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Der andere Georg Büchner Liebesgefühle und Froschzehen

Von Jürgen Wertheimer

Georg Büchner wird - ähnlich wie Kafka und Schiller - gemeinhein der sehr ernsten Muse zugerechnet. Und ähnlich wie im Fall dieser beiden verbaut man sich auch bei ihm damit den Blick auf einen ganz wesentlichen Teil seines Schreibens: Phantastik, Skurrilität und die Liebe zu Slapstick und Nonsense, Witz, Satire und Groteske stehen bei Büchner in einem frappierenden Wechselspiel mit Analytik, Engagement und Kritik. Der Tübinger Literaturwissenschaftler Professor Jürgen Wertheimer entdeckt im Büchner-Jahr den anderen Dichter hinter den üblichen Klischees.

Der Schriftsteller Georg Büchner, dargestellt auf einer undatierten Zeichnung

Georg Büchner, Schriftsteller und Revolutionär

Skalpell und Poesie waren für den ambitionierten Mediziner und Naturwissenschaftler von Beginn an kein Widerspruch. Autopsie, Vivisektion und seelenkundliche Annäherung gehören bei Büchner genauso zusammen wie ernsthafte Analyse und subversives Spiel.

Als einen, "dem die Parzen bei der Geburt die Augenlieder abgeschnitten haben- (Parzen sind in der römischen Mythologie die drei Schicksalsgöttinnen) - hat Heiner Müller ihn in seiner Preisrede gekennzeichnet und damit ein strenges, dogmatisches und einschüchterndes Büchner-Bild festgeschrieben. Messerscharfer Analytiker, Gewalt-Theoretiker, Frühsozialist. Das alles trifft zu. Und führt dennoch auf die falsche Spur, genauer, es verdeckt den ganzen, vielleicht sogar den eigentlichen Büchner.

Wirklichkeit pur!

Präparate von Fröschen und Kaulquappen

Georg Büchner - Schriftsteller und Naturwissenschaftler

Als studierter Mediziner und Naturwissenschaftler, politisch engagierter Radikaler und mit dreiundzwanzig Jahren bereits habilitierter Nachwuchswissenschaftler ist Georg Büchner gewiss ein Sonderfall. Festzustellen ist eine starke Affinität zu Außenseitern und zu Themen und Strukturen, die Ausgrenzungen und Außenseitertum zum Gegenstand haben. Büchner wird nicht zum Außenseiter aufgrund einer Tendenz, sondern wenn, dann aufgrund eines radikalen Willens zur Tendenzlosigkeit. Es gibt kaum eine Zeile von ihm, in der er sich nicht von einer Illusion trennt.

Er verzichtet völlig auf den Trost durch Humor oder Wortwitz wie Heine, durch idealistische Philosophie oder Anthropologie wie Kleist. Er stellt sich, wenn man so will, als erster der Wirklichkeit pur. Alle seine literarischen Texte wenden sich der Wirklichkeit der Fakten zu, orientiert an Dokumentationen auf der Basis von Protokollen, Tagebüchern, Chroniken. Als erster Autor der deutschen Literatur hebt er die Grenze zwischen literarischer und referentieller Sprache auf und fügt unmittelbare Zitate aus der Wirklichkeit in die literarischen Text ein.

Georg Büchner: "Familienzimmer"

Georg Büchner: "Familienzimmer"

In der Novelle Lenz umreißt er am Beispiel des gescheiterten Dichters Jakob Michael Reinhold Lenz das Programm der systematischen Ausgrenzung und Verwandlung eines Freundes in einen Außenseiter und Wahnsinnigen. Auf der Grundlage des Berichts des elsässischen Pfarrers und Sozialreformers Johann Friedrich Oberlin rekonstruiert er den Prozess der Exklusion und Psychiatrisierung weitgehend aus der Sicht des Betroffenen selbst. Therapie und Rettungsversuche gleiten an diesem weitgehend ab. Am Ende erscheint Lenz äußerlich gebändigt, innerlich vollständig zerbrochen und unberührbar.

Geburtshaus Georg Büchners

Geburtshaus Georg Büchners

Büchner versucht die Wirklichkeit ungefiltert und ohne moralische Komponenten einzufangen. Für dieses radikal realistische Programm war die noch immer in den Kategorien des deutschen Idealismus / Klassizismus denkende Literatur und Öffentlichkeit zu Büchners Zeit zweifellos noch nicht reif. So konnte keiner seiner Texte zu Lebzeiten publiziert oder erfolgreich rezipiert werden. Sein Skeptizismus, sein Ideologie-Verzicht und der filterlose Wirklichkeitsblick waren die Hauptelemente einer Ästhetik der Moderne, nicht aber der deutschen Literatur der dreißiger Jahre des 19.Jahrhunderts. Die war noch immer auf Idealismuskurs, stocherte allenfalls in den Abgründen romantischer Ironie.

Büchner aber unternimmt etwas ganz anders – er sprengt das System als Ganzes und operiert mit den Einzelteilen und Bruchstücken. Verschiebt die Tektonik des über Jahrhunderte aufgebauten Ordnungsgefüges ohne Rücksicht auf Verluste. Auch solche der Hierarchien. Der „Woyzeck“ markiert den Riss im System. Bisher hatten wir immer Täter, Akteure, Macher vor uns. Jetzt hat man vom ersten Moment an den Eindruck eines Gehetzten, Verfolgten, Getriebenen, Gejagten, eines Menschen auf der Flucht, eines Menschen in panischer Angst – Eines Menschen, der davonläuft.

Die Welt, ein schwindelerregendes Karussell

"Danton's Tod" von Georg Büchner

"Danton's Tod" von Georg Büchner

Ein 23-jähriger Student der Medizin rüttelt so an den Grundlagen des „Menschenbildes“ der abendländischen Tradition und verwandelt den Diskurs um das Humane in eine valentineske Nonsensrede, weit weg von allem „to be or not to be“- Gerede. In Büchners Dramen ist die Zeit und mit ihr die gute alte Einheit der Zeit ebenso aus den Fugen geraten wie die des Raums. Szenen wie Blitzlichter gehen verwischt ineinander über; die einzige „Einheit“ ist ein Gefühl aus Unruhe, Unbefriedigtheit, aus Trieb, Getriebenwerden, nicht mehr Stehenbleiben können.

Auf den ersten Blick sind freilich auch die Dramen von Büchners Zeitgenossen aus der Periode des bitteren Biedermeier Symptome solch krisenartiger Wirklichkeitserfahrung: Christian Dietrich Grabbes Stück Don Juan und Faust, Nestroys sarkastischer Weltschmerz Grillparzers zerbrechende Utopien. Hebbels schillernde Mythen. Alle suchen nach einer gerichteten Form, auch einer neutralen Form, auch einer dramatischen. Doch keiner ging derart leidenschaftslos-radikal mit Wirklichkeitsattrappen ins Gericht wie Büchner. Parallelen gibt es allenfalls zu Kleist – auch dessen Penthesilea bricht auf solch radikale Weise mit den Konventionen, dass an eine Aufführung bis in die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts nicht zu denken war.

Georg Büchner auf einer Bleistiftzeichnung

Georg Büchner auf einer Bleistiftzeichnung

Manchmal ist man versucht, einen merkwürdigen Zusammenhang zwischen verstörender Wirkung und zeitgenössischer Genauigkeit festzustellen. Je genauer ein Stück den innersten Nerv seiner Zeit trifft, umso weniger erhält es eine Chance auf der Bühne? Klingt plausibel, ist aber so nicht zutreffend, man denke an Schillers Räuber. Nein, es muss noch etwas anderes sein, was Dramen für Zeitgenossen oft inkommensurabel macht. Es mag der Blick sein, der dem Zuschauer den Boden restlos entzieht. Das böse Gefühl, man stünde in einer theatralischen Anatomie, einer Sezierhalle, in der die Materie des Menschen auseinandergenommen wird und man findet „Staub, Sand, Dreck“.

Und ein zweites, vielleicht noch schwerer zu ertragendes Gefühl schleicht sich ein, drückt sich ins Gemüt: Büchners Figuren sind von diesem Sog nach unten ergriffen. Nicht nur der kranke Woyzeck, alle. Man kann anfangen und aufhören, wo man will. Der Zustand bleibt unverändert. Das Drama ist wie ein Bandwurm, den man an jeder Stelle durchschneiden und beliebig zusammensetzen, zusammenstückeln könnte, – am Befund würde sich nichts ändern.

Theaterstück "Leonce und Lena" von Georg Büchner

Theaterstück "Leonce und Lena" von Georg Büchner

Die Versuchsanordnung hier aber ist ohne den Hauch eines teleologischen Befundes, noch weniger eines theologischen: obwohl alle Leute Bibelzitate scheppernd und gewohnheitsträge mit sich herumschleppen … hinter sich herziehen. Und erst recht die Wissenschaft. Gerade die markiert die übelste Position. Die Wissenschaft ist bei Büchner ein Killervirus. Nicht nur der Menschlichkeit. Auch jeglicher Moral, jeglicher Tragik.
Denn wo soll in den Texten noch Raum fürs Tragische sein! Wenn man „Menschenversuche“ macht, gibt es nur erfolgreiche oder weniger erfolgreiche Abläufe. Sucht man nach einer extremen Steigerung dessen, was Schiller in den Räubern probiert hat, hier fände man es nicht extrovertiert, phantastisch, sondern realistisch.


Großmeister der Farce

Georg Büchner: Gedenkmünze

Georg Büchner: Gedenkmünze

Kaputte Menschen, ein leeres aufgeholtes Staatswesen – aber alle sind zu Tränen gerührt und spielen weiter, Halbautomaten ihrer selbst, „business as usual“ – dies ist die eigentliche Bombe, die Büchner mit seiner Komödie „Leonce und Lena“ vor die sich restaurierende Gesellschaft wirft und sich gleichzeitig, während er das tut, vor Lachen ausschüttet. Ein böses Lachen, hinter dem sich auch die Enttäuschung über viele gebrochene Ideale verbirgt. Büchner als einer der Großmeister der satirischen Farce, lange vor Godot und Dürrenmatt! Vielleicht könnte man ihn so aus der sozialistischen Leichenstarre, einbalsamiert mit Gesinnungsöl, erlösen und Büchner so gesinnungs- und respektfrei begegnen wie er sich selbst gesehen hat. Wahrlich, er war kein Guillotinenmesser und auch kein dramaturgischer Sansculotte. Vor allem kein Parteigänger. Vielmehr Artist und Liebhaber von Artistik und Artisten, von Leuten eines weltanschauungsfreien Lebensstils.

* Zum Autor:
Jürgen Wertheimer studierte Germanistik Komparatistik, Anglistik und Kunstgeschichte an den Universitäten München, Siena und Rom, promovierte (summa cum laude) und habilitierte sich an der LMU München, wo er auch zum Privatdozenten ernannt wurde. Er folgte einem Ruf an die Universität Bamberg und 1991 an die Universität Tübingen. Dort hat er den Lehrstuhl für Internationale Literaturen/Neuere deutsche Literatur inne.

Bücher (Auswahl):
– Don Quijotes Erben. Die Kunst des europäischen Romans. Konkursbuchverlag. 2013.
– Die Venus aus dem Eis: Wie vor 4.000 Jahren unsere Kultur entstand (zusammen mit Nicholas Conard). Btb-Verlag. 2010.
– Schillers Spieler und Schurken. Konkursbuchverlag. 2012.


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