Sturmangriff österreichisch-ungarischer Truppen auf eine italienische Stellung bei der 10. Isonzo-Schlacht (Foto: SZ Photo/Scherl -)

SWR2 Wissen Der Alpenkrieg 1915 - 1918

Exakt vor 100 Jahren entbrannte in den Alpen der Gebirgskrieg, das vielleicht aberwitzigste Kapitel des Ersten Weltkriegs. Die italienische Monarchie wechselte die Bündnis-Seiten und fiel ihrem ehemaligen Partner Österreich-Ungarn in den Rücken, der Kampf wurde auf beiden Seiten mit unvorstellbarer Brutalität geführt. Stellungskämpfe im Gletschereis, Stollenwettläufe, mittels derer ganze Berge in die Luft gesprengt werden sollten, Sturmangriffe im meterhohen Schnee, blutige Schlachten um Bunkeranlagen, Gaskrieg. Unter den Kämpfern waren Menschen wie Luis Trenker, Gabriele D'Annunzio und Benito Mussolini, und im Massensterben berühren immer wieder persönliche Tragödien - wie die des Sextner Bergführers Sepp Innerkofler (1865 - 1915).

Dauer

Die imposanten Felsriesen des Ortler, das kühne Zackenmeer der Dolomiten, die prallgrüne Hochebene der Sieben Gemeinden mit ihren Seen und jähen Steilabstürzen, die düstere Isonzo-Schlucht – die südlichen Alpen sind von faszinierender Schönheit, und doch tobte hier jahrelang ein blutiger Krieg, der einen ganzen Vielvölkerstaat zerriss und Hunderttausende von Soldatenleben gekostet hat.

Österreichisch-ungarischer Posten in einer Stellung an der Italienfront, 1916 (Foto: SZ Photo/Scherl -)
Österreichisch-ungarischer Posten im Hochgebirge am oberen Isonzo, 6. Isonzoschlacht (1916) SZ Photo/Scherl -

Noch heute finden sich entlang der gesamten Exfront zwischen Trafoi in der Ortler-Region und Karfreit im heutigen Slowenien unzählige Zeugnisse dieses Krieges – Festungsruinen, Unterstände, Stacheldrahtverhau. Und die Geschichten, die mit ihm verbunden sind, sind ebenso packend wie ergreifend.

Krieg zwischen Nachbarn

Dass die ehemaligen Nachbarn – Österreicher und Italiener – aufeinander losgehen, liegt nicht so sehr an menschlicher Schlechtigkeit, als an den Machenschaften der Großmächte und ihrer Geheimdiplomatie: Italien ist eigentlich mit Österreich-Ungarn verbündet, wird dann aber von England und Frankreich angestachelt, aus dem Bund auszutreten und seinem ehemaligen Partner Österreich den Krieg zu erklären.

Österreichisch-ungarische Soldaten bergen Munition, 1917 (Foto: SZ Photo/Scherl -)
Österreichisch-ungarische Soldaten bergen Munition, 1917 SZ Photo/Scherl -

Für diesen Schritt werden Italien immense Gebietsgewinne im Fall eines Siegs versprochen: Istrien, Dalmatien und ganz Südtirol. Für Österreich ist der Seitenwechsel Italiens eine Katastrophe. Der Großteil der Soldaten ist weit weg und kämpft im fernen Galizien gegen die Russen. Nun plötzlich dieser neue Feind Italien, der unverbraucht ist und Österreich militärisch überlegen.

Anfang Mai 1915 besetzen Italiens Regimenter mit den Rufen "Avanti Ragazzi!“ und "Evviva Savoia" die ersten Bergstellungen in den Alpen und bereitet das Eindringen nach Österreich vor. Erst 14 Tage später folgt die offizielle Kriegserklärung. Österreich muss sich rasch etwas einfallen lassen. Hastig werden sogenannte Standschützen-Regimenter ausgehoben, Gruppen von meist bergerfahrenen, älteren oder sehr jungen Ortsansässigen, die noch nicht zur Front eingezogen wurden.

Österreichisch-ungarische Soldaten im vordersten Schützengraben am Isonzo, 1915 (Foto: SZ Photo/Scherl -)
Österreichisch-ungarische Soldaten im vordersten Schützengraben am Isonzo, 1915 SZ Photo/Scherl -

Kampf mit allen Mitteln

Diese versuchen in nächtlichen Aktionen den Italienern vorzugaukeln, dass die Grenze besser geschützt sei als sie es in Wirklichkeit ist. Die Aktionen kosten viel Kraft und sind gefährlich. In elf Isonzo-Schlachten rennen die Italiener permanent gegen die österreichischen Stellungen an – und verlieren dabei zu Tausenden ihr Leben. Die Soldaten kämpfen mit allem, was sie haben – Gewehrkolben, Bajonetten, Fäusten, Eispickeln, Messern, Steinen, zugeschliffenen Spaten, mit Nägeln gespickten Sturmkeulen. 200.000 Soldaten fallen in elf Schlachten – und das für nur zehn Kilometer Bodengewinn.

Ein Lager der österreichisch-ungarischen Truppen im Gebiet des Doberdo-Plateaus, 1915 (Foto: SZ Photo/Scherl -)
Österreichisch-ungarisches Lager, 1915 SZ Photo/Scherl -

So können die Österreicher, wie durch ein Wunder diesen Frontabschnitt gegen Italien halten, das nach wie vor an Ausrüstung und Soldaten überlegen war. Ihre fast unglaublichen Erfolge in der Verteidigung lassen die Österreicher Anfang 1916 übermütig werden. Eben noch mit Müh und Not einem militärischen Debakel entronnen, schmieden sie nun Pläne für eine Offensive. In einem eng begrenzten Vorstoß wollen sie die italienische Front durchbrechen, ins venezianische Tiefland vordringen und die Isonzo-Truppen einkesseln.

Am 15. Mai 2016 greifen die österreichischen Truppen an, durchstoßen die italienischen Stellungen. Doch der Angriff gerät ins Stocken, die Geländegewinne sind aufgrund der Versorgungsschwierigkeiten kaum zu halten. Außerdem erfahren England und Frankreich vom drohenden Durchbruch der Österreicher und setzen umgehend Russland unter Druck, Österreich von Osten her ebenfalls anzugreifen und dadurch Italien zu entlasten.

Krieg wofür?

Das gelingt, die Österreicher blasen ihre Pläne ab schicken das Gros ihrer Truppen an die Ostfront zurück. Doch da waren schon 30.000 Soldaten in der vergeblichen Offensive dieser kurzen Frühlingswochen gefallen.

Brücke über den Isonzo bei Salcano (Solkan) nördlich von Görz; sie wurde 1916 von österreichisch-ungarischen Truppen gesprengt (Foto: SZ Photo/Scherl -)
Gesprengte Salcanobrücke, 1917 SZ Photo/Scherl -

Nach den unsäglichen Verlusten auf beiden Seiten drängt sich den Kämpfenden immer stärker die Frage auf, wozu dieser Krieg eigentlich gut sein soll. Vor allem in Italien kommt es im Verlauf des Jahres 1916 und 1917 zunehmend zu pazifistischen Massen-Kundgebungen, an der Front desertieren immer mehr Soldaten.
Angriffe fußen auf einem ausgeklügelten System, das es den Befehlshabenden ermöglicht, zaudernde Soldaten sofort wegen Befehlsverweigerung erschießen zu lassen, doch nun werden die Italiener rabiater: Sie wenden sowohl bei ihren Truppen als auch bei slowenischen Zivilisten die sogenannte Dezimation an – die Erschießung eines jeden Zehnten, um Ungehorsam zu bestrafen.

Chemische Waffen

Mitte September 1917, nach der 11. Isonzo-Schlacht, ist Österreich mit seiner Kraft am Ende – zu hoch sind die bisherigen Verluste. In dieser schicksalhaften Lage kommt dem wankenden Gegner das Deutsche Reich zuhilfe. Es schickt – unter dem Decknamen "Waffentreue" – mehrere Divisionen deutscher Truppen, u.a. das Deutsche Alpenkorps.

Der österreichische Kaiser Karl I. (3.v.l.) begrüßt neu eingetroffene deutsche Hilfstruppen (Foto: SZ Photo/Scherl -)
Der österreichische Kaiser Karl I. (3.v.l.) begrüßt neu eingetroffene deutsche Hilfstruppen SZ Photo/Scherl -

So werden unter größter Geheimhaltung über Wochen hinweg Geschütze, Granaten und Soldaten zur Isonzo-Front transportiert. Vor allem aber: Zugladungen von Giftgas. Auch die anderen kriegsführenden Nationen experimentieren mit dieser neuen Waffe herum, doch die Deutschen – nicht zuletzt durch Pionierarbeiten von Wissenschaftlern der Bayer AG – sind Vorreiter.

Österreichisch-ungarische Truppen lassen Chlorgas aus Behältern ab, um es durch den Wind auf die italienischen Linien zutreiben zu lassen (1917) (Foto: SZ Photo/Rue des Archives -)
Gasangriff an der Isonzofront, 1917 SZ Photo/Rue des Archives -

Sie entwickeln im Verlauf des Kriegs eine Technik, die sich "Buntschießen" nennt: das tückische Kombinieren verschiedener Chemikalien, die die herkömmlichen Gasmasken austricksen und ihre Filter nutzlos machen. Beispielsweise die Mischung von Chlor-Arsen und Phosgen. Chlor-Arsen ruft einen unerträglichen Juckreiz hervor und bringt den Angegriffenen dazu, sich die Maske herunterzureißen.

Gegen alte Gasmasken

Phosgen wiederum reagiert beim Kontakt mit Körperflüssigkeit zu Salzsäure. Innerhalb von zwei Stunden zerfrisst es das Lungengewebe eines Menschen – bei vollem Bewusstsein. Mitentwickelt haben diese Technik zwei Chemiker, die viele Jahre später mit dem Nobelpreis ausgezeichnet werden: Fritz Haber und Otto Hahn.
Sie sind nun an der Isonzo-Front vor Ort, um den Gas-Angriff zu koordinieren. Die italienischen Soldaten, die nur mit den veralteten Gas-Gemischen der k.u.k. Armee vertraut sind, ahnen nicht, was auf sie zukommt. Am 24. Oktober 1917 verschießen deutsche Pionier-Abteilungen ab 2 Uhr nachts 70.000 Grün- und Blaukreuzgranaten auf die italienischen Stellungen.

Reste einer zerschossenen italienischen Batterie, 1917 (Foto: SZ Photo/Scherl -)
Reste einer zerschossenen italienischen Batterie, 1917 SZ Photo/Scherl -

Es gelingt, womit niemand gerechnet hat: Die anstürmenden österreichischen Truppen schaffen den Durchbruch. Als "Wunder von Karfreit" geht der Angriff der 12. Isonzo-Schlacht in die Geschichte ein, die Italiener nennen den Tag "die Katastrophe von Caporetto". Die Dolomiten-Front jedenfalls bricht wie ein Kartenhaus zusammen.

Zusammenbruch

So verlagert sich nach dem Zusammenbruch der italienischen Stellungen die Front ans Tiefland des Flusses Piave, kurz vor Venedig – in eine bäuerliche Gegend, die in diesen Jahren regelmäßig von Überschwemmungen und Malaria heimgesucht ist. Hier – am westlichen Piave-Ufer – haben sich die italienischen Truppen erneut gesammelt, und es innerhalb weniger Tage geschafft, neue Stellungen aus dem Boden zu stampfen.

Während der zwölften Isonzoschlacht gerieten 300.000 italienische Soldaten in Gefangenschaft; hier ein Teil der Kriegsgefangenen im Lager von Soca (Foto: SZ Photo/Scherl -)
Italienische Kriegsgefangene, 1917 SZ Photo/Scherl -

Vom Isonzo kommend, gelangen die Österreicher an den Piave und erleben eine Front, die für eine Verteidigung wie geschaffen ist. Die Italiener werden zudem unterstützt von englischer und französischer Seite, die Österreicher dagegen sind überfordert. Ohne ausreichende Munition, miserabel ernährt und ausgelaugt, versuchen sie in immer neuen Aktionen, den Piave mit Schiffen und Pontons – also Schwimmkörpern – zu überqueren – ganze Regimenter werden bei diesen Einsätzen verpulvert.
Österreichs Piave-Front bricht schließlich zusammen – und mündet in einen chaotischen Rückzug. Panisch fliehen alle noch nicht in Kriegsgefangenschaft geratenen Soldaten zurück nach Österreich, oder in die nun aus gerade zerfallenden Donaumonarchie neu entstehenden Länder wie die Republik Ungarn, ins Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen.

Österreichisch-ungarische Sturmtruppen setzen in Pontons über die Piave, 1917 (Foto: SZ Photo/Scherl -)
Österreichisch-ungarische Sturmtruppen setzen in Pontons über die Piave, 1917 SZ Photo/Scherl -

Finstere Zeiten für Südtirol

Für Südtirol brechen nun finstere Zeiten an, denn der Sieg Italiens begünstigt vor allem die dortigen extremen Nationalisten: Männer wie Benito Mussolini und Gabriele D'Annunzio, die selbst längere Zeit an der Isonzofront gekämpft haben.
Diese betreiben jetzt im Zuge des aufkommenden Faschismus die totale "Italienisierung" der Südtiroler Gebiete: mit Zwangsumsiedlungen, politischer Entmachtung, grotesken Umbenennungen aller Ortsnamen, Verbot des Namens "Südtirol" und zeitweise sogar einem Einreiseverbot für deutschsprachige Besucher.

AUTOR/IN
STAND