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Kind liest Märchen auf einem Baum

Es war einmal und ich weiß es noch Märchen und Demenz

Für Kinder bedeuten sie häufig die erste Berührung mit Literatur und Erwachsene erinnern sich zeitlebens an diese Geschichten. Gerade deshalb können Märchen auch demenzkranke Menschen erreichen, die wegen der Krankheit sonst verschlossen gegenüber der Außenwelt wären.

Wer kennt sie nicht, die Geschichte von Rotkäppchen und dem bösen Wolf? Wer erinnert sich nicht an Schneewittchen oder Aschenputtel? Märchen sind nicht nur eines der ältesten Kulturgüter unserer Zivilisation, sie sind auch im Bewusstsein unserer Gesellschaft verankert.

übereinander gelegte Hände einer alten Frau

Märchen sind tief im Bewusstsein unserer Gesellschaft und Geschichte verankert

Claudia König macht als professionelle Märchenerzählerin seit eineinhalb Jahren mit bei dem Projekt "Es war einmal… Märchen und Demenz." Vor ihr sitzen also keine Kinder, die sie erwartungsvoll ansehen, sondern Menschen mit weißen Haaren und Falten im Gesicht – zum Beispiel Frau Bettenfeld. Bevor die Märchenerzählerin in ihrem golden bestickten Zaubermantel den Raum betritt, stiert die ältere Dame mit heruntergezogenen Mundwinkeln vor sich hin. Das ändert sich, sobald Claudia König beginnt, zu erzählen.

Das Leuchten ist immer noch da

Schon beim Anblick der Erzählerin mit dem goldenen Mantel – der als Erkennungszeichen dient – wird die alte Dame hellwach und richtet sich in ihrem beigefarbenen Polstersessel etwas auf, ihren Blick auf die Erzählerin gerichtet. Mit einem Nicken oder Kopfschütteln kommentiert sie das Gesagte, dabei zucken ihre Mundwinkel immer wieder nach oben, zu einem Lächeln. Gleich neben ihr im orangeroten Ohrensessel ist Frau Fuchs über ihre Handtasche gelehnt eingeschlafen.

Frosch im Märchenhain

Das Projekt möchte herausfinden, ob Märchen dazu geeignet sind, die Lebensqualität von Menschen mit Demenz positiv beeinflussen zu können

Das darf alles genau so sein – sagt Claudia König, die als professionelle Erzählerin und Sprecherzieherin arbeitet und vor diesem Projekt noch keine Erfahrung mit Demenzkranken gemacht hat. Sie beobachtet, dass die Reaktionen ihrer demenziell erkrankten Zuhörer sehr unterschiedlich sind. Egal, ob sie beginnen, von früher zu erzählen oder sich an ihre Kindheit erinnern – es wirkt, als käme etwas in Gang, was sie erinnert und sie aus ihrer Biographie hervor holen. Und damit auch die Person von heute zugänglich macht.

Einen Moment genießen

Genau das ist auch die Idee, die hinter "Es war einmal... Märchen und Demenz" steckt. Diane Dierking vom Deutschen Zentrum für Märchenkultur in Berlin ist die Initiatorin dieses bundesweit einzigartigen Projektes, das unter anderem vom Bundesfamilienministerium gefördert wird. Dies möchte herausfinden, ob Märchen dazu geeignet sind, die Lebensqualität von Menschen mit Demenz – insbesondere Menschen mit herausfordernden Verhaltensweisen – positiv beeinflussen können. Dementsprechend stellen sich die Fragen: Macht es einen Menschen mit Demenz, der sonst zu Agitation, Aggression oder Apathie neigt, glücklicher, zufriedener, vielleicht einen Moment lang entspannt, sich in eine Märchenerzählung fallen zu lassen?

Märchen

Dass die Angehörigen einfach selbst Märchen aus einem Buch vorlesen, funktioniert leider nicht, denn die Erzählerinnen und Erzähler müssen extra geschult werden

Um das herauszufinden wird das Märchenerzählen wissenschaftlich begleitet. Über einen Zeitraum von eineinhalb Jahren werden einmal in der Woche Märchen erzählt – in fünf Pflegeeinrichtungen in vier verschiedenen Bundesländern. Regelmäßig werden die Märchenstunden mit einer Videokamera aufgezeichnet – anschließend werten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Mimik und Gestik der Demenzkranken aus. Sie sollen Aufschluss darüber geben, ob und in wieweit Märchen positiv auf Demenzkranke wirken können.

Brücke zum Selbst

Die Gruppengrößen liegen zwischen acht und vierzehn Teilnehmern und Teilnehmerinnen. Mit Erzähldauern zwischen 60 und 75 Minuten. Nicht jeder Demenzpatient im "Oberin Martha Keller" Haus in Frankfurt möchte an der Märchenstunde teilnehmen. Muss auch nicht. Heute beispielsweise hat Herr Schulte Geburtstag – eine ältere Frau verteilt mit ihrem Rollator Schaumküsse – das ist dann interessanter als das Märchen von den Bremer Stadtmusikanten. Trotzdem weiß die Tochter von Herrn Schulte, dass ihrem Vater die Märchen gefallen und guttun. Sie erzählt, dass es ihren Vater richtig stolz macht, wenn er sich durch die Erzählungen an etwas erinnern kann.

Dass die Angehörigen einfach selbst Märchen aus einem Buch vorlesen, das funktioniert laut Projektleiterin übrigens nicht. Erzählerinnen wie Claudia König wurden zuvor extra geschult. Wichtig sei nämlich diese besondere Erzählsituation: das freie Erzählen und die persönliche Ansprache der Patienten und der Patientin. Und dann kann es passieren, dass plötzlich für einen kurzen Moment die Persönlichkeit aufblitzt, die der Mensch war – bevor er oder sie an Demenz erkrankt ist.

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