Corona weltweit

Corona in Schweden: "Teils gab es wöchentlich neue Regeln"

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INTERVIEW

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Schweden gilt den Kritikern der Corona-Maßnahmen in Deutschland als positives Beispiel. Hier gab es erheblich weniger Einschränkungen in Schule und Alltag, nur Empfehlungen. Doch auch in Schweden gab es Diskussionen über den Sonderweg des Landes durch die Pandemie.

Ralf Caspary im Gespräch mit ARD-Korrespondentin Sofie Donges

Wie ist die Situation derzeit in Schweden?

Im Moment ist es so, dass die Zahlen ansteigen. Der Inzidenzwert klettert nach oben und das schon seit ein paar Wochen. Wir befinden uns jetzt auf einem Niveau, wo wir im vergangenen Herbst waren. Diejenigen, die sich jetzt gerade infizieren, sind hauptsächlich die Jüngeren, die noch nicht so eine hohe Impfrate haben wie die Älteren.

Wir haben über Schweden oft als „Sonderfall“ berichtet, Corona-Kritiker sprechen vom „Musterland“. Wie sieht man das in Schweden?

Ja, man kann zumindest sagen: Zu Schweden hat jeder eine Meinung. Das ist sehr richtig. Wenn man die Schwedinnen und Schweden selber fragt, dann sind sie eigentlich sehr zufrieden mit der Strategie, die es hier gab. Es wird zwar erwähnt: „Ja, es sind viele Menschen am Anfang gestorben. Wir haben es nicht geschafft, die alten Menschen zu schützen. Aber stell dir doch vor, wenn wir hier auch so einen Lockdown gehabt hätten!“ – Das ist dieser Satz, den ich doch sehr oft höre.

Wenn man jetzt noch mal auf die Todeszahlen schaut, vor allem auf die erste und auf die zweite Welle, dann sieht man: Die sind sehr hoch. Es gibt eine von der Regierung eingesetzte Expertengruppe, die die ganze Strategie, das Vorgehen untersuchen soll. Die hat einen ersten Zwischenbericht Ende 2020 vorgelegt. Der war, ehrlich gesagt, ein ziemlich schlechtes Zeugnis. Da stand drin: Wir haben nicht nur die Alten nicht geschützt und das nicht geschafft, was wir uns vorgenommen haben, sondern grundsätzlich hat auch diese Verbreitung des Virus in der Gesellschaft dazu geführt, dass wir die Alten gar nicht schützen konnten. Sprich: Wir haben es laufen lassen und haben damit das Leben von vielen Menschen riskiert.

Sogar der König hat sich geäußert, was sehr selten vorkommt. Der mischt sich eigentlich nicht in aktuelles Geschehen ein. Er hat sich sehr erschüttert gezeigt über das, was passiert ist.

Wenn man die Zahlen einmal vergleichen möchte: Die Todesfälle hier sind um ein Vielfaches höher als bei den nordischen Nachbarn. Und auch 30 Prozent höher als in Deutschland – auf die Einwohnerzahl runtergebrochen.

Es gab in Schweden keine Lockdowns?

Nein, das gab es nicht.

Gab es eine Maskenpflicht?

Jein. Es gab eine Masken-Empfehlung, aber erst sehr spät. Am Anfang hat man gesagt, wir isolieren jetzt die Alten, und hat auch so ein bisschen auf den Effekt von Herdenimmunität gesetzt. Dann sind sehr viele Menschen ins Homeoffice gegangen. Und es wurde immer gesagt: Das Allerwichtigste ist: Haltet Abstand, wascht euch die Hände! – Das kennen wir ja auch.

Diese Verschärfung der Regeln ist eigentlich erst im Herbst passiert, als die Zahlen in der zweiten Welle nämlich auf einmal in Höhen schnellten, die man nicht vorhergesehen hat, wovon man nicht ausgegangen ist.

Da hatten wir dann fast das Gefühl, dass wir wöchentlich neue Regeln hatten. Man musste echt ein bisschen gucken, dass man hinterherkommt. Die Restaurants wurden nicht geschlossen, aber sie mussten früher schließen. Abends durften sie nicht mehr so lange Alkohol verkaufen, Veranstaltungen wurden eingestellt. Und dann kam der Mundschutz. Der kam dann auch Ende des Jahres, eine Empfehlung. Es war wirklich kompliziert: zunächst nur für die Rush-Hour, also morgens früh für zwei Stunden und am Nachmittag für zwei Stunden. Später hat man das Ganze dann ausgeweitet: 24 Stunden am Tag möge man doch bitte einen Mundschutz tragen. Es wurde aber nicht kontrolliert, denn das war ja auch keine Regel, sondern eine Empfehlung.

Am 20. August 2021 war es drei Jahre her, dass Greta Thunberg ihren "Skolstrejk för klimatet" gestartet hatte. Zum Jubiläum waren nur wenige Aktivistinnen und Aktivisten von "Fridays for Future" nach Stockholm gekommen – wegen der Corona-Pandemie. Fürs Gruppenbild folgten sie der schwedischen Empfehlung und trugen Masken.  (Foto: SWR, Sofie Donges, ARD-Studio Stockholm)
Am 20. August 2021 war es drei Jahre her, dass Greta Thunberg ihren "Skolstrejk för klimatet" gestartet hatte. Zum Jubiläum waren nur wenige Aktivistinnen und Aktivisten von "Fridays for Future" nach Stockholm gekommen – wegen der Corona-Pandemie. Fürs Gruppenbild folgten sie der schwedischen Empfehlung und trugen Masken. Sofie Donges, ARD-Studio Stockholm

Kann man kulturell erklären, warum die Schweden keinen Lockdown gemacht haben?

Es gab zwei Gründe dafür. Einmal kann man es tatsächlich ein bisschen kulturell begründen. Denn wenn ich davon spreche „Es war nur eine Empfehlung des Staates oder von Behörden“, stößt das auf andere Ohren, als das vielleicht in Deutschland passieren würde. Man hat hier ein großes Vertrauen in Behörden und den Staat, und man befolgt auch das, was die sagen, weil man die Erfahrung gemacht hat in den letzten Jahrzehnten, dass es einem ja hier gut geht als Bürger und für einen gesorgt wird. Das machen aber eben nicht alle.

Und das war das Problem, finde ich. Wenn ich U-Bahn gefahren bin und das Gefühl hatte, dass doch ein Drittel eben den Mundschutz dieses Mal leider vergessen hat.

Eine andere Sache: Es gab von der Verfassung her ein Problem, dass man nicht sofort von Anfang an hätte hier zum Beispiel die Geschäfte schließen können. Da gab es auch keine gesetzliche Grundlage für; die wurde aber geschaffen. Es gab also immer mal wieder für mehrere Monate die Möglichkeit durch Ausnahmegesetze, dass man doch auch hätte in einen Lockdown gehen können. Aber am Ende ist die Karte nie gezogen worden.

Wir sehen immer wieder das Problem, dass die Pandemie Ungerechtigkeiten im Bildungssystem verschärft hat. Wie ist das in Schweden mit den Schulen?

Das ist ein sehr positiver Effekt hier gewesen. Bis Klasse neun gab es fast nie Schulschließungen. Wenn, dann nur bei Ausbrüchen größeren Ausmaßes, also regional für einen kleineren Moment. Die älteren Kinder waren im Homeoffice im Fernunterricht, weil die Schwedinnen und Schweden haben gesagt haben: Das sind die Kinder, die von der Reife her in der Lage sind, von einem Bildschirm aus zu lernen. Das können die kleineren aber nicht.

Schule muss man sich hier so vorstellen: keine Masken, kein Lüften. Wir haben selbst zwei Kinder im Grundschulalter, die hier in der Schule sind. Als wir hier sehr hohe Inzidenzen um die 400 hatten, war der Klassenlehrer meines Sohnes krank. Der wurde positiv getestet und es hatte keine Konsequenz. Die Schüler wurden nicht in Quarantäne gesteckt, es wurde niemand getestet. Es hieß nur: Wenn die Kinder Symptome haben, dann passt bitte besonders auf, haltet sie zu Hause.

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Aus Ihrer Sicht als deutsche Korrespondentin: Ist das eine typische Laxheit oder Fahrlässigkeit? Wie schätzen Sie das ein?

Die Schweden brauchen lange, um in einen Panikmodus zu verfallen. Das ist so mein Gefühl. Während ich schon Schnappatmung hatte und in diesen beschriebenen Momenten dachte ich: Das kann doch alles gar nicht sein. – Da sind die hier immer noch in einem Ruhestatus.

Es gab mal ein ganz interessantes Essay in einer Zeitung von einer Autorin, die schrieb, Schweden sei ein friedengeschädigtes Land. Das fand ich eine plausible Erklärung. Man hat hier einfach über Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte fast schon keine Katastrophen erlebt. Man ist nicht mehr in der Lage, in diesen Katastrophenmodus zu schalten.

Interessant – während wir Deutsche sofort im Panikmodus sind?

Ja, vielleicht sind wir da ein bisschen rigoroser, ein bisschen schneller und vielleicht auch manchmal vorschnell. Das kann sein.

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