Demenz nach Operation Verloren in der Vollnarkose

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"Nach der Operation war Vati nicht mehr der Alte." - so berichten es viele Angehörige. Der Vater, die Mutter, kann nicht mehr das, was sie vor der Operation noch konnte, und baut geistig völlig ab. Kann eine Demenz oder Alzheimer durch Operationen hervorgerufen werden? Fortschrittliche Krankenhäuser versuchen, Patienten und ihren Angehörigen diese schlimme Komplikation zu ersparen.

Bis ins hohe Alter hatte Lisbeth Krause allein gelebt. Dann brach sie sich die Schulter und musste ins Krankenhaus. Nach der mehrstündigen Operation war sie nicht mehr die Alte. Ihre Tochter Ingrid Passade berichtet, dass sie nicht mal mehr ein paar Kreuze auf einem Essenszettel machen konnte. Und sie verstand selbst nicht, was mit ihrem Kopf los war. Die Schulter verheilt schnell – aber geistig erholt sich die 87-Jährige nicht. Sie verlegt Dinge und verwechselt schließlich sogar ihre Medikamente. Nach einem Kreislaufzusammenbruch wurde dann klar, dass sie nicht mehr alleine zurechtkommen würde.

Röntgenaufnahmen von Gehirnen (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler suchen weiterhin nach den Ursachen für Alzheimer. Thinkstock -

Nachsorge fehlt

Wie häufig sind solche Schicksale? Keiner weiß es, denn nur wenige Ärztinnen und Ärzte überprüfen, in welchem geistigen Zustand Menschen ihr Krankenhaus verlassen. Der Narkosearzt Ulf Günther von der Universitätsklinik Bonn ist hier eine Ausnahme. Er hat die kognitiven Einschränkungen von Patienten und Patientinnen untersucht, sechs Monate nach ihrer Herz-Operation, und festgestellt, dass 30 bis 40 Prozent der über 60-Jährigen eine vorübergehende Einschränkung ihrer geistigen Leistungsfähigkeit haben.

Betroffene bemerken dann, dass sie sich Dinge nicht mehr merken können, nach Wörtern suchen. Es fällt ihnen schwer, ihren Alltag zu organisieren. Es kann Monate dauern, bis sich das Gehirn wieder erholt. Und bei manchen Patientinnen und Patienten erholt es sich nie wieder. Das betrifft besonders jene im hohen Alter sowie jene, die bereits vor der Operation von geistigen Einschränkungen betroffen sind. Günther erwähnt zudem den tragischen Punkt, dass den Angehörigen oft gar nicht bewusst ist, dass es sich um eine beginnende Demenz handelt.

Ein Anästhesist schaut auf einen Monitor während einer Operation. (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Große Operationen verursachen immer eine Reaktion des Immunsystems, doch gerade bei den Betroffenen kann es zu einer überschießenden Immunantwort im Gehirn kommen Thinkstock -

Delir nach Narkose

Eine beginnende, noch unerkannte Demenz ist das größte Risiko für das Erleiden dauerhafter geistiger Schäden nach Operationen. Welche Mechanismen dabei eine Rolle spielen, ist noch nicht im Detail geklärt. Eine Vermutung ist, dass Entzündungsprozesse eine Rolle spielen. Denn die Operation ist ein Einschnitt, ein Trauma – auf das der Körper reagiert.

Große Operationen verursachen immer eine Reaktion des Immunsystems, doch gerade bei den Betroffenen kann es zu einer überschießenden Immunantwort im Gehirn kommen. Solche Entzündungsreaktionen, die den Nervenzellen schaden, können besonders nach langen Operationen und unter einer tiefen Narkose entstehen.

Besonders gefährdet sind Patientinnen und Patienten, die schon unmittelbar nach der Operation akute Verwirrtheitszustände erleiden. Die Medizin nennt solche Zustände "Delir". Manche Menschen haben dabei Wahnvorstellungen und schlagen um sich, andere liegen apathisch im Bett. Narkoseärztin Simone Gurlit erklärt, je älter ein Patient oder eine Patientin ist, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass er oder sie sich davon nicht mehr erholt.

übereinander gelegte Hände einer alten Frau (Foto: dapd -)
Speziell ausgebildete Altenpfleger prüfen schon bei der Aufnahme, wie fit ein Patient oder eine Patientin geistig ist, und begleiten diese dann bis nach der Operation dapd -

Vertraute Gesichter vor und nach der OP

Simone Gurlit arbeitet am St. Franziskus-Hospital in Münster. Hier haben sie schon vor über 10 Jahren erkannt, dass ein Krankenhausaufenthalt ein hohes Risiko für die geistige Gesundheit von älteren Menschen darstellt – und ein Konzept entwickelt, welches sie schützen soll. Speziell ausgebildete Altenpflegerinnen, wie Renate Sasse, prüfen darum hier schon bei der Aufnahme, wie fit ein Patient oder eine Patientin geistig ist.

Wer beim Test nicht so gut abschneidet, wird als Risikopatient eingestuft. Wie übrigens auch Patienten, die zwar geistig fit sind, aber viele begleitende Erkrankungen haben. Renate Sasse weicht ihnen während des gesamten Krankenhausaufenthalts nicht mehr von der Seite. Sie wird zum vertrauten Gesicht und ist selbst bei der Operation dabei.

Schnellere Genesung

So betreute Patientinnen und Patienten benötigen vor einer Operation meist keine angstlösenden Medikamente. Das ist ein Vorteil, denn die medizinische Forschung weiß inzwischen, dass diese Medikamente ebenfalls das Risiko für geistige Schäden erhöhen. Außerdem verzichten die Ärztinnen und Ärzte am Franziskus-Hospital auch auf Vollnarkosen, wann immer es geht. Der Erfolg des Programms schlägt sich nieder. Seit Einführung des Programms macht die Abteilung Gewinne.

Michael Möllmann, ärztlicher Direktor, erklärt, dass dieser Gewinn bereits darin besteht, dass die Aufenthaltsdauer der Patienten gesunken ist, da sie schneller genesen konnten. Vor allem ältere Patienten verlassen die Klinik seitdem gesünder und früher. Ein Gewinn für alle Seiten.

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