Kulturwissenschaft

Der Kulturwissenschaftler Hermann Bausinger feiert seinen 95. Geburtstag

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Hermann Bausinger prägte den Begriff "Empirische Kulturwissenschaft"

„Tarzan-Professor“ hat man ihn früher genannt, weil er auch „Schundhefte“, wie Comics, zum Gegenstand seiner Forschung gemacht hat. Der Mann, der den Begriff „Empirische Kulturwissenschaft“ geprägt und damit die Richtung des einst Volkskunde genannten Fachs an der Tübinger Uni und weit darüber hinaus neu vorgegeben hat, ist als Emeritus eine lebende Legende. Heute, am 17. September 2021, wird er 95 Jahre alt.

Unermüdlicher Forscher und Weltveränderer

Der heutige Institutsdirektor Reinhard Johler betrachtet Hermann Bausinger als entscheidenden Erneuerer seines Fachs: "Es hat einen tatsächlichen Stern, das würde ich auch jetzt noch sagen, gegeben. Ein Stern, der ein Ort war: Tübingen. Und ein Stern, der eine Person war: Hermann Bausinger. Die nun begonnen haben, Volkskunde ganz anders zu betreiben, eben unter dem Titel Empirische Kulturwissenschaft. Das hat mich dann sehr elektrisiert, inspiriert, mein ganzes Leben lang bei diesem Fach zu bleiben."

Bausinger forscht auch mit über 90 noch immer, veröffentlicht unermüdlich. Umso größer war die Sorge um ihn, als vor vier Jahren das Tübinger Institutsgebäude abgebrannt war, in dem er sein Büro hatte und sein Archiv mit Manuskripten, Bild- und Tondokumenten. Sein Lebenswerk, sagte man. Wie soll man es ihm beibringen? Wie wird er den Schock verkraften? Als Bausinger von dem Feuer erfuhr, galt sein Mitgefühl dem Brandstifter, der darin umgekommen war. Um all die Dokumente trauerte er weniger.

"Mein Lebenswerk wäre zerstört, wenn ich Architekt wäre und wenn das das einzige Haus wäre, das ich gebaut hätte."

Kritisch, klar analytisch denkend, bescheiden und teilnahmsvoll interessiert am Menschen – das ist Hermann Bausinger. Und außerdem humorvoll – was er auch bewies, als er die Kartons mit nach dem Brand geretteten Unterlagen sichtete.

"Da hab ich mit Überraschung festgestellt, wie tief mein Schreibtisch war und was da alles für Zeug drin ist. Das ganze Aufräumen war für mich sowas wie eine sentimentalische Wanderung in die Vergangenheit. Denn da sind viele Dinge aufgetaucht, an die ich mich so nicht mehr erinnert hätte, aber dann waren sie plötzlich gegenwärtig."

Die Volkskunde von allem Rassischen und Völkischen befreien

Hermann Bausinger, 1926 in Aalen geboren, hat nach Wehrdienst und Kriegsgefangenschaft in Tübingen Germanistik, Geschichte und Volkskunde studiert. 1960 wurde er Professor für Volkskunde. Das Institut war in der Nazizeit gegründet worden und hatte sich als germanische Altertumswissenschaft mit Volkspoesie, Volkssitte, Volkskunst, Volksbräuchen beschäftigt.

Bausinger wollte das Fach von allem Rassischen und Völkischen befreien. Er hat untersucht, was tatsächlich im Volk üblich ist, im ganzen Volk – dazu gehörten Fußgängerzonen, Tourismus, Theater- und Fußballvereine, Comichefte, Moden – und Heimatvertriebene.

Migrationsforschung: Vertriebene und "Gastarbeiter" im Fokus

"Wir haben, als die Flüchtlinge, wie man damals sagte, zu uns kamen, das heißt die Deutschen aus Ostgebieten, da haben wir zunächst angefangen, von den Leuten zu erkunden, wie es zu Hause bei ihnen ausgesehen hat. Und es gab dann eine ganze Reihe von kleinen Dorfstudien", so erzählt Bausinger.

Allmählich aber habe sich eine viel interessantere Fragestellung ergeben:

"Wie finden sich die Leute hier zurecht? Was bewahren sie von ihren alten Gebräuchen? Wo fällt es ihnen leicht, sich umzustellen? Wo bleiben sie dabei?"

Eine Frage, die bei den sogenannten "Gastarbeitern" wieder aufkam. Die Kulturwissenschaftler um Hermann Bausinger am Ludwig-Uhland-Institut der Uni Tübingen beschränkten sich dann nicht auf wissenschaftliche Vergleiche zwischen den unterschiedlichen Gruppen. Wissenschaft, so ihre Überzeugung, soll die Welt nicht nur beschreiben – sie muss sie verbessern.

"Eine Kurzformel war immer: Probleme sind dort, wo es den Leuten wehtut. Also: Was ist nicht in Ordnung in der Gesellschaft? Was läuft schief? Und der Gedanke war, dass die Wissenschaft aktiv eingreifen muss, dort, wo solche Probleme auftauchen."

Lange bevor die Bundesrepublik angefangen hat, sich als Einwanderungsland zu begreifen, hat Bausinger versucht, Politikern begreiflich zu machen, dass der Begriff „Gastarbeiter“ irreführend ist – dass diese Menschen bleiben werden.

Hermann Bausinger, em. Professor für Empirische Kulturwissenschaft an der Universität Tübingen 1966 am Schreibtisch.  (Foto: SDR, 1966)
Hermann Bausinger, Prof. für Empirische Kulturwissenschaft an der Universität Tübingen, 1966 am Schreibtisch SDR, 1966

Forschungsergebnisse öffentlich zu machen, auch in leicht zugänglichen Ausstellungen und Vorträgen, ist heute noch ein wichtiges Anliegen der Empirischen Kulturwissenschaft in Tübingen.

Hermann Bausinger hat nicht nur unzählige wissenschaftliche, sondern auch unterhaltsam-essayistische Bücher geschrieben. Im Internet kann heute jeder einen regionalen Sprachatlas von Bausingers Nachfolgern finden. Welchen Dialekt spricht man in welcher Ortschaft?

Feldforscher mit riesigem Tonbandgerät

Bausinger selbst hat in den 1950er-Jahren angefangen, mit riesigen Tonbandgeräten das Sprach-Material dafür zu sammeln:

"Wenn uns der Bürgermeister gesagt hat: Wir haben einen großartigen Lehrer, der befasst sich mit diesem Stoff und der hat selber Mundartgedichte geschrieben, dann war uns relativ klar, dass wir den beiseitelassen, weil es uns ja um alltägliche Dialektmöglichkeiten ging."

Breite Datenbasis, streng wissenschaftliche Methodik

Den alten Volkskundlern hatte oft ein Mensch in einem Dorf genügt, um ihn zu befragen. Meist war es der Pfarrer oder der Lehrer. Bausinger wollte eine breitere Basis als Teil einer strengeren wissenschaftlichen Methodik. Und zur Befragung muss die Beobachtung kommen, erklärt Bausinger: Man darf nie den Fehler machen zu glauben, das scheinbar Vertraute kenne man schon:

"Das, was in der Ethnologie, in der Völkerkunde üblich war, dass die Leute dort ein halbes Jahr gelebt haben, auf irgendeiner fernen Insel, und dann sich orientiert haben, das haben wir versucht zu übertragen auf die eigene Kultur. Wir waren uns darüber klar, dass man da genauer zusehen muss."

Hermann Bausinger sieht noch immer genauer zu. Gerade schreibt er wieder an einem Buch, ist im Kopf absolut fit, wenn er auch jetzt, anders als noch mit 90, nicht mehr Tennis spielt, weiß der jetzige Institutsdirektor Reinhard Johler:

"Er hat die eine oder andere Malaise, leider, aber das hindert ihn, glaub ich, nicht daran, am Geburtstag mit Freude Menschen zu treffen, gemeinsam zu feiern, auch in die Zukunft zu denken. Drum kann man nur sagen: Alles Gute, Hermann Bausinger!"

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