Korakuen-Garten in Okayama (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)

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Der japanische Garten – Natur als Kunst

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AUTOR/IN
Dagmar Lorenz
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Ulrike Barwanietz & Ralf Kölbel

Traditionelle japanische Gärten sind wahre Freiluft-Salons, in denen sich einst die gebildete Oberschicht ihren Interessen hingab: der Betrachtung einer bis ins Detail gestalteten Landschaft, dem Ritual der Teezeremonie, Theateraufführungen oder der Stegreifdichtung. Ein Spaziergang durch den "Koraku-en"-Garten in Okayama - der zum Weltkulturerbe zählt - offenbart die raffinierte Ästhetik dieses Gesamtkunstwerkes.

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"Geborgte Landschaft" nennt man in Ostasien das gartenarchitektonische Prinzip, bei dem sich die den Garten umgebende Naturszenerie in der künstlich angelegten Landschaft wiederfindet. Das Außen wird also in das Innere mit einbezogen.

Es gibt Landschaftsgärten, die berühmte Gegenden in Japan oder China nachahmen; andere wiederum orientieren sich an daoistisch-geomantischen Vorstellungen oder an kosmologischen Paradiesmythen. Eines aber haben all diese Gärten gemeinsam: Im Gegensatz zur gestaltenden Rolle des Menschen in westlichen Gartenarchitekturen wird der Mensch hier zum passiven Bestandteil des Gesamtbildes.

Gärten als Bühne

Japanische Gärten, schreibt die Schriftstellerin Miki Sakamoto, vermittelten das Gefühl der Bedeutungslosigkeit des Menschen. Diese Gärten dienen auch als Bühne für das altehrwürdige No-Drama. Die hohe adlige Kunst des No-Dramas wurde dabei keineswegs nur ausgeübt, um ein Publikum zu unterhalten.

Das offenbaren schon die mystisch-magischen Elemente vieler No-Dramen: Oft gibt es Dialoge zwischen Geistern und realen Menschen. Traum und Wirklichkeit durchdringen einander, die Schauspieler schreiten in streng stilisierter Weise, lautlos, fast gleitend auf der Bühne voran. Prächtige, aufwendig gestaltete Kostüme und Gesichtsmasken verstärken den Eindruck, dass hier grundsätzliche Fragen des Menschseins verhandelt werden.

Das Gebäude "Ryuten" - Garten "Korakuen" in  Okayama Japan (Foto: SWR, SWR - Foto: Bruchhaus)
Das Gebäude "Ryuten": ein mit Steinen dekorierter Wasserlauf durchschneidet das Innere des Gebäudes. In früheren Zeiten pflegte man hier gesellige Trinkspiele zu veranstalten: Ein Becher mit Wein oder Sake wurde in den Wasserlauf gesetzt. Kippte er SWR - Foto: Bruchhaus

Dass Kunst paradoxerweise erst dann wirklich verstanden wird, wenn man sich aller bewussten Überlegungen zu ihrer Ausübung entledigt, ist ein Gedanke, der zweifellos vom Geist des japanischen Zen-Buddhismus inspiriert wurde. Von jener Spiritualität also, deren erste Einflüsse im 7. Jahrhundert und danach noch einmal im 12. Jahrhundert von China nach Japan gelangten. Buddhistische Einflüsse spielen sowohl im No-Drama als auch in der – ebenfalls von China beeinflussten – Gartenkunst Japans eine Rolle.

Der erlebte Augenblick

Die Fragen nach dem Wesen Buddhas beantwortet Basho mit der Schilderung von Ereignissen, die ihm im Moment der Frage gerade in den Sinn kommen. Entscheidend ist die Stimmung des erlebten, flüchtigen Augenblicks – nur sie gilt es, in Worte zu fassen. Und nur durch diese Unmittelbarkeit gelingt es, dem Unvergänglichen im Flüchtigen nachzuspüren.

Die Zen-buddhistischen Mönche versuchten dieses Geheimnis zu ergründen, indem sie einen dem Landschaftsgarten völlig entgegengesetzten Gartentypus kreierten: den Stein- oder Trockengarten; meist als rechteckige Fläche.

jp (Foto: SWR, SWR -)
Es sind vor allem die Bäume in japanischen Landschaftsgärten, die auf das ästhetische Empfinden der Parkbesucher wirken: Sie sind Kundschafter der vier Jahreszeiten SWR -

Ein solcher Garten darf nicht betreten werden, er ist allenfalls von der Meditationshalle oder dem Rande einer Holzterrasse aus zu betrachten. Solche Steingärten übten in den 1960er Jahren vor allem auf westliche Intellektuelle einen großen Reiz aus. Zum Beispiel auf den Dichter Günter Eich, der anlässlich einer Japanreise den Tempel Ryoan-ji mit seinem berühmten Steingarten besuchte.

Kirschen und Freunde des Winters

Es sind vor allem die Bäume in japanischen Landschaftsgärten, die auf das ästhetische Empfinden der Parkbesucher wirken: Sie sind Kundschafter der vier Jahreszeiten: das frische Grün im Frühjahr ebenso wie das Rot der Ahornbäume im Herbst. Und geradezu zelebriert wird die alljährliche Kirschbaumblüte.

Wenn sich die Kirschblüten Ende März bis Anfang April entfalten, wird dieses Ereignis von fast allen japanischen Fernsehsendern mit ausführlichen Reportagen gefeiert. In fast jedem Park Japans kann man zur Kirschblüte diese gesellige Stimmung erleben, die Menschen freuen sich über den ästhetischen Genuss.

Bambuspflanzen aus der Froschperspektive (Foto: SWR, SWR -)
Bambus, Kiefer und Winterpflaume: Sie stehen in der japanischen Kultur für Kontinuität, Standhaftigkeit, Mut SWR -

Vielen Pflanzen kommt in Japan auch eine symbolische Bedeutung zu. Zum Beispiel den "Drei Freunden des Winters": Bambus, Kiefer und Winterpflaume. Sie stehen für Kontinuität, Standhaftigkeit, Mut. Diese Eigenschaften gehörten – neben der unbedingten Loyalität zu ihrem jeweils vorgesetzten Dienstherrn - zum Ethos jeder Samurai-Familie.

Und heute?

Ist einem modernen, möglicherweise nach Sensationen und Events gierenden Publikum überhaupt noch der Besuch eines Gartens zuzumuten, der nach geduldigem Betrachten verlangt?

Noch heute können die Einwohner von Okayama und viele ausländische Gäste all das so genießen, wie es mal zur Edo-Zeit war. So etwas verwandelt man nicht in einen modernen Park – es ist schließlich eine historische Gegend, in der man sich an solchen Gärten wie diesen erfreuen kann.

jp (Foto: SWR, SWR -)
Ein Spaziergang durch den "Koraku-en"-Garten in Okayama - der zum Weltkulturerbe zählt - offenbart die raffinierte Ästhetik dieses Gesamtkunstwerkes SWR -

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