Nachwuchskicker an der Eckfahne. (Foto: SWR, SWR -)

Talentförderung im Jugendfußball Die Suche nach dem neuen Messi

SWR2 Wissen. Von Marcus Schwandner

Enzo hat die Chance seines Lebens. Mit elf Jahren durfte er am Probetraining beim SC Freiburg teilnehmen, nach einem halben Jahr war er bereits Mitglied der Jugend-Mannschaft. Sein Ziel ist klar: Er will Profi-Kicker werden in der Bundesliga. 6000 Kinder machen jedes Jahr den DFB-Fußballtest. Neben Fitness, Talent und Ehrgeiz werden auch "weiche" Faktoren geprüft. Doch am Ende schaffen es nur wenige in die 1. Bundesliga.

Dauer

Das Möslestadtion des SC Freiburg liegt idyllisch im Osten der Stadt, in der Nähe des Waldsees. Enzo Leopold sitzt mit einigen anderen Spielern in der Gaststätte. Heute gibt es Maccheroni. Enzo fällt in der Gruppe nicht auf, er ist 15 Jahre alt, nicht besonders groß oder breit. Die braunen Haare trägt er kurz.

Er geht durch die lichtdurchflutete Halle des Vereinsgebäudes, vorbei am Kraftraum und dem Behandlungszimmer der Physiotherapeuten. Im Konferenzraum erzählt er seine Geschichte. Mit vier Jahren kam Enzo in den ersten Fußballverein in Zell am Harmersbach, ein Städtchen mit 8000 Einwohnern am Rande des Schwarzwalds.

Günther Schäfer, Leiter der Fußballschule des VfB Stuttgart, inmitten von 7-14jährigen Nachwuchskickern. (Foto: SWR, SWR -)
Günther Schäfer, Leiter der Fußballschule des VfB Stuttgart, inmitten von 7 bis 14-jährigen Nachwuchskindern SWR -

Das Probetraining beim SC über ein halbes Jahr habe er relativ cool genommen, sei zwar etwas aufgeregt gewesen, aber nicht besonders, erzählt er. Enzo kann sich noch erinnern, wie er an dem großen Tisch im Besprechungsraum saß.

Dreimal pro Woche Training

Der Trainer, die Eltern und der Leiter der Fußballschule besprachen mit ihm "Organisatorisches": wie käme er vom Schwarzwald dreimal die Woche hierhin, das sind immerhin 73 km, könnte das mit der Schule nebenher funktionieren? Würde die Familie ihn unterstützen? Als alles geklärt war, musste Enzo die freudige Botschaft direkt weitererzählen.

Mittlerweile ist der zurückhaltende Junge seit vier Jahren beim Sportclub Freiburg, in diesem Jahr spielt der 15jährige in der U16. Für jeden Jahrgang gibt es eine Mannschaft, also für die elfjährigen die U12, die zwölfjährigen die U13 und so weiter. Die Mädchen trainieren ab der U14 in eigenen Mannschaften.

Leeres Fussballstadion des SC Freiburg (Foto: SWR, SWR - Frank Roskam)
Der SC Freiburg veranstaltet jedes Jahr die Füchsletage: Im März zeigen 100 Mädchen ihr Können, Ende August trainieren 300 Jungen zwischen 7 und 11 Jahren SWR - Frank Roskam

Nach der Schule werden die Jugendspieler vom Fahrdienst des Vereins mit den roten Kleinbussen an verschiedenen Treffpunkten eingesammelt und auf die Anlage gebracht. Dreimal die Woche ist Training, am Wochenende sind Spiele oder Turniere. Im vergangenen Jahr trainierte Enzo noch mit der U15.

Zahlreiche Testdaten

Trainer der U 15, der unter 15jährigen, ist André Malinowski. Die Autorität des 42jährigen, kräftig gebaut, kantiges Kinn, ist spürbar. Über zehn Jahre lang leitete er nach seiner aktiven Fußballerkarriere die Stützpunkte des Deutschen Fußballbundes in Südbaden. Seit vier Jahren ist er beim SC. Regelmäßig checkt er die Fitness der Jungs mit dem DFB Test. Heute müssen die Spieler beweisen, wie schnell sie sind.

Das sind lange nicht die einzigen Daten, die gesammelt werden. Die Vereine nehmen die Förderung sehr ernst, schließlich wird im Fußball viel Geld verdient. Bereits Sieben- und Achtjährige werden zum Probetraining eingeladen. Viele dieser Kinder trainieren bei ihrem Heimatverein und zusätzlich einmal pro Woche in einem der Stützpunkte des Deutschen Fußball-Bundes.

Erfolgreich bei der Frauen Fussball-WM: Melanie Leupolz freut sich nach einem Tor (Foto: imagio/Xinhua -)
Melanie Leupolz und ihre Teamkolleginnen in der deutschen Nationalmannschaft sind wichtige Vorbilder für den Nachwuchs imagio/Xinhua -

Spätestens ab der U12 beginnt die intensive Sichtung und Ausbildung der dann Elfjährigen. Knapp 6000 neue U12 Spieler, Mädchen und Jungen, werden pro Jahr für die DFB Talentförderung ausgesucht . Auch dabei machen sie unter anderem diesen Sprinttest, danach müssen sie im Slalom rennen. Dann geht es mit Ball weiter. Zunächst müssen die Spieler dribbeln und das Leder jonglieren. Schließlich kommen Spielsituationen hinzu.

Alles wird bewertet

Die Jugendlichen sollen kontrolliert passen, den Ball geschickt annehmen oder aufs Tor schießen. Alles wird bewertet. Und das zwei Mal im Jahr. 14.000 Nachwuchsspieler trainieren an den DFB Stützpunkten. Auch dort stehen regelmäßig Tests an. So kommt eine riesige Menge von Daten zusammen, die der Sportwissenschaftler Prof. Oliver Höner von der Universität Tübingen auswertet.

Seit 2001 werden Talente verstärkt gesucht und gefördert. Die Deutsche Nationalmannschaft hatte bei der WM 98 und der EM 2000 so schlecht abgeschnitten, dass DFB und die Deutsche Fußball Liga beschlossen, gemeinsam Nachwuchsleistungszentren zu gründen. Mittlerweile gibt es 54.

Flüchtlingskinder während eines Fußball-Trainingslagers in Mainz. (Foto: SWR, SWR -)
Flüchtlingskinder während eines Fußball-Trainingslagers in Mainz SWR -

Die Trainer dieser Zentren interessieren sich nicht nur fürs fußballerische Talent der Jugendlichen. Schnelligkeit, Geschicklichkeit oder die Power von Schüssen lassen sich schließlich trainieren. Für einen Fußballer auf höchstem Niveau sind auch mentale Eigenschaften wichtig.

Motiviert, willensstark und angstfrei

Schon den jüngsten Nachwuchskickern unter 12 wird einiges abverlangt. Neben den drei Trainingsnachmittagen und Spielen oder Turnieren am Wochenende sollen die jungen Spieler auch die Schule gut hinbekommen. Ein riesiger Aufwand für die Nachwuchskicker.

Und für die Vereine, die viel Geld investieren. Daher wollen sie früh erkennen, ob die jungen Spieler das Talent und die Persönlichkeit für den Profifußball haben. Jeder Bundesligaverein beschäftigt deshalb auch einen Psychologen. Wer hat die besten Voraussetzungen dafür, um später in der Bundesliga oder gar in der Nationalmannschaft zu spielen?

Ein Junge steht hinter einem Tor und beobachtet ein Fußballspiel. (Foto: © Colourbox.com -)
Neben den Trainingsnachmittagen und Spielen oder Turnieren am Wochenende sollen die jungen Spieler und Spielerinnen auch die Schule gut hinbekommen - von ihnen wird viel verlangt © Colourbox.com -

Wer hoch motiviert, willensstark und angstfrei ist, wird später eher in der Bundesliga spielen. Das ist das Ergebnis der Studie der Uni Tübingen mit mehr als 1000 Nachwuchsspielern ab der U12.

Vorbild Lionel Messi

Die Vereine treiben großen Aufwand, um die besten Spieler zu suchen. Der SC Freiburg veranstaltet jedes Jahr die Füchsletage. Im März zeigen 100 Mädchen ihr Können. Ende August kommen 300 Jungen zwischen 7 und 11 Jahren und trainieren zwei Tage lang wie die Profis.

Lionel Messi: Der Argentinier ist einmalig, ein gutes Vorbild, aber wahrscheinlich unerreichbar. Schon in seiner Jugend war Messi ein herausragender Spieler - aber er litt unter einer Hormonstörung und war mit 13 kaum 1 Meter 40 groß. Daher kam er für viele argentinische Vereine nicht infrage. Die Eltern wanderten nach Spanien aus.

Lionel Messi (Foto: picture alliance / dpa -)
Schon in seiner Jugend war Messi ein herausragender Spieler - aber er litt unter einer Hormonstörung und war mit 13 kaum 1 Meter 40 groß picture alliance / dpa -

Der FC Barcelona nahm Messi sofort unter Vertrag und bezahlte auch die Arzt- und Therapiekosten. Heute ist Messi einer der besten Fußballer der Welt. Auch Enzo will möglichst gut werden und weit nach oben kommen. Demnächst wird es eng. Denn es gibt im Nachwuchsleistungszentrum des SC Freiburg keine U18 Mannschaft, sondern nur eine U19. Zwei Jahrgänge werden sich um die Plätze in der U19 streiten müssen, die Hälfte der jungen Männer wird also nicht in Freiburg bleiben können.

Optimales Entscheidungsverhalten

Für die Auswahl der Spieler sind nicht nur körperliche Aspekte wichtig. Sondern auch: Wie gut ist jemand auf seiner Position? Wie viele Konkurrenten gibt es für diese Position? Auf dem Platz macht Trainer Malinowski Übungen, die ihm bei der Beurteilung helfen.

Es geht blitzschnell. Kaum hat ein Spieler den Ball angenommen, muss er sich entscheiden, welchen Mitspieler er anspielt, denn der Ballführende wird sofort angegriffen. In Bruchteilen einer Sekunde muss er sich entscheiden. Diese Kunst, in kürzester Zeit die richtige Entscheidung zu treffen, nennt man Entscheidungsverhalten. Die beste Option unter Druck in kürzester Zeit herausfinden zu können - das zeichnet einen hervorragenden Spieler aus.

Auf dem Truck Bundestrainer Trainer Joachim Jogi (Foto: imago/ActionPictures -)
Könnte die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, sogar ein Hinweis darauf sein, wer später mal ein guter Spieler oder gar Profi wird? imago/ActionPictures -

Kann man das trainieren? Die Psychologin Lisa Musculus von der Deutschen Sporthochschule in Köln hat ihr Büro im zehnten Stock. Die Doktorandin untersucht das Entscheidungsverhalten junger Fußballer, im Alter zwischen 8 und 14 Jahren. Die Testperson sitzt vor einem Touchpad und sieht eine Szene aus einem Fußballspiel.

Nachwuchsleistungszentren

Das Bild stoppt in dem Moment, wo der ballführende Spieler eine Entscheidung treffen muss. Passe ich nach links, nach vorne, zurück zum Tormann oder dribbel ich um den Angreifer herum? Die Testperson zeichnet dann mit dem Finger auf dem Bildschirm ein, welche Möglichkeiten zum Weiterspielen sie sieht. Danach wählt sie die beste Option aus. Und das für 18 verschiedene Szenen.

Lisa Musculus untersucht, wie viele und welche Möglichkeiten die Kinder überhaupt erkennen und für welche sie sich entscheiden. Könnte diese Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, sogar ein Hinweis darauf sein, wer später mal ein guter Spieler oder gar Profi wird? Die Auswertung der Studie mit insgesamt 100 fußballspielenden Kindern und Jugendlichen läuft noch.

Ende des Jahres 2000 begann der Sportclub das Möslestadion am Stadtrand Freiburgs zur Fußballschule auszubauen. Der Verein konnte das Stadion damals vom Stadtrivalen Freiburger FC nach dessen Niedergang übernehmen. Das Nachwuchsleistungszentrum funktioniert seitdem sehr gut, sagt Leiter Andreas Steiert. Zahlreiche Nachwuchskicker haben den Weg von hier in die erste Bundesliga geschafft.

Insgesamt gibt es 366 DFB Stützpunkte. Auf der Deutschlandkarte sind außerdem die 54 Leistungszentren markiert. Alle Vereine der ersten und zweiten Bundesliga einige Vereine der dritten und der Regionalliga betreiben solche Ausbildungsstätten. Diese werden nach acht Kriterien zertifiziert. Andreas Steiert ist stolz darauf, dass die Fußballschule in Freiburg sehr gut abschneidet.