SWR2 Wissen

Der Süden Louisianas versinkt im Meer

STAND
AUTOR/IN
ONLINEFASSUNG

An der Südküste der USA sind im Mississippi-Delta bereits tausende Quadratkilometer Land überflutet. Ursache sind der Klimawandel und der Anstieg des Meeresspiegels.

Audio herunterladen (26,3 MB | MP3)

Klimawandel, ansteigender Meeresspiegel, Gasindustrie

Das einzigartige Marschland des Mississippi-Deltas – Lebensraum vieler seltener Tier- und Pflanzenarten – droht, zerstört zu werden. Öl- und Gasindustrie sowie schwere Wirbelstürme belasten Mensch und Natur zusätzlich. Und auch die Ölpest von Deepwater Horizon wirkt noch nach.

Louisiana: Bau von Deichen und Kanälen verschlimmert die Situation

Das riesige Sumpfgebiet an der Südküste der USA ist ein einzigartiges Ökosystem mit seltenen Fisch-, Amphibien- und Vogelarten. Doch sowohl das Marschland im Mississippi-Delta als auch New Orleans sind dem Untergang geweiht. Täglich versinken ganze Landstriche im Wasser. In den letzten 100 Jahren wurden 5.000 Quadratkilometer vom Meer überspült. Die Gründe dafür sind vielfältig:

  • Die Folgen des Klimawandels sorgen für steigende Meeresspiegel und immer heftigere Wirbelstürme
  • Der Bau von Deichen begünstigt, dass das Land absackt
  • Der Bau von Kanälen für die Schifffahrt und die Auswirkungen der Öl- und Gasindustrie verschlimmern die Situation

Im Golf von Mexiko spürt man den Klimawandel deutlich. "Der Meeresspiegelanstieg frisst unsere Sumpfgebiete auf", sagt Cynthia Sarthou. Die Direktorin der Umweltorganisation „Healthy Gulf“setzt sich seit fast 30 Jahren für die Rettung der bedrohten Küstenlandschaft ein. Der Süden Louisianas sei besonders betroffen, sagt die 65-Jährige, weil die immer häufiger vorkommenden Hurrikans mit ihren Sturmfluten die Erosion beschleunigen.

Land unter im Mississippi-Delta (Foto: SWR, Claudia Sarre / ARD-Studio Washington)
Land unter im Mississippi-Delta Claudia Sarre / ARD-Studio Washington

Paradox: Schutzdeiche oft verantwortlich für Landverlust

Tatsächlich haben schon viele Menschen die Küsten von Louisiana verlassen. Viele mussten nach den verheerenden Schäden des Hurrikans Katrina im Jahr 2005 ihre Häuser zurücklassen und sind nie wieder zurückgekehrt. Es klingt paradox, erklärt Cynthia Sarthou, aber verantwortlich für den Landverlust sind häufig Schutzdeiche, weil sie den Sedimentnachschub verhindern. In den 1940ern habe man angefangen, zum Schutz der Ortschaften am Fluss Deiche zu bauen. Das Problem:

"Diese Deiche haben den natürlichen Fluss gestört und auch die Sedimentablagerung verhindert. Als das Land sich absenkte, war nichts da, um es zu ersetzen. Zusätzlich wurde damals die Öl- und Gasindustrie aufgebaut – mit Kanälen für die Schifffahrt und Pipelines. Durch diese Kanäle kommt Salzwasser in die Sümpfe und zerstört sie."

Öl- und Gasindustrie wichtigster Wirtschaftszweig in Louisiana

Das Salzwasser lässt Bäume und Büsche absterben. Wurzeln, die sonst das Land zusammenhalten, fehlen. Dadurch ist das empfindliche Marschland der Erosion ausgesetzt und verschwindet. Gleichzeitig ist die Öl- und Gasindustrie der wichtigste Wirtschaftszweig in Louisiana. Der Bundesstaat hat die höchste Dichte an Erdölraffinerien – mit erheblichen Auswirkungen auf Mensch und Natur.

Garnelen- und Austernfischer kämpfen ums Überleben

Das sogenannte Shrimping, also die Garnelenfischerei, hat im Süden Louisianas große Tradition. Aber seit der Ölkatastrophe Deepwater Horizon im Golf von Mexiko im Jahr 2010 befindet sich die Fischerei in der Krise.

Fischer Tim, dessen hellblaues Boot „Brothers“ heißt, erzählt, dass sein Bruder den Job an den Nagel gehängt hat. Zu mühsam und nicht lukrativ genug. Die Shrimp-Industrie im Südosten Louisianas steckt in der Krise. Dafür sind nicht zuletzt Umweltverschmutzung und Klimawandel verantwortlich. Shrimps verlieren ihren Lebensraum und sterben – vor allem in der sogenannten Todeszone im Golf von Mexico. Diese „dead zone“ liegt direkt vor der Mündung des Mississippi und ist ein riesiges sauerstoffarmes und daher totes Gebiet. Verursacht durch Dünger und giftige Chemikalien, die der Fluss hier ins Meer geschwemmt hat.

Im Mississippi-Delta versinkt immer mehr Land im Wasser (Foto: SWR, Claudia Sarre / ARD-Studio Washington)
Im Mississippi-Delta versinkt immer mehr Land im Wasser Claudia Sarre / ARD-Studio Washington

Umweltschützer und Wissenschaftler arbeiten an Lösungen

Um nicht nur die Sicherheit Menschen an den Küsten von Louisiana zu gewährleisten, sondern auch die artenreiche Tier- und Pflanzenwelt in den Sümpfen zu erhalten, arbeiten Umweltschützer und Wissenschaftler seit Jahrzehnten an Lösungen.

Einer von ihnen ist Architekt und Fluss-Experte Inaki Alday. Er forscht und lehrt an der Tulane University in New Orleans. An diesem Sonntagnachmittag sitzt er auf der Veranda seines Hauses im Garden District in New Orleans. Das Problem ist, sagt der Spanier nachdenklich, dass der Mensch versucht, mit Deichen und Pumpen die Wassermassen zu beherrschen. Aber das wird auf Dauer nicht funktionieren, so Alday. Und wenn, dann nur für einen Teil der Bevölkerung.

"New Orleans ist eine Festung. Sie ist umgeben von Wällen und Deichen. Die Ortschaften außerhalb von New Orleans müssen regelmäßig evakuiert werden."

Deiche sind Hoffnung und Problem in einem, erklärt der Wissenschaftler. Einerseits schützen Deiche die Menschen vor Hochwasser, andererseits richten sie auf Dauer Schaden an. Denn sie halten nicht nur das Wasser ab, sondern auch den Sedimentnachschub aus dem Fluss. Dadurch kann kein neues Land entstehen. Auch durch das ununterbrochene Auspumpen wird das natürliche Gleichgewicht gestört, erklärt Inaki Alday. Sümpfe und Marschen trocknen aus.

Eine Lösung ist, dem Fluss wieder mehr Raum zu geben und die natürlichen Überflutungszyklen wieder herzustellen. Straßen zum Beispiel so zu bauen, dass das Wasser bei Überspülung versickert. Häuser auf Stützen zu bauen, so dass das Hochwasser einfach unter ihnen durchfließt, schlägt der Architekt vor.

Die Umweltschützerin Cynthia Sarthou ist der gleichen Meinung. Die Flusslandschaft muss außerdem renaturiert werden, fordert sie. Mithilfe von künstlichen Nebenflüssen, die nährstoffreiche Sedimente transportieren, um nach und nach wieder Land aufzuschütten und Vögeln, Fischen und Amphibien ihren Lebensraum zurückzugeben.

Hoffnung auf konsequente Klima-Politik der Biden-Regierung

Was die Zukunft angeht, ist die Naturschützerin vorsichtig optimistisch. Eine vollständige Rettung des Deltas wird es nicht geben. Die zukünftigen Veränderungen, sagt sie, müsse man so gestalten, das sie für Natur und Mensch erträglich sind. Dabei zählt sie auf die neue US-Regierung.

"Wir hoffen, dass die Biden-Regierung eine konsequente Klima-Politik gewährleistet. Wir müssen einen Übergang hinbekommen. Menschen aus Gemeinden, die umgesiedelt werden, müssen umgelernt werden. Sie brauchen neue Arbeitsplätze und einen Wirtschaftsmotor."

Die Menschen im Mississippi-Delta sind gezwungen, sich den Veränderungen ihres Lebensraums anzupassen. Viele hoffen, dass das Überleben in den Siedlungen des Deltas zumindest noch für die nächsten 50 bis 100 Jahre gesichert ist. Was danach passiert, will sich hier niemand ausmalen.

Hochwasser Hurrikan Sandy 2012: Hochwasserschutz in New York wird kontrovers diskutiert

Als Hurrikan Sandy 2012 auf New York traf, gab es tagelang Stromausfälle, viele Häuser wurden überschwemmt. Noch sind nicht alle Schäden repariert. Gerade in ärmeren Gebieten fehlen Hochwasserschutzmaßnahmen. Anderswo protestieren Anwohner*innen gegen einen geplanten Schutzwall.  mehr...

SWR2 Impuls SWR2

Klimawandel Studie: Rekordhitze in Kanada und USA ist ein Symptom der Klimakrise

In Lytton, einem Dorf in der kanadischen Provinz British Columbia, wurden unfassbare 49,6 Grad Celsius gemessen. Auch US-Städte verzeichneten Rekordtemperaturen. Es gab schon hunderte Hitzetote. Jetzt hat ein internationales Team von Forscher*innen untersucht, wie der Klimawandel diese Hitzewelle beeinflusst hat.  mehr...

SWR2 Impuls SWR2

Klimakrise Vorgeschmack auf die Zukunft: Hitzewelle im Nordwesten der USA

Der Klimawandel sorgt für Rekordtemperaturen dort, wo es sonst eher kühl ist: in Seattle und Portland schwitzen derzeit viele Amerikaner*innen. Wer keine Klimaanlage besitzt geht in große Hallen, die gekühlt werden. Solche Hitzewellen könnten auch im Norden der USA bald öfter vorkommen.  mehr...

SWR2 Impuls SWR2

Hochwasser

Extremwetter Indien leidet unter Rekordhitze und Überflutungen

Im Nordosten von Indien mussten hunderttausende Menschen vor den Fluten fliehen. Mehr als 2000 Kilometer Richtung Westen das genaue Gegenteil: Rekordhitze seit Wochen und ausgetrocknete Flüsse. Im manchen Regionen wird das Wasser knapp.  mehr...

SWR2 Impuls SWR2

Klimawandel Deshalb kommt es in Zukunft vermehrt zu Hangrutschen

Starkregen-Ereignisse werden im Zuge des Klimawandels in Zukunft häufiger auftreten. Damit steigt nicht nur die Gefahr von Überschwemmungen, sondern auch von Hangrutschen. Diese hängen auch vom Untergrund und der Vegetation ab und sind nur schwer vorherzusagen.
Martin Gramlich im Gespräch mit Prof. Markus Stoffel, Umweltwissenschaftler und Klimarisikenforscher an der Universität Genf.  mehr...

SWR2 Impuls SWR2

Extremwetter Wissenschaftler*innen wollen Starkregen-Vorhersage verbessern

Immer wieder kommt es nach Starkregen-Ereignissen zu heftigen Überflutungen, wie zuletzt im Ahrtal. Damit die Bevölkerung früher vor solchen Überflutungen gewarnt werden kann, entwickeln z.B. Wissenschaftler*innen der RWTH Aachen neue Prognose-Modelle.  mehr...

SWR2 Impuls SWR2

Klima: aktuelle Beiträge

Diskussion Die neue Lust aufs Radeln – Was bewirkt der Fahrrad-Boom?

Deutschland fährt Fahrrad, und das immer mehr. Die Nachfrage nach Zweirädern ist so hoch wie nie, Hersteller und Händler kommen mit dem Liefern kaum hinterher, an Wartezeiten im Fahrradladen haben sich die Kunden längst gewöhnt, an die höheren Preise auch. Was sind die Gründe für den Fahrrad-Boom? Wie nachhaltig kann er sein? Und wie verändert er die Mobilität der Zukunft? Gregor Papsch diskutiert mit Prof. Dr. Jochen Eckart – Verkehrsökologe, Hochschule Karlsruhe, Prof. Dr. Jana Heimel – PendlerRatD-Projekt der Hochschule Heilbronn, Franziska Jurczok – Sinus-Institut Berlin und Co-Autorin Fahrrad-Monitor Deutschland 2021, Anke Schäffner – Zweirad-Industrie-Verband, Berlin  mehr...

SWR2 Forum SWR2

Geld: Lenken Finanzen den Weg zur Nachhaltigkeit?

Wie wichtig ist Geld für die Gestaltung einer nachhaltigen Welt? Für diese große Frage haben sich Werner & Tobi Angela McClellan eingeladen. Sie ist Politologin und Expertin für nachhaltige Finanzen. Gemeinsam mit ihr diskutieren die beiden Fragen wie: Welche Rolle haben die Finanzmärkte bei der Gestaltung unserer Zukunft? Was sind nachhaltige Geldanlagen? Wie erkenne ich sie? Was bringen sie? Wie wichtig sind wir als private Investor*innen? Spielt Nachhaltigkeit im Finanzmarkt überhaupt schon eine große Rolle?
Alle zwei Wochen gibt’s am Freitag eine neue Folge der Klimazentrale. Ihr habt Themen für uns? Immer her damit: klimazentrale@swr.de.
Dieser Podcast steht unter der Creative Commons Lizenz CC BY-NC-ND 4.0.  mehr...

Umwelt Forschung, Naturschutz, Tourismus: Das regelt der Antarktisvertrag

Die Antarktis ist das größte Naturschutzgebiet der Erde. Was dort erlaubt ist und was nicht, regelt der Antarktisvertrag. 50 Länder haben ihn unterzeichnet. Bei der Antarktis-Konferenz geht es gerade um künftigen Tourismus und neue Forschungsprojekte für Mars-Missionen.  mehr...

SWR2 Impuls SWR2

STAND
AUTOR/IN
ONLINEFASSUNG