Corona-Pandemie

Corona in Schweden: Deshalb gibt es (noch) keine vierte Welle

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Christine Westerhaus

Eigenverantwortung statt Lockdown: Der schwedische Weg der Pandemiebekämpfung wurde in der Vergangenheit oft als fahrlässig bezeichnet. Trotzdem blieb eine vierte Infektionswelle bisher aus. Ein Grund könnte eine effektivere Krisenkommunikation sein.

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Was schützt die Schweden bisher vor der 4. Corona-Welle?

Fast zwei Monate ist es her, dass die Schweden so gut wie alle Corona-Restriktionen gelockert haben. Kritiker hatten damals vor einem Anstieg der Infektionszahlen gewarnt. Doch die Lage ist immer noch sehr ruhig. Die 7-Tage Inzidenz liegt seit Wochen um die 50 – und das bei einer fast identischen Impfquote: Sie liegt in Schweden bei 67,1. In Deutschland bei 67,2.

Menschen in Schweden feiern am 29. September 2021 das Ende der Beschränkungen während der Covid-19-Pandemie; hier am Stureplan im Zentrum von Stockholm (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Pontus Lundahl)
Menschen in Schweden feiern am 29. September 2021 das Ende der Beschränkungen während der Covid-19-Pandemie; hier am Stureplan im Zentrum von Stockholm picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Pontus Lundahl

Höhere Grundimmunität scheint nicht die Ursache zu sein

Theater, Großveranstaltungen oder private Partys. All das ist seit dem 29. September 2021 in Schweden wieder erlaubt. Dennoch sind die Infektionszahlen seitdem kaum angestiegen. Anders als in vielen anderen Ländern Europas und auch Schwedens Nachbarländern Dänemark und Finnland.

Eine wirklich gute Erklärung für dieses Phänomen hat auch Anders Tegnell, Schwedens Chef-Epidemiologe, nicht parat. Zwar wäre es plausibel, dass die Schweden eine höhere Grundimmunität haben, weil mehr Menschen die Infektion bereits durchgemacht haben. Doch das hält der Experte der schwedischen Gesundheitsbehörde „Folkhälsomyndigheten“ nicht für einleuchtend.

„Ich weiß nicht – in Großbritannien beispielsweise hat sich ein ähnlich großer Teil der Bevölkerung mit dem Coronavirus infiziert. Das könnte möglicherweise im Vergleich mit Finnland oder Norwegen eine Rolle spielen, aber nicht, wenn wir Schweden mit Großbritannien vergleichen.“ (Anders Tegnell)

Tatsächlich waren mehr Briten mit dem Coronavirus infiziert als Schweden. Das sagen zumindest die offiziellen Statistiken. Im Vereinigten Königreich liegt die 7-Tage-Inzidenz derzeit aber bei fast 400.

Schwedens Chef-Epidemiologe Anders Tegnell am 18.11.2021 auf einer Pressekonferenz. Er sagt: "Wir haben nie daran geglaubt, dass dieses ständige Öffnen und Schließen der Gesellschaft funktioniert. Uns war klar, dass das zu viele negative Effekte mit sich bringt.“ (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance / TT Nyhetsbyrån | Jonas Ekströmer/TT)
Schwedens Chef-Epidemiologe Anders Tegnell am 18.11.2021 auf einer Pressekonferenz. Er sagt: "Wir haben nie daran geglaubt, dass dieses ständige Öffnen und Schließen der Gesellschaft funktioniert. Uns war klar, dass das zu viele negative Effekte mit sich bringt.“ picture alliance / TT Nyhetsbyrån | Jonas Ekströmer/TT

Schweden bleiben im öffentlichen Leben vorsichtig

Möglicherweise erklärt das Verhalten der Menschen die Unterschiede. Denn im schwedischen öffentlichen Leben fällt auf: Die Menschen sind trotz der Öffnungen weiterhin vorsichtig.

„Ja, und außerdem ging es in Schweden nicht so viel hin- und her mit Lockdowns und Öffnungen. Das ist jetzt nur meine persönliche Spekulation, aber wir hatten ja während der gesamten Pandemie ein relativ konstantes Niveau an sozialen Kontakten. Das Ende der Restriktionen war für die Menschen deshalb keine dramatische Veränderung. Wenn man aber eine Gesellschaft aus dem Lockdown heraus plötzlich öffnet, sieht man natürlich einen größeren Unterschied bei den Infektionszahlen.“ (Anders Tegnell)

Ziel vor Augen und klare Kommunikation

Diese Erklärung hält auch Klaus Stöhr für plausibel. Er ist ehemaliger Leiter des Globalen Influenza-Programms der Weltgesundheitsorganisation WHO und SARS-Forschungskoordinator.

„Ich glaube schon; die Kontinuität ist ja entscheidend. Und in Schweden hat man diese Kontinuität gemacht. Man hat auch – glaube ich fast in dem einzigen Land der Welt – das Ende der Pandemie am Anfang im Auge gehabt. Man wusste eigentlich und hat es kommuniziert, es wussten ja alle, aber man hat es kommuniziert, dass man sagt: „Die Pandemie hört auf, wenn alle Antikörper haben, durch Impfung oder Durchseuchung.“ Und man hat gesagt: „Wir können nicht jede Infektion verhindern.“ (Klaus Stöhr)

Keine laxe Umsetzung: Empfehlungen der Regierung sind in Schweden "Gesetz"

In Schweden gab es keine kompletten Lockdowns und kaum Schulschließungen. Eine Empfehlung zum Tragen eines Mund-Nase Schutzes gab es nur bei Arztbesuchen und zur Rushhour im öffentlichen Verkehr.

Im Ausland wurden diese eher laxen Maßnahmen als fahrlässig bis hin zu verantwortungslos bezeichnet. Doch viele Kritiker haben dabei übersehen: In Schweden gelten die Empfehlungen der Regierung als ungeschriebenes Gesetz. Es haben sogar mehr Menschen im Homeoffice gearbeitet, als in Deutschland. Und das ganz freiwillig.

Freiwilligkeit und Vertrauen: Schweden haben die Maßnahmen akzeptiert

Dieses gegenseitige Vertrauen war für Anders Tegnell das wichtigste Werkzeug in der Pandemie-Strategie.

„Ich denke, das war der zentrale Punkt. Wir haben von Anfang an gesagt: Das hier wird ein Marathon und kein Sprint. Deswegen brauchen wir Maßnahmen, die über sehr lange Zeiträume funktionieren. Wir haben nie daran geglaubt, dass dieses ständige Öffnen und Schließen der Gesellschaft funktioniert. Uns war klar, dass das zu viele negative Effekte mit sich bringt.“ (Anders Tegnell)

Schweden: viel Solidarität, kaum Impfgegner, wenig Querdenkerei

Gleichzeitig sehen es viele Schweden als solidarischen Beitrag für die Gemeinschaft, sich impfen zu lassen. Es gibt kaum Impfgegner und so gut wie keine Querdenker. Dass die schwedische Regierung die Menschen von Anfang an mit ins Boot geholt hat, zahle sich nun aus, meint Klaus Stöhr:

„Ohne den Einzelnen, ohne die Gemeinschaft ist die Seuchenbekämpfung nicht vom Staat top down durchsetzbar. (…) Und diese Überzeugung der Bevölkerung dass man auf dem richtigen Weg ist, sie mitzunehmen, sie zu beteiligen, sie auch über die Unsicherheiten und Unwägbarkeiten und die unbekannten Größen zu informieren, das zahlt sich in der Krisenkommunikation immer aus, (…) und höchstwahrscheinlich ist das eine der wichtigsten Ingredienzien, warum man in den skandinavischen Ländern es geschafft hat, die Bevölkerung besser mitzunehmen und auch die Eigeninitiative, die Eigenverantwortung und das Verstehen der Notwendigkeit der Beteiligung besser initiieren konnte.“ (Klaus Störh)

4. Welle ist nicht gebannt: Auffrischungsimpfung empfohlen

Allerdings ist es auch nicht ausgeschlossen, dass die vierte Welle einfach nur später nach Schweden kommt. Auch das hält Anders Tegnell für möglich.

„Man sollte da sehr vorsichtig sein. Wir verfolgen das Impfniveau der Bevölkerung aber sehr genau und empfehlen eine Auffrischungsimpfung dort, wo wir sehen, dass der Schutz vor einer Ansteckung nicht mehr ausreicht. Deshalb hoffe ich nicht und glaube auch nicht, dass wir eine dramatische vierte Welle erleben werden. Es spricht einiges dagegen.“ (Anders Tegnell)

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