Pandemie

Corona in Schweden: Wissenschaft kritisiert Pandemie-Management

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AUTOR/IN
Sofie Donges

Auch in Schweden steigt die Zahl der Corona-Infizierten wieder an. Inzwischen gilt bei größeren Veranstaltungen eine Impfnachweis-Pflicht, ansonsten gibt es im Land kaum Einschränkungen. Kritik daran äußert die Königlich Schwedische Akademie der Wissenschaften.

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Stockholmer Weihnachtsmarkt: ohne Maske, ohne Impfnachweis

Ein gemütlicher, kleiner Weihnachtsmarkt rund um ein idyllisches Café in Stockholm. Der alte Hof besteht aus Holzhäusern, draußen brennt ein Feuer, auf den Stühlen liegen Lammfelle gegen die Kälte. Viele Besucher sind gekommen. So gut wie niemand trägt einen Mundschutz, es gibt keine Impfpass-Kontrolle. Dass auch Schweden noch mitten in der Pandemie steckt – im Alltag kann man es manchmal vergessen. 

Claudia Brandt sitzt draußen an einem der runden Tische mit ihren Töchtern. Auch wenn bereits recht kalt ist, drinnen sitzen möchte sie nicht.

„Als wir hier vorbeigefahren sind, haben wir im Auto darüber gesprochen – sollen wir wirklich hingehen, ist es das wert? Es sind so viele Menschen da. Eigentlich versuchen wir, weniger in Geschäfte zu gehen, große Menschenansammlungen zu vermeiden – aber hierher kommen wir gerne.“

Wählen zu können, selbst zu entscheiden, das ist Claudia Brandt wichtig. Und das sei eben auch typisch schwedisch, findet sie: Lieber Empfehlungen statt harter Regeln und Kontrollen – auch während einer Pandemie.

„Das funktioniert hier einfach nicht, da werden die Leute sauer. Allerdings folgen ja nicht alle den Empfehlungen, da müssen dann auch Regeln eingeführt werden. Aber wir sind es hier einfach nicht gewohnt, dass man so regiert wird, und das finde ich gut.“

Königlich Schwedische Akademie stellt "schwedischen" Weg infrage

Ortswechsel – die Königlich Schwedische Akademie der Wissenschaften hat zur Pressekonferenz geladen. Den meisten ist die Akademie bekannt als Institution, die jedes Jahr die Nobelpreisträger für Physik, Mathematik und Chemie verkündet. Doch während der Pandemie hat sich Schwedens höchste wissenschaftliche Einrichtung auch noch einen anderen Namen gemacht: Als kritische Instanz, die den schwedischen Weg infrage stellt.

Göran Hansson, Generalsekretär der Akademie, begrüßt die anwesenden Journalistinnen und Journalisten. Gemeinsam mit vier Forschenden stellt er einen Bericht der Akademie vor zum Pandemie-Management in Schweden.

„Als wir dieses Datum – den 30.November – für den Abschlussbericht festgelegt hatten, dachten wir, das Schlimmste sei vorbei… „

Staatsepidemiologe Tegnell steuerte, Ministerpräsident "saß auf der Rückbank"

Nach einigen einleitenden Worten des Generalsekretärs präsentiert die Virologin Annika Linde eine Grafik, bei der alle im Saal zunächst schmunzeln müssen: Auf dem Bild vier Autos, jedes steht für eines der nordischen Länder Finnland, Norwegen, Dänemark und Schweden.

„Diese Grafik soll zeigen, wie die nordischen Länder, die Schweden am ähnlichsten sind, während der Pandemie regiert wurden. Und da sieht man, in den Autos, die für Finnland, Norwegen und Dänemark stehen – da sitzen die Ministerpräsidentinnen am Steuer.“

In Schweden lenkt das Auto nicht der Ministerpräsident, sondern Staatsepidemiologe Tegnell von der Gesundheitsbehörde, der frühere Regierungschef sitzt auf der Rückbank.

Schweden: deutlich mehr Covid-Tote als in Dänemark und Norwegen

Unter der Grafik stehen schwarze, große Zahlen – nämlich wie viele Menschen in Relation zu den Einwohnern gestorben sind. Schweden liegt weit vorne, drei Mal so viele Tote wie in Dänemark, acht Mal so viele wie in Norwegen.

Sofie Donges, ARD-Studio Stockholm (Foto: SWR, Grafik: Die Virologin Annika Linde erklärt, wer in den nordischen Ländern durch die Pandemie führt: „In Finnland, Norwegen und Dänemark sitzen die Ministerpräsidentinnen am Steuer. In Schweden lenkt der Staatsepidemiologe Tegnell von der Gesundheitsbehörde; der frühere Regierungschef sitzt auf der Rückbank.)
Die Virologin Annika Linde erklärt, wer in den nordischen Ländern durch die Pandemie führt: „In Finnland, Norwegen und Dänemark sitzen die Ministerpräsidentinnen am Steuer. In Schweden lenkt der Staatsepidemiologe Tegnell von der Gesundheitsbehörde; der frühere Regierungschef sitzt auf der Rückbank." Grafik: Die Virologin Annika Linde erklärt, wer in den nordischen Ländern durch die Pandemie führt: „In Finnland, Norwegen und Dänemark sitzen die Ministerpräsidentinnen am Steuer. In Schweden lenkt der Staatsepidemiologe Tegnell von der Gesundheitsbehörde; der frühere Regierungschef sitzt auf der Rückbank.

Wissenschaftler verärgert: Schweden ignorierte WHO- und EU-Empfehlungen

Nach der Präsentation können die Journalistinnen und Journalisten ihre Fragen stellen. Als erstes meldet sich Richard Nordgren, Korrespondent einer finnischen Zeitung. Er will wissen, warum in Schweden das Tragen eines Mundschutzes nicht allgemein vorgeschrieben wurde, obwohl die Akademie das bereits vor einem Jahr empfohlen hatte. Generalsekretär Göran Hansson ist der Ärger darüber anzumerken. Er findet deutliche Worte, ungewöhnlich deutlich im konsensgeprägten Schweden: 

„Ich persönlich glaube, dass die Gesundheitsbehörde das blockiert hat – das war wohl auch eine Prestigefrage. Es ist bemerkenswert: Die WHO und die EU-Gesundheitsbehörde haben den Mundschutz empfohlen und die schwedischen Behörden machten genau das Gegenteil. Das war etwas peinlich.“

Nach der Pressekonferenz in der Garderobe der Wissenschaftsakademie. Ob die schwedischen Journalistinnen und Journalisten während der Pandemie anders berichtet hätten als ausländische Kollegen, frage ich den finnischen Zeitungsreporter. Das könne man nicht verallgemeinern, findet er. Aber eine Situation bei einer Pressekonferenz fand er dann doch merkwürdig:

„Als in Finnland die Region Helsinki in den Lockdown ging und Stockholm sehr hohe Infektionsraten hatte, da war ich bei einer Pressekonferenz der Gesundheitsbehörde und habe gefragt: Sollte Stockholm auch in den Lockdown gehen? – Da haben die Journalisten gelacht.“

Und der Generalsekretär der Akademie räumt am Ende des Interviews ein:

„Manchmal wird man müde. Aber es ist eine wichtige Aufgabe. Wir geben nicht auf.“

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