Militärparade mit Raketen in  Pjöngjang, Nordkorea (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa - EPA/KCNA SOUTH KOREA OUT)

Der drohende Krieg in Ostasien Macht der Raketen

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SWR2 Wissen. Von Michael Hänel

Hochrüstung in Asien: Die Spannungen zwischen Japan, China sowie Nord- und Südkorea verschärfen sich. Sollte es zum Krieg kommen, fürchten Experten auch den Einsatz von Atombomben.

Dauer

Ostasien – eine Weltgegend mit jahrtausendealten Kulturen, die in Korea, wie in China und Japan nebeneinander gelebt werden. Fast immer kriegerisch. Gegeneinander. China wurde mit rasender Modernisierung vom Hungerland zur größten Volkswirtschaft der Welt. Japan – der beispiellose Technologiegigant – heute mit nur geringer militärischer Schlagkraft nach außen. Und beide Koreas – geteilt und eingekeilt zwischen diesen Großmächten. Seit über 60 Jahren ist Frieden in Ostasien. Doch schon bald könnte sich das ändern.

G-20 Gipfel China (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -  Stephen Jaffe)
Auf dem G 20-Gipfel werden zwischen China und Japan nur kühle Höflichkeiten ausgetauscht picture-alliance / dpa - Stephen Jaffe

Viele Bewohner in der Region sprechen von der Gefahr eines Kriegs. Doch die verantwortlichen Machthaber treffen sich nur selten. So Anfang September 2016 am Rande des G20-Gipfels. Kühler Händedruck, kein Blickkontakt. Weder Chinas Parteichef Xi noch Japans Premierminister Abe geben sich große Mühe, ihre gegenseitige Abneigung zu verbergen. 1500 Jahre meist kriegerische Beziehungen beider Länder haben wohl ihre Spuren hinterlassen. Auf dem G 20-Gipfel werden vor allem Höflichkeiten ausgetauscht.

Seit Jahren werden die Verhandlungen geführt: ohne Ergebnis. Und mit verheerenden Folgen. Etwa 500-mal im Jahr kommen sich bewaffnete japanische und chinesische Kampfflugzeuge gefährlich nahe. Und die Politik beider Länder unternimmt kaum etwas, um diese Gefahren zu minimieren. Trotz der inzwischen engen wirtschaftlichen Verknüpfung beider Länder.

Im Gegenteil

Seit der Machtübernahme durch chinesischen Staats und Parteichef Xi Jinping im Jahr 2013 zeigt sich China weniger als harmonisches "Reich der Mitte" als vielmehr ambitionierte kommunistische Weltmacht. Das Militärbudget von jährlich 215 Milliarden Dollar ist 5-mal so hoch wie das Japans und wächst weiter. Das zeigt man gern auf jährlichen Militärparaden. Im September 2015 marschierten in Peking Tausende Soldaten. Anlass war der 70. Jahrestag des Sieges über Japan im Pazifik-Krieg. Zum ersten Mal zu sehen: die neueste Version der mobilen DongFeng 21-Rakete.

Karte Ostasien (Foto: Google Maps -)
Das chinesische Militärbudget von jährlich 215 Milliarden Dollar ist 5-mal so hoch wie das Japans und wächst weiter Google Maps -

Das ist eine der modernsten und schnellsten Raketen der Welt, die zielgenau japanische Schiffe, aber auch amerikanische Flugzeugträger noch in 1.500 Kilometer Entfernung von der chinesischen Küste entfernt treffen kann. Das schränkt – wie nie zuvor – die Operationsfähigkeit der US-Marine in Ostasien entscheidend ein. Ebenso der jetzt einsatzbereite chinesische Flugzeugträger.
China will die USA aus Ostasien vertreiben, selbst die Vorherrschaft in der Region übernehmen. Schon heute hat das Land erreicht, dass es keinen Angriff mehr vom Meer fürchten muss. Zum ersten Mal seit 1.000 Jahren.

Die chinesische Dominanz – sollte man meinen – müsste die Demokratien in Ostasien, also Japan, Südkorea und Taiwan zusammenschweißen … sollte, wäre, müsste – doch so einfach ist das dort nicht. Es sind die lebendigen Geister der Vergangenheit. Erinnerungen an die Unterdrückung während der brutalen, japanischen Expansion in den 1930er- und 40er-Jahren. Diese Erinnerungen sind gerade in Südkorea stärker als die Notwendigkeiten heutiger Zusammenarbeit.

Rüstungswettkampf

Ende September 2016: Der neue Kampfjet F-35 wird in die japanische Luftwaffe eingeführt. Die F-35 ist unbestritten das modernste Kampfflugzeug der Welt. Ausgestattet mit einem computergestützten Situationsbewusstsein für die vernetzte Kriegsführung, ist das Flugzeug im Grunde ein Roboter mit einem Piloten an Bord. Nur die ersten Fighter werden beim Entwickler Lockheed Martin in Amerika gebaut, 38 weitere in Japan selbst. Gesamtkosten: 8 Milliarden Dollar. Auch Südkorea erwägt die Anschaffung von F-35-Jets, um gegen das Kim-Regime im Norden militärisch überlebensfähig zu bleiben. Das ist auch bitter nötig.

Gut gekleidete Funktionäre vor einem Großbildschirm im Zentrum von Pjöngjang. Jubel bricht aus, als wieder ein erfolgreicher nordkoreanischer Nukleartest verkündet wird. Der am 9. September 2016 war der bis dahin stärkste. Man sei jetzt in der Lage, Sprengköpfe für Trägerraketen zu produzieren. Nachbar Japan ist geschockt, die Amerikaner alarmiert. Wie schätzen die US-Pazifikstreitkräfte die Fähigkeiten der Nordkoreaner ein? Haben sie die Fähigkeit, die Welt mit Atomwaffen anzugreifen?

Spätestens 2020, so übereinstimmende Studien aus US-Sicherheitskreisen, wird Nordkorea in der Lage sein, eine größere Anzahl Atomwaffen mit Langstreckenraketen zu verschießen. 27.000 US-Soldaten sind in Südkorea, zumeist direkt an der Grenze zum Norden, stationiert. Abrüstungsverhandlungen, ja selbst "normale" Regierungsgespräche gibt es zwischen Nord- und Südkorea nicht.

Soll Südkorea?

So verwundert es nicht, wenn in Südkorea Szenarien eines sogenannten "pre-emptive strike", also eines gezielten Schlages gegen Anlagen des nordkoreanischen Nuklearprogramms, diskutiert werden: Jetzt – oder – nie. Denn was passiert, wenn Kim Jong-un etwa im Sommer 2017 auf die Idee käme, seine Taepodong 2 Interkontinentalrakete startbereit zu machen, und niemand weiß, ob an der Spitze ein Wettersatellit oder ein Nuklearsprengkopf sitzt?

Donald Trump (Foto: picture alliance / AP Photo -)
Donald Trump hatte im Wahlkampf zur Überraschung vieler Strategen angekündigt, er habe "absolut kein Problem, mit Kim zu reden" picture alliance / AP Photo -

Nordkorea ist zum Kampf bereit, erklärt das Regime immer wieder und lautstark. Man werde den neuen US-Präsidenten Donald Trump genau beobachten. Der wiederum hatte im Wahlkampf zur Überraschung vieler Strategen angekündigt, er habe "absolut kein Problem, mit Kim zu reden". Klar ist: Kim Jong-un will nicht enden wie Saddam Hussein. Die Atomwaffen und Raketen sind seine Lebensversicherung.

China unterstützt das nordkoreanische Regime weiter. Man hatte ja immerhin gemeinsam den Koreakrieg gegen die USA und Südkorea geführt – und nach eigener Überzeugung auch gewonnen. Zwar missfallen auch China die Atombombenversuche seines Nachbarn. Doch würde es seine Unterstützung aufgeben, befürchtet China einen Einmarsch der USA und Südkoreas in Nordkorea. Dann würden Millionen Nordkoreaner Richtung China fliehen. Daran hat China absolut kein Interesse.

Bündnisse der Diktatoren

Ebenso wenig wie an einem wiedervereinigten Korea. Denn dann hätte China am Ende einen starken Nachbarn neben sich und möglicherweise sogar US-Truppen direkt an der Grenze. Bevor es dazu kommt, hält China lieber weiter seine schützende Hand über Nordkorea, trotz dessen aggressiven Auftretens. Japan aber wird angesichts der wachsenden Bedrohung nicht länger tatenlos bleiben. Ist ein Krieg also unausweichlich, sollten sich die USA zurückziehen, Diplomatie und politisches Denken in Ostasien, in Japan, China und Korea versagen?

Chinas Präsident Xi Jinping spricht beim Weltwirtschaftsforum in Davos (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa - Michel Euler)
Auch Chinas Parteichef Xi Jinping hält lieber weiter seine schützende Hand über Nordkorea, trotz dessen aggressiven Auftretens picture-alliance / dpa - Michel Euler

Die neue Weltmacht China wird nichts mehr hinnehmen, was seiner Hegemonie entgegensteht. In Ostasien sind also auch weiterhin kaum Anzeichen für Vernunft und Abrüstung zu erkennen. Eine gewaltige Herausforderung für den politisch insgesamt und besonders mit Ostasien weitgehend unerfahrenen Präsidenten Trump.

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