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Wie unser Gehirn die Welt versteht

Bewegung macht klug – immer mehr Sportwissenschaftler aber auch Neuropsychologen propagieren Körpertraining, um das Gehirn fit zu machen. Denn wie Studien zeigen, werden die Hirnareale für Motorik und abstraktes Denken immer gleichzeitig aktiviert.

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Kindergartenkinder lernen heute Englisch in der Krabbelgruppe, sie machen wissenschaftliche Versuche im Rahmen der sogenannten Einstein-Projekte und sollen wenn möglich schon vor Schulbeginn lesen und schreiben können. Kognitive Trainingsprogramme werden derzeit ganz groß geschrieben in den Förderkonzepten der unter 6jährigen. Doch das wichtigste Instrument für unsere Intelligenz scheint schlicht und einfach unser Körper zu sein.
Professor Hans-Christoph Nürk von der Universität Tübingen untersucht diesen Zusammenhang anhand eines Ansatzes in der Psychologie, der kognitive Vorgänge nicht als losgelöste geistige Angelegenheit betrachtet, sondern als untrennbar mit dem Körper verbunden.

Krabbelndes Baby in Bauchlage (Foto: © JupiterImages Corporation -)
Der Zusammenhang zwischen Bewegung und Lernerfolg wird bisher unterschätzt © JupiterImages Corporation -

Wir lernen über unsere Körper, die sich im Raum bewegen

Wir erobern als Kleinkinder robbend und krabbelnd die Welt, und möglicherweise behalten wir diese Form des Lernens über den Körper und über die Räume, die dieser Körper durchmisst, das ganze Leben bei. Wie sich dieser Zusammenhang in der Informationsverarbeitung des Gehirns zeigt, kann man mit den neuen bildgebenden Verfahren gut veranschaulichen, denn motorische Hirnareale sind aktiv, wenn man Wörter oder auch Zahlen verarbeitet.
In Zusammenarbeit mit der Exzellenz-Graduiertenschule LEAD im Wissenschaftscampus Tübingen sowie mit Kollegen aus den Fachrichtungen Erziehungswissenschaft und Linguistik und der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg hat Nürk eine Reihe von Forschungsprojekten durchgeführt, die diesen Zusammenhang untersuchen.
Es geht ihnen darum, wie körperliche Konzepte unser abstraktes Denken strukturieren, und zwar vornehmlich im Bereich des mathematischen Lernens. Ein Streitpunkt unter Pädagogen ist die Frage, ob das Abzählen von Rechenaufgaben mit den Fingern ein Zeichen von mathematischer Schwäche darstellt, oder ob es als Lernmöglichkeit akzeptabel ist.

Eine Schülerin schreibt etwas an die Tafel (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Begreifen wir nur durch unseren Körper Zahlen und Mengen? Thinkstock -

Gibt es reine Abstraktion?

Ist es so, dass wir – auch als Erwachsene – Zahlen tatsächlich rein abstrakt verstehen? Oder ist unser eigener Körper das Medium, mit dem wir Zahlen und Mengen überhaupt erst begreifen können – mit fünf Fingern an jeder Hand, mit Beinen und Füßen, die einen, zwei viele Schritte machen können? Diese Frage ist wichtig für Lernmethoden und didaktische Modelle.
Vielleicht ist unser Gehirn ja im Lauf der Evolution entstanden, als sich das Leben in Bewegung setzte. Nur ein bewegliches, mobiles Wesen braucht überhaupt ein Gehirn, so der Neurophysiologe Rodolfo Llinás in seinem 2002 erschienen Buch "I of the Vortex: From Neurons to Self".
Dort nutzt er das Beispiel eines winzigen quallenähnlichen Tieres, der sogenannten Seescheide: Die Larve kommt mit einem einfachen Rückenmark und einem aus 300 Neuronen bestehenden "Gehirn" zur Welt. In den ersten 12 Stunden ihres Lebens muss sie eine Koralle finden, auf der sie sich niederlassen kann.

Ein kleiner Junge stützt sich während des Fußballspiels mit einem Fuß auf dem Ball ab. (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Bewegung macht klug Thinkstock -

Das Gehirn nicht mehr brauchen

Sobald sie diese Reise erfolgreich beendet hat, isst sie ihr Gehirn einfach auf, denn sie braucht es nicht mehr. Llinás zieht daraus die Schlussfolgerung: "Was wir Denken nennen, ist die evolutionäre Internalisierung von Bewegung." Doch nicht nur die neuronalen Verschaltungen im Gehirn selbst kommen durch Bewegung in Gang.
Bewegung macht klug – wenn man sieht, wie vielfältig die Wirkungen von täglicher Bewegung auf unser Gehirn sind, müssten unsere Kindergärten und Grundschulen eigentlich intensive Bewegungsorte sein. In einem Modellversuch an einer Grundschule wurde von 1993 bis 1997 die tägliche Sportstunde eingeführt, dafür wurden andere Fächer gekürzt.
Prof. Klaus Bös, ebenfalls Sportwissenschaftler in Karlsruhe, und seine Kollegen konnten erstaunliche Ergebnisse dokumentieren: Die Kinder zeigten deutlich bessere Werte nicht nur im Sozialverhalten, sondern auch in ihrer Leistungsfähigkeit. Überdies kam es zu keinem Leistungsabfall in den gekürzten Fächern.

Heute größte Bewegungsarmut

Man sollte meinen, dass diese Ergebnisse einen Boom der Bewegung auslösten. Doch das Gegenteil ist der Fall: Prof. Woll untersuchte Bewegungsmöglichkeiten für Kinder und konstatiert: Das Leben der Kinder war noch nie so bewegungsarm wie heute.

Kinder im Auto, spielen mit Gameboy und lesen (Foto: © JupiterImages Corporation -)
Lieber mit dem Auto fahren, als mit dem Rad - Kinder sind heutzutage bewegungsärmer © JupiterImages Corporation -


Der Psychiater und Autor John Ratey berichtet in seinem Buch "Superfaktor Bewegung" von einer Schule in Naperville, einem Vorort von Chicago, die ein revolutionär neues Unterrichtskonzept entwickelt hat. Auf freiwilliger Basis können die Kinder dort in der Nullten Stunde, also vor Schulbeginn, ein Fitnesstraining besuchen. Ausgestattet mit einer Pulsuhr trainieren sie dort in ihrem persönlichen Hochleistungsbereich.
Gleich anschließend können sie das Schulfach besuchen, in dem sie die meisten Schwierigkeiten haben. Die Ergebnisse sind erstaunlich. Die Kinder sind nicht nur fitter und weniger übergewichtig, sie bringen auch großartige schulische Leistungen.

Platz 1 für bewegte Schule

Während andere US-amerikanische Schulen im internationalen Vergleich weit hinter asiatischen Schulen lagen, schaffte es Naperville ganz nach vorne: Im Test der "Trends in International Mathematics and Science Study" (TIMSS) kamen sie in der Sektion Naturwissenschaften auf Platz 1 vor Singapur, und auch in Mathematik lagen sie international auf Platz 6 und waren damit immer noch die beste teilnehmende Us-amerikanische Schule.
Gleichzeitig erleben wir, dass immer mehr Kinder Aufmerksamkeitsstörungen haben und mit ADS oder ADHS diagnostiziert werden – die Zahl der medikamentierten Kinder steigt von Jahr zu Jahr immens. Da drängt sich die Frage auf, ob diese als angeboren geltenden Störungen wirklich so rasant zunehmen, oder ob hier nicht viele andere Faktoren wirken, die Konzentration und Aufmerksamkeit erschweren.

Mädchen starrt auf einen Rechenschieber. (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Bewegte Schule hat sich bewährt Thinkstock -


Möglicherweise ist es unter anderem der Bewegungsmangel im Kleinkindalter, der dazu beiträgt, dass immer mehr Kinder unter Dauerstress stehen und deshalb Aufmerksamkeitsstörungen und Hyperaktivität zeigen.
Bewegung wirkt auf vielen unterschiedlichen Ebenen: Neurophysiologisch gesehen sind die Gehirnareale der Sprachverarbeitung und des mathematischen Denkens eng verbunden: Wenn wir Sprache und Zahlen denken, sind unsere motorischen Gehirnzonen aktiv. Und auch umgekehrt gilt der Zusammenhang: Wenn wir uns bewegen, verstehen wir Sprache und Mathematik besser.

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