Seniorin sortiert Kleider: Döstädning ist ein Aufräum-Trend aus Schweden: aufräumen und ausmisten, um im Todesfall die Angehörigen nicht zu belasten. Und nicht nur ältere Menschen entrümpeln unter dem Vorwand „Todesputz“, auch Jüngere fangen schon damit an. (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance / dpa Themendienst | Christin Klose)

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Schweden und der Todesputz – ausmisten, bevor das Leben endet

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Sofie Donges

„Döstädning“ – Todesputz. Das klingt makaber, ist aber in den Augen vieler Schweden eine sinnvolle Angelegenheit: zu Hause entrümpeln, aufräumen und den Angehörigen im Todesfall geordnete Verhältnisse hinterlassen.

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Döstädning: die Dinge geordnet hinterlassen

Eine Taschenlampe? Die hat man doch im Handy – braucht man also nicht mehr … und schon ist sie aussortiert. Die 81-jährige Inger zögert nicht lange. Jeder Karton, jeder Winkel in der Wohnung wird inspiziert – und das schon seit Monaten. Alles muss raus, was sie nicht mehr braucht.

Es ist nicht so, dass die Stockholmerin damit rechnet, dass ihr Leben bald vorbei sein könnte. Im Gegenteil: Die Rentnerin ist ständig unterwegs, kennt die neusten Restaurants und hat einen großen Freundeskreis. Nur das Zuhause soll eben so luftig wie möglich werden, denn den alten Kram wolle doch eh niemand mehr haben:

„Die Jüngeren wollen ja nichts mehr von uns erben, das sagen alle in meinem Alter. Heute erbe ich von meiner Schwiegertochter oder meinem Sohn, und nicht mehr umgekehrt. Die Kinder geben uns ihre alten Sachen.“

Schweden wollen ihren Angehörigen nicht zur Last fallen 

"Döstädning" nennt man das hier – übersetzt „Todesputz“. Dieses Phänomen – seine Sachen zu ordnen, bevor es jemand anderes machen muss – ist schon lange in der schwedischen Gesellschaft verbreitet, glaubt die Ethnologin Lynn Åkesson. Das hängt sicher damit zusammen, dass Schwedinnen und Schweden grundsätzlich nur ungern jemandem zur Last fallen. Der etwas makabere Begriff "Todesputz" jedoch sei relativ neu, so Åkesson:

„Er taucht 2017 erstmals in der Liste für neue schwedische Wörter auf. Das bedeutet aber nicht, dass es das Phänomen vorher nicht schon gab. Ich glaube, er ist eng verknüpft mit der Konsumgesellschaft, in der wir heute leben.“

Schwedin Margareta Magnusson schrieb Aufräum-Bestseller

Dass es sich um ein ausschließlich schwedisches Phänomen handelt, glaubt sie nicht. Spätestens seit die Autorin Margareta Magnusson vor vier Jahren eine Anleitung für die häusliche Ordnung geschrieben hat und das Buch zum Bestseller in vielen Ländern wurde – gibt es weltweit Fans des schwedischen Aufräumens, in den USA genauso wie in Japan.

Und nicht nur ältere Menschen misten unter dem Vorwand „Todesputz“ kräftig aus, auch Jüngere fangen schon damit an. Die 81-jährige Inger hat sich vorgenommen, ein ordentliches Leben zu übergeben. Und vielleicht auch noch das ein oder andere Geheimnis verschwinden zu lassen, sagt sie verschmitzt.

Wie ihr Sohn darauf reagiert, dass die eigene Mutter den Todesputz betreibt? Der findet das gut, sagt sie lachend. Und er fragt hin und wieder auch mal: "Willst du das da wirklich behalten?" 

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