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Martina Keller (Foto: Martina Keller)
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Kann man das Herz eines Menschen austauschen wie eine defekte Pumpe? In der Nacht vom 2. auf den 3. Dezember 1967 wagte der südafrikanische Chirurg Christiaan Barnard eine Operation, die niemand vor ihm riskierte. Er wusste, dass es ihn seine Karriere kosten würde, würde der Eingriff scheitern. Doch er gelang - und Barnard schrieb Medizingeschichte.

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In der Nacht vom zweiten auf den dritten Dezember 1967 Jahren führt Herzchirurg Barnard die weltweit erste Herztransplantation am Groote-Schuur-Hospital in Kapstadt durch. Sein Patient ist der 54-jährige, schwer herzkranke Gemüsehändler Louis Washkansky.

Das Operationsteam der ersten Herztransplantation (Foto: Imago, Imago/Fotograf XY -)
Bernard hatte sein OP-Team genau auf die Transplantation vorbereitet. Imago Imago/Fotograf XY -

Eine Augenzeugin erinnert sich an die Operation

Die Kardiotechnikerin Dene Friedman gehörte vor 50 Jahren zum Team der ersten Herztransplantation. Die heute 76 Jährige erinnert sich noch genau an diese Nacht: „Wir starteten also die Transplantation um ein Uhr morgens, Professor Barnard war offensichtlich in Hochspannung, er ging ständig raus und rein aus dem OP. Er sagte: Seid ihr bereit? Seid ihr bereit? Alles fertig? Er hatte Angst.“

Herzchirurg Barnard hat bisher nur an Hunden geübt

Bis dahin ist der 45-jährige Chirurg Barnard nur in Fachkreisen bekannt. Nun plant er eine Herzverpflanzung – eine Operation, die noch niemand vor ihm gewagt hat, obwohl sich mehrere Teams in anderen Ländern seit Jahren darauf vorbereiten. Barnard selbst hat den Eingriff zuvor an mehreren Hunden geübt, die allesamt rasch verendet sind. Doch er wagt das Risiko.

Der Zufall führt dem Transplanteur die perfekte Spenderin zu

Denise Darvall ist 25 Jahre alt, als sie mit ihrer Mutter eine grüne Fußgängerampel überqueren will. Ein heranrasendes Fahrzeug erfasst beide Frauen. Die Mutter ist auf der Stelle tot. Denise Darvall wird mit schweren Hirnverletzungen in das Groote Schuur Hospital eingeliefert. Diese Verletzungen wird sie nach Einschätzungen des Ärzteteams nicht überleben. Der Vater stimmt der Spende ihres Herzens zu.

Die Operation beginnt mit dem Freilegen des kranken Herzens

Die Operation bei Washkansky beginnt um 1.30 Uhr. Bevor sein Herz vom Kreislauf abgekoppelt werden kann, muss er an die Herz-Lungen-Maschine angeschlossen werden. Dazu macht Barnards Assistent Rodney Hewitson einen Einschnitt in der rechten Leistengegend und legt die Oberschenkelarterie frei. Um 1.40 Uhr zieht Hewitson einen geraden Hautschnitt über die Mitte der Brust und sägt entlang dieser Linie das Brustbein durch. Der zweite Assistent zieht den Brustkorb mit zwei Klammern auseinander. Kurze Zeit später ist das sterbenskranke Herz sichtbar: gelb gefärbt von Fett, die Wände der riesigen linken Kammer blutunterlaufen und vernarbt.

Louis Washkansky nach seiner Herztransplantation im Krankenbett (Foto: Imago, Imago/Fotograf XY -)
Der Gemüsehändler Louis Washkansky überlebte 18 Tage mit dem Spenderherz. Imago Imago/Fotograf XY -

Die Herz-Lungen-Maschine übernimmt die Herzfunktion

Um 2.32 Uhr erteilt der Chirurg den Befehl, Washkansky an die Herz-Lungen-Maschine anzuschließen. Doch der Druck in der Oberschenkelarterie steigt zu hoch, deshalb will Barnard die Herz-Lungen-Maschine nun direkt an die Hauptschlagader in der geöffneten Brust anschließen. Er lässt Washkanskys Körper kühlen, um den Kreislauf für einige Minuten unterbrechen zu können – die Kälte verlangsamt den Stoffwechsel. Barnards Assistent Hewitson beginnt, das kranke Herz freizulegen.

Das Spenderherz wird übertragen

Auch das Herz der Spenderin wird nun herausgeschnitten. Barnard legt es in ein rundes Becken mit eiskalter Lösung und trägt es vorsichtig die 31 Schritte hinüber zum Operationssaal B. Es ist 3.01 Uhr. Umgehend wird das Herz über eine separate Pumpe an Washkanskys Herz-Lungen-Maschine angeschlossen. Nun wird das alte vernarbte Herz entfernt werden.

Dann hebt der Arzt Hewitson das kleine Herz der jungen Frau in Washkanskys Brustkorb. Barnard beginnt mit dem Einnähen, die zwei Öffnungen des Spenderherzens werden mit den beiden verbliebenen Vorhofstümpfen von Washkansky verbunden. Dann schließen Barnard und Hewitson Lungenstamm und Aorta an.

Hurra, das Herz schlägt!

Um 5.19 Uhr beginnt das Wiederaufwärmen des auf knapp 23 Grad Celsius herunter gekühlten Patienten. Um 5.34 ist die letzte Naht geknüpft. Und das Herz beginnt zu schlagen.

Blick in den OP der Uniklinik Tübingen während einer Herzoperation. Links eine Herz-Lungen-Maschine, die die Funktionen des bei der Operaiton stillgelegten Herzens übernimmt. (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa - Bernd Weissbrod)
Eine Herz-Lungen-Maschine übernimmt während der OP die Funktionen des stillgelegten Herzens. picture-alliance / dpa - Bernd Weissbrod

Die erste Herztransplantation wird als Sensation gefeiert

Bereits am Tag der Transplantation, am 3. Dezember 1967, erreichen Barnard Anrufe aus aller Welt. Zeitungen, Radio- und Fernsehsender feiern die erste Herztransplantation der Geschichte. Patient Louis Washkansky überlebt allerdings nur 18 Tage nach der Transplantation des weiblichen Spenderherzens. Er stirbt an den Folgen einer bakteriellen Lungenentzündung.

Nur wenige Patienten überleben ein halbes Jahr

Trotzdem bricht nun weltweit eine Welle los. Im Verlauf des Jahres 1968 werden mehr als 100 Herzen verpflanzt. Die Ergebnisse sind jedoch niederschmetternd – nur wenige Patienten überleben länger als sechs Monate. Nach den Fehlschlägen gilt jahrelang ein Moratorium – nur noch wenige Herzen werden verpflanzt.

Erst Immunsuppressiva machen Herztransplantationen erfolgreich

Erst als ein Medikament entwickelt wird, das nicht das komplette Immunsystem blockiert, sondern nur jenen Teil, der die Abstoßung auslöst, wird die Herztransplantation ab den 1980er Jahre zur Routine.

Für die Herztransplantation muss der Tod neu definiert werden

Bleibende Bedeutung hat Barnards Pioniertat auch für das Todesverständnis der modernen Medizin. Denn Barnard setzt bei der Herztransplantation in Südafrika voraus, das der Tod des Menschen durch das unwiderrufliche Erlöschen aller Hirnfunktionen definiert wird. Bereits 1968 erklärt eine Ad-hoc-Kommission der Harvard Medical School den Hirntod zum sicheren Todeszeichen und bestimmt Diagnosekriterien. Bis heute ist damit der Hirntod eine wichtige Voraussetzung der Transplantationsmedizin, obwohl das ihm zugrundeliegende Konzept noch immer strittig ist.

Team von Chirurgen und Kardiologen bei einer Herz OP (Foto: SWR, SWR -)
In Deutschland werden pro Jahr nur knapp 300 Herztransplantationen durchgeführt. SWR -

Heute warten in Deutschland 700 Patienten auf ein Spenderherz

Mittlerweile sind seit 1967 mehr als 120.000 Herzen verpflanzt worden. Patienten leben durchschnittlich mehr als zehn Jahre mit dem neuen Organ. Die für die Organtransplantation zuständige europäische Organisation Eurotransplant berichtet, dass derzeit allein in Deutschland ca. 700 Patienten auf ein geeignetes Spenderherz warten. Leider gibt es einen großen Mangel an Spenderherzen. 2016 wurden insgesamt nur 291 Herztransplantationen in Deutschland durchgeführt.

Die Herztransplantation gilt als Goldstandard

Lediglich die Kunstherztherapie, bei der Patienten eine kleine Pumpe implantiert bekommen, hilft Kranken ähnlich effektiv wie eine Herzverpflanzung. Von ihr profitieren sogar Patienten, für die wegen anderer Leiden eine Transplantation nicht in Frage kommt.

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