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Nicht im Hier und Jetzt Der fremde eigene Körper

Für die Betroffenen ist die Depersonalisation eine beängstigende Krankheit. Der eigene Körper ist fremd und das eigene Leben läuft ab wie ein Film auf einer fernen Leinwand. Für Wissenschaftler ist sie noch ein neues Forschungsgebiet. Schließlich gibt es kein anderes Störungsbild, welches klarer aufzeigt, wie unsere Realität und die Selbstverständlichkeit, mit der wir in unserem Körper sind, im Gehirn konstruiert wird.

Depersonalisation ist unter anderem ein philosophisches Krankheitsbild

Depersonalisation ist unter anderem ein philosophisches Krankheitsbild

Dissoziative Zustände sind ein Phänomen, bei dem die eigene Raum-, Zeit- und auch Selbstwahrnehmung vorübergehend aufgelöst ist. Im Fachjargon nennt man das Depersonalisation und Derealisation.

"Neben sich stehen"

Viele Menschen haben schon eine oder mehrere kurze Episoden der Depersonalisation erlebt. Man ist etwa übermüdet auf einer Party und hört sich reden, doch das scheint wie von alleine zu geschehen. Es kann auch bei Ortsveränderungen passieren: man steigt im Urlaub aus dem Flugzeug und hat Schwierigkeiten, die Wahrnehmung zu integrieren. So kann die Umgebung und das Wahrgenommene wie ein Film oder Traum erscheinen. Das erleben viele und es ist normal.

Mann hält sich ein Papier mit einem Fragezeichen vor das Gesicht. Im Hintergrund Röntgenaufnahme von Gehirn.

Wie es zu der Krankheit Derealisation kommt, ist ein Rätsel

Zur Krankheit wird die Depersonalisation erst, wenn man sich oft derart seltsam selbst erlebt und darunter leidet. Offiziell heißt die Störung Depersonalisations- oder Derealisationssyndrom, weil die Betroffenen meist nicht nur die eigene Person verändert erleben, sondern auch die Realität ringsum. Im Unterschied zu Schizophrenen wissen sie aber, was wirklich ist und was eigenwillige Wahrnehmung. Etwa ein Prozent der Menschen erkrankt an dieser Störung.

Emotionale Belastungen als Auslöser

Die Erkrankung beginnt meist um das 16. Lebensjahr, zu 95 Prozent vor dem 25. Lebensjahr. Als Auslöser findet man häufig emotionale Belastungen, die das innere psychische Gleichgewicht ins Wanken gebracht haben. Oft tritt die Depersonalisation im Rahmen einer psychischen Störung auf, etwa bei Panikattacken oder Depressionen. Sehr ausgeprägt können die Symptome bei Borderline-Patienten sein. Manche Patienten haben Drogen konsumiert, bevor sie krank wurden, relativ viele davon Marihuana.
Die meisten Betroffenen allerdings haben nie vorher Drogen genommen und überhaupt lässt sich in der Hälfte der Fälle kein anderer Auslöser finden.

Depersonalisation oft falsch behandelt

Aufnahmen von aktiven Gehirnregionen

Aufnahmen von aktiven Gehirnregionen

Etwa jeder Da der Patient häufig auch noch eine andere, leichter erkennbare Störung hat, bekommt ein Arzt es oft gar nicht mit, wenn die Depersonalisation das Hauptproblem ist. Der geringe Bekanntheitsgrad hat Folgen für die Behandlung des Patienten, denn die Probleme werden oft nicht richtig verstanden. Noch schlimmer kommt es, wenn ein Psychiater die Symptome überhaupt nicht als Depersonalisation erkennt, sondern für eine Schizophrenie hält - also für die klassische Wahnerkrankung. Und Medikamente gegen die Schizophrenie, sogenannte Neuroleptika, sind für Patienten mit Depersonalisation genau das Falsche. Diese Arzneimittel haben eine dämpfende Wirkung und verschlimmern so den ohnehin gedämpften Zustand der Patienten.

Stattdessen braucht es Spezialisten auf diesem Gebiet, um den Betroffenen tatsächlich helfen zu können. Über ein Symptom-Tagebuch im Rahmen einer Psychotherapie kann es gelingen, dem Patienten Muster aufzuzeigen, bestimmte Situationen gemeinsam zu analysieren und zu den zugrunde liegenden Ängsten zu kommen. Oft kommt heraus, dass die Angst vor einer möglichen Beschämung zu einer Verstärkung von Depersonalisation führt. Auch Meditationsübungen gehören mancherorts zur Behandlung. Eine standardisierte überprüfte Therapie gibt es aber noch nicht.

Ursachen im Gehirn

Doch was genau passiert bei dieser Krankheit? Und welche Ursachen lassen sich bei jenen Patienten finden, die keine emotionale Störung oder Drogenkonsum als Auslöser haben? Es gibt einige Spuren, die man im menschlichen Gehirn finden kann. Die sogenannten Mandelkerne, zwei kleine, mandelförmige Strukturen, die bei der Entstehung von Gefühlen mitwirken, reagieren schwächer als sonst. Obendrein sind die Bereiche des Frontalhirns hinter der Stirn, die Emotionen hemmen, aktiver. Beide Faktoren zusammen tragen vermutlich zum gedämpften Gefühlserleben der Patienten bei. Der andere Bereich, der eine Rolle spielt, liegt in den temporal-parietalen Regionen, wo unser Körperbild und –empfinden zusammengesetzt wird. Es ist die Gegend, in welcher der Temporallappen auf den Parietallappen trifft.

Ein Arzt schaut sich ein MRT-Bild an.

Das menschliche Gehirn

Dort berechnet das Gehirn unter anderem viele verschiedene Modalitäten und Sinnesdaten zusammen. Hörsinn, Sehsinn, Gleichgewichtssinn und Tastsinn - alle diese Informationen werden dort verrechnet. Das Gehirn muss sie so zusammenfassen, dass wir das Gefühl haben, uns an einem bestimmten Ort und in einer bestimmten Körperlage zu befinden: Sich an derselben Stelle spüren, reden hören und auch sitzen sehen. Genau das scheint bei außerkörperlichen Erfahrungen nicht richtig zu funktionieren. Interessanterweise wird so sichtbar, dass es nicht selbstverständlich ist, sich als einheitliche Person zu empfinden. Das Gehirn muss diesen Eindruck vielmehr erst erzeugen. Dabei kann es Fehler machen.

Außerkörperliche Erfahrungen

Heute weiß man, dass etwa fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung außerkörperliche Erfahrungen machen. Das ist erstaunlich häufig. Wenn man das hochrechnet in Deutschland, dürfte es vier bis acht Millionen Menschen geben, die einmal oder zweimal in ihrem Leben eine außerkörperliche Erfahrung erlebt haben. Deshalb gelten außerkörperliche Erfahrungen heute auch nicht mehr als sicheres Anzeichen der schizotypen Persönlichkeitsstörung oder einer Geisteskrankheit. Das Phänomen tritt vor allem bei Grenzerfahrungen auf, beim Marathonlauf oder bei Unfällen, beim Einschlafen und Aufwachen, in den Phasen also, in denen das Bewusstsein plötzlich erwacht oder einschläft.

Außerkörperliche Erfahrungen lassen sich sogar mit einer Elektrode im Gehirn künstlich auslösen. Bei der neurologischen Untersuchung von Epileptikern wurden verschiedene Stellen im Gehirn schwach elektrisch stimuliert, um die Aufgaben der Regionen voneinander abgrenzen zu können. Als die Mediziner Strom in eine bestimmte Gehirnregion schickten, hatte eine Patientin plötzlich das Gefühl, mehrere Meter hoch in der Luft zu schweben und auf ihren Körper herabzusehen. Weitere Forschungen ergaben: Patienten, deren Gehirn in genau dieser Region verletzt ist, erleben ebenfalls relativ oft außerkörperlichen Erfahrungen.