseren Füßen. Denn der Mond ist tot, während der Erdboden voller Leben ist. Für den Bodenzoologen Willi Xylander, Direktor am Senckenbergmuseum in Görlitz, ist diese Lebenswelt im Erdboden ein Universum für sich, in der es noch viel zu entdecken gibt.

Raffiniertes Netz von Abhängigkeiten

Willy Xylander

Willy Xylander

Im Boden gibt es ein raffiniertes Netz von gegenseitigen Abhängigkeiten auf den unterschiedlichsten Größenskalen, weiß Xylander. Von Bakterien, Archaebakterien und anderen Einzellern über Pilze bis hin zu den Würmern und schließlich den Kleinsäugetieren.

Sie alle seien daran beteiligt, den Boden aufzubereiten, zu durchlüften, und somit die Lebewelt darüber überhaupt erst zu ermöglichen. Bäume, Büsche, Gräser  leben von dieser Arbeit. Willi Xylander hat auch ein Lieblingsbodentier – den sogenannten Springschwanz. Seinen Namen trägt er, weil er sich mit Hilfe seines Hinterteils durch das Laub katapultieren kann.

Springschwanz

Ein Springschwanz unterm Mikroskop

"Sie sind eines der zahlreichsten Bodentiere und besonders wichtig für das Recycling von Falllaub", erzählt Xylander. Und sie treten in unglaublichen Zahlen auf. 50 000 bis 500 000 Stück befinden sich in einem Laubwald, pro Quadratmeter.

Ein Feld wird mit Pestiziden besprüht

Der Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft

Undurchschaubare Größe

So faszinierend das Leben im Boden ist, so sehr ist es vielerorts in Gefahr. Weltweit werden Böden versiegelt oder abgetragen. Sie werden durch schwere Landmaschinen verdichtet, oder mit Dünger und Pestiziden chemisch belastet. Das alles wirkt sich auch auf das Leben im Boden aus. Wir kennen bei weitem noch nicht alle Organismen im Boden, sagt Xylander:  "Wir können auch diese Abläufe nicht mit den Augen erfassen. Und weil wir Menschen optische Wesen sind, wird uns der emotionale Zugang zum Boden oft erschwert".

Kinder in der Wüste von Kenia

Kinder in der Wüste von Kenia.

Die Prozesse im Boden sind auch deshalb noch so wenig verstanden, weil es den einen Boden nicht gibt. Böden sind überall anders. Es gibt sandige und lehmige, tiefgründige und flachgründige, nasse und trockene, kalkhaltige und saure, magere und nährstoffreiche Böden und vor allem: All diese Eigenschaften entwickeln im Boden eine Eigendynamik, Böden verändern sich mit der Zeit – auch je nach Klima - sie können altern und sich weiterentwickeln.


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Die dünne Haut der Erde

Paal, Gabor

In einer Handvoll Boden befinden sich mehr Lebewesen als Menschen auf der Erde. Doch im öffentlichen Bewusstsein spielt der Boden eine untergeordnete Rolle. Vom Klimawandel redet die ganze Welt, während Boden für den modernen Menschen oft nur der Dreck ist, in dem sich Kinder schmutzig machen. Der Boden ist die dünne Haut der Erde, eine ganz eigene Lebenswelt, die Wissenschaftler erst langsam beginnen zu verstehen.

Und die besten Böden der Welt – das sind die sogenannten Schwarzerden. Sie finden sich in den gemäßigten Klimazonen zwischen den Laubwäldern und den Steppen. Es gibt sie in Kanada, den USA, Osteuropa bis nach Zentralasien. Der  Klimaforscher Hartmut Graßl nennt diese ertragreichen Böden die Brotkörbe der Menschheit.

Klimaforscher Hartmut Graßl

Klimaforscher Hartmut Graßl

"Würden wir diese Regionen allein landwirtschaftlich nutzen und nicht so viel Fleisch essen, dann könnten wir locker die gesamte Menschheit mit Getreide versorgen", sagt Graßl.

Keine Lobby für den Boden

Das Problem ist: In den Gegenden, wo die Böden eigentlich am besten sind, stehen sie gar nicht mehr zur Verfügung, weil sich oft genau dort die großen Metropolregionen entwickelt haben. Dort waren die Böden gut und Wasser war auch vorhanden. Doch der Boden hat weltweit noch keine Lobby. Auf der Rio-Konferenz 1992 wurde zwar eine Klimakonvention verabschiedet, später gab es ein Klimaprotokoll, aber keine internationalen Abkommen zum Bodenschutz. Obwohl dieses Problem mindestens die gleiche Aufmerksamkeit verdienen würde. Beide hängen aber auch miteinander zusammen. In den Alpen beispielsweise hat sich das Klima schon um ein Grad erwärmt, doch die Natur hinkt der Erwärmung hinterher. Und das liegt am Boden sagt Graßl: „Bei einem Grad Celsius Erwärmung müsste die Waldgrenze um 150 Meter nach oben wandern. Und das sehen wir nicht. Denn es muss erst der richtige Boden gebildet werden.“

Massenrodung und Tagebergbau

Die Bildung von neuem Boden dauert Jahrhunderte, manchmal Jahrtausende. Im Mittelmeerraum haben sich die Böden immer noch nicht von den Massenrodungen durch die Römer erholt. Willi Xylander wiederum untersucht, wie sich die Böden in Gebieten ehemaligen Tagebergbaus erholen. "Es müssen erst mal Organismen einwandern um diesen sterilen Boden als Ökosystem wieder funktionsfähig zu machen. Das mag sich vielleicht in 100 Jahren einstellen.", sagt Xylander. "Die Struktur von Böden, und damit auch die Funktionalität, so wie ein gewachsener Boden ist, wird wahrscheinlich mehrere Hundert Jahre brauchen, um komplett zu regenerieren".

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