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Wie ein Brennglas hat das Corona-Virus die sozialen, politischen und ökonomischen Probleme der Gesellschaft offenbart. Vor allem im Umgang mit Risiken müssen wir noch einiges lernen. Das ist eine Lektion, die uns die Corona-Krise lehrt.

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Agieren statt reagieren

Wir dürfen Krisen nicht nur hinterlaufen und reagieren. Sondern wir benötigen ein Risikomanagement, das Krisen antizipiert und Strategien entwirft, um sie zu meistern.

Das gilt z.B. auch für die Folgen des Klimawandels. Um die sollten wir uns nicht erst sorgen, wenn sie vollends da sind. Erstens ist es dann zu spät, und zweitens sind die Auswirkungen der Erderwärmung bereits jetzt beobachtbar.

Die Politik braucht also dringend einen weiteren, einen größeren Aufmerksamkeitshorizont, ein Gegenprogramm zum "short-termism", das bloße "Fahren auf Sicht".

Expert*innen-Wissen nutzen

Das, wir was uns in der Corona-Krise geholfen hat, sollten wir auch im Falle anderer Krisen, etwa der der Klima-Krise, anwenden: ein regelmäßiges, diskursives update durch Expertinnen und Experten, in dem die Unsicherheiten offen benannt, aber die wissenschaftliche Validität zugleich klar verteidigt wird.

Sandra Ciesek (Foto: Imago, imago images/rheinmainfoto)
Prof. Dr. Sandra Ciesek, Leiterin der Virologie der Universität Frankfurt, ist eine der Expert*innen, die die Bundesregierung beraten. Imago imago images/rheinmainfoto

Von einem Klima-update parallel zum Corona-update würde unsere demokratische Debatte über den richtigen Weg in der Klimafrage enorm profitieren.

Welche Maßnahmen für die Einhegung des Klimawandels zu empfehlen sind, wo die Herausforderungen liegen, wie sich neue wissenschaftliche Erkenntnisse in Politik umsetzen lassen: All diese interdisziplinär oder transdiziplinär zu bearbeitenden Fragen stellen sich nämlich bezüglich der Klima-Krise in analoger Weise zur Corona-Krise.

Wir sollten uns folglich auf die Suche machen nach Personen, die für die Klimadebatte das leisten können, was Sandra Ciesek und Christian Drosten paradigmatisch für die Corona-Krise geleistet haben.

Krisenbewältigung durch Fantasie

Diese dritte Lektion ist vielleicht die wichtigste Lehre nach einem Jahr Corona-Krise: Wenn wir weg vom „Fahren auf Sicht“ kommen wollen, müssen wir Mechanismen entwickeln, die den Aufmerksamkeitshorizont der Politik erweitern und einen „Sinn für das Mögliche“ eröffnen.

Denn Demokratie braucht auch Fantasie. Das ist keine romantische Schwärmerei, sondern schlicht die Einsicht in eine Notwendigkeit in der Risikogesellschaft.

Dr. Felix Heidenreich ist Politikwissenschaftler an der Universität Stuttgart.

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