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Lehre an der Universität Deshalb sind Vorlesungen oft so langweilig

Viele Vorlesungen an deutschen Unis sind langweilig und veraltet - das haben Forscher aus Chemnitz herausgefunden. Dabei gibt es Möglichkeiten, sie spannender zu gestalten, sagt der Psychologe René Bochmann.

Warum sollte man als Student oder Studentin zu einer Vorlesung gehen - und was gibt es für Gründe dagegen? René Bochmann von der Technischen Universität Chemnitz hat eine Studie veröffentlicht, bei der 2000 Studierende an 42 Hochschulen genau dazu befragt wurden.

Bochmann: "Der Ausgangspunkt ist, dass über 50 Prozent der Lehrveranstaltungen vor allem in den Bachelor Studiengängen Vorlesungen sind. Das heißt "Vorlesung" ist ein Hauptlehrformat an den Universitäten. Diese werden aber signifikant seltener besucht als Seminare oder Praxis-Module - die Ergebnisse sind da recht eindeutig.

Hauptkritikpunkte der Studierenden sind vor allem:

  • eine sehr monotone Gestaltung: Sie müssen passiv zuhören und schreiben höchstens mit, aber es gibt sehr wenig Interaktion
  • die Folien, die von dem Dozenten vorgelesen werden, finden sie genauso im Netz - es macht also häufig keinen Unterschied, ob sie anwesend sind oder nicht.
  • Außerdem folgt keine Konsequenz daraus, wenn sie nicht zur Vorlesung gehen, denn die Prüfungen schaffen die meisten Studierenden trotzdem.

Studierende wünschen individuellere Vorlesungen

Natürlich gibt es noch Studierende, die Vorlesungen besuchen und davon profitieren. Aber die breite Masse ist von dem Anspruchsniveau eher gelangweilt und sieht keinen Vorteil darin. Und hier setzt die Studie an: Die Studierenden wünschen sich, dass Vorlesungen individueller ablaufen.

Und es gibt heutzutage so viele Lehrmethoden, die es ermöglichen, auch bei großen Mengen von zum Beispiel 700 Studierenden, jeden mit dem persönlichen Lernstil abzuholen. Aber dafür muss ich als Dozent die Methoden natürlich kennen und wissen, wie ich sie anwende.", so René Bochmann.

Studierende bei einer Gruppenarbeit

Viele Studierende bevorzugen Lehrmethoden, bei denen sie interagieren und aktiv mitwirken können.

Der Psychologe und sein Team haben in einem Fragebogen über 50 verschiedene didaktische Lehrmethoden abgefragt: Nahezu alle Dozierenden kannten nicht einmal die Hälfte - und auch davon haben sie lediglich 30 Prozent angewandt. Das heißt: Nur ein Bruchteil der zur Verfügung stehenden Methoden wurde überhaupt eingesetzt.

Kaum Wertschätzung für die universitäre Lehre

Am häufigsten verwendeten die Dozierenden die Methode "Vortrag", dann kommt die Methode "Zusammenfassung", das heißt, die Studierenden bekommen am Ende der Vorlesung oder online eine Zusammenfassung zur Verfügung gestellt. Dazu kam die Methode, den Lehrstoff am Ende durch Fragen zusammenzufassen.

Die Bilanz von René Bochmann: "Das ist natürlich viel zu wenig. Wir plädieren dafür, dass erstmal die Dozierenden neue Methoden kennenlernen. Und die generelle Lust auf etwas Neues ist bei den Dozenten schon da, aber es mangelt einfach insgesamt an Wertschätzung für die Lehre. Wenn ich heute als Professor einen Text schreibe und meine Forschungsergebnisse publiziere und das lesen drei andere Wissenschaftler, dann hab ich für meine Reputation und für meine Sachgebiete mehr erreicht, als wenn ich den Nachmittag in gute Lehre investiere."

Das heißt: Es fehle auf breiter Fläche eine Anerkennung, Wertschätzung und auch eine Honorierung durch die Universitätsleitung, wenn Dozierende in gute Lehre investieren, so Bochmann. Vielen fehlte einfach die Zeit, sie müssten andere Ziele erreichen: "Da muss diskutiert werden, wie wir in Zukunft den Dozenten diese Zeit und Freiräume geben können."

Hörsaalgebäude

Die Lehre bringt den Dozierenden weniger Anerkennung als die Forschung. Deshalb investieren sie oft weniger in die Vorbereitung der Vorlesungen.

Effektive Lehrmethoden sparen Zeit - für alle

Studierende forderten immer wieder Lehrende an der Universität, die nur Lehre betreiben und gar nicht forschen. Aber das ließe sich so auch nicht verbinden, sagt René Bochmann. Die Universitäten hätten schließlich den Anspruch, Forschung und Bildung zusammenzubringen.

"Nach meinen Erfahrungen in Chemnitz denke ich, dass sich diese Rahmenbedingungen - wie bei anderen politischen Dingen - nicht sofort verändern werden. Aber das Thema wird wichtiger und gelangt immer mehr in den politischen Fokus.

Viele Dozierende verstehen mittlerweile auch, dass die Lehre umzubauen zwar am Anfang etwas Aufwand bedeutet - aber es spart am Ende allen Beteiligten viel Zeit. Das ist auch das wichtigste Ergebnis meiner Studie: Die Anwendung effektiver Lehrmethoden führt dazu, dass Studierende einfacher und schneller mit mehr Spaß lernen und dass auch Dozierende weniger Aufwand haben. Dann haben sie auch wieder mehr Zeit für Forschung und Publikationen."