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INTERVIEW

Wo und in welchen Situationen ist die Ansteckungsgefahr besonders hoch? Warum sind mindestens 60 Grad bei der Wäsche von Masken wichtig? Wie lange bleibt das Virus auf Oberflächen?

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SWR Medizinexpertin Ulrike Till beantwortet Hörerfragen zum Coronavirus im Gespräch mit Ralf Caspary.

Kann ich mich auch über meine Augen mit dem Virus infizieren? 

Ja, das ist im Prinzip möglich. Das Robert Koch-Institut (RKI) schreibt zur Ansteckung mit dem neuen Coronavirus:  

„Die hauptsächliche Übertragung erfolgt über Tröpfchen, die beim Husten und Niesen entstehen und beim Gegenüber über die Schleimhäute der Nase, des Mundes und ggf. des Auges aufgenommen werden“. 

Die Formulierung „gegebenenfalls“ weist allerdings darauf hin, dass die Infektion übers Auge eine eher untergeordnete Rolle spielt. Dabei könnte die Ansteckung nicht nur über die Luft, sondern auch per Schmierinfektion erfolgen: etwa, wenn man erst eine belastete Oberfläche anfasst und sich dann ans Auge greift. 

Die Datenlage dazu ist aber dünn. Bei Tests von 63 Patienten mit Covid-19 wurde bei drei Kranken Virus in der Bindehaut gefunden. Das belegt, dass das Virus ins Auge kommen kann, aber es ist kein Beleg dafür, dass diese Menschen sich über ihre Augen angesteckt haben. In einer kleinen Studie in Singapur wurde in der Tränenflüssigkeit von 17 Infizierten gar kein Coronavirus nachgewiesen.

Die „Stiftung Auge“ der Deutschen Ophtalmologischen Gesellschaft betont jedenfalls, dass Schutzbrillen nur bei „unvermeidbarem Nahkontakt im medizinischen Bereich“ notwendig seien. 

Eine infizierte Person war 3 Stunden in meiner Wohnung. Wie viele Tage ist das Coronavirus auf Oberflächen noch aktiv bzw. ansteckend? 

Das lässt sich nicht so einfach beantworten und hängt von vielen unterschiedlichen Faktoren ab: Man müsste wissen, wie lange der Gast schon infiziert ist. Am ansteckendsten sind Menschen in der Regel kurz bevor sich die ersten Symptome zeigen. Nach einer Woche ist dann oft schon gar kein Virus mehr im Rachen nachweisbar, dann ist auch das Ansteckungsrisiko deutlich gesunken. 

Material, Luftfeuchtigkeit und Temperatur spielen eine Rolle

In Studien konnte das neue Coronavirus auf Kunststoff bis zu drei Tage überleben, auf Edelstahl und Papier waren es zwei Tage. Andere Experimente haben minimale Virenspuren auch noch nach deutlich längerer Zeit gefunden, aber für eine Ansteckung sind größere Mengen Virus erforderlich. Wie viel genau – da tappen die Forscher noch im Dunkeln. Nicht nur das Material, auch Luftfeuchtigkeit und Temperatur spielen eine Rolle – bei Hitze trocknet das Virus schneller ein und ist dann unschädlich.

Der Virologe Christian Drosten geht davon aus, dass insgesamt nur rund 10 Prozent der Ansteckungen über Oberflächen erfolgen.  

Warum soll man Gesichtsmasken mit mindestens 60 Grad waschen – bei all den Enzymen und Bleichmitteln in der Waschlauge? 

Das neue Coronavirus hat außen eine Hülle aus Fettmolekülen. Die wird durch Seife und Waschmittel zerstört, das Virus geht kaputt. Auch beim Händewaschen empfehlen Fachleute warmes Wasser, kaltes gilt nur als Notlösung.

Bei der Maskenwäsche setzen die gängigen Empfehlungen auf einen Doppeleffekt: Hitze über 60 Grad plus Vollwaschmittel mit Bleichstoffen. Beim Wäschewaschen gibt es einen wichtigen Unterschied zum Händewaschen: Da trocknet man sich ja gleich gründlich ab. In der Waschmaschine dagegen kommt die Maske in die Trommel – und Waschmaschinen können bei niedrigen Temperaturen regelrechte Keimschleudern sein, vor allem im Spülgang: Mikroben, die zum Beispiel in Dichtungen der Maschine sitzen, können dann in die Wäsche gelangen. So können sie am Ende auf der Haut und bei Masken sogar im Gesicht landen. 

Heißwaschgang: Schutz vor Coronaviren – sowie Bakterien und Pilzen

Das Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte sagt, Community-Masken sollte man bei mindestens 60 Grad waschen, ideal wären sogar 95 Grad. Nicht nur wegen möglicher Keime in der Waschmaschine. Es geht darüber hinaus auch um Bakterien, die im Maskenstoff selber hängen: Gerade wenn man sie lange trägt oder feucht in Plastik lagert, können sich alle möglichen Erreger und Pilze im Stoff vermehren. Letztlich geht es bei der Wäsche also nicht nur um den Schutz vor Coronaviren.  

Wie viele Menschen mit Vorerkrankung haben einen schweren Verlauf bei Covid-19 oder sterben sogar?

Grundsätzlich steigt das Risiko für einen schweren Verlauf schon ab 50 und vor allem ab 60 stetig an. Eine aktuelle Studie im British Medical Journal nennt als Hauptrisikofaktoren neben dem Alter:

  • männliches Geschlecht
  • Vorerkrankungen an Herz, Lunge, Leber oder Niere
  • Fettleibigkeit

Stark Übergewichtige: verminderte Lungenfunktion, anfälliger für Entzündungen

Patienten mit einem oder mehreren dieser Merkmale haben ein höheres Risiko dafür, auf der Intensivstation zu landen oder sogar zu versterben. Die Forscher betonen, dass vor allem starkes Übergewicht eine Schlüsselrolle spielt – vermutlich, weil fettleibige Menschen oft eine verminderte Lungenfunktion haben und anfälliger für Entzündungen sind. Das deckt sich mit Beobachtungen der Uniklinik Aachen: Dort verdoppelte Übergewicht das Risiko für einen schweren Verlauf.

Risiken für Patienten Ü65: Bluthochdruck, Herzleiden, Fettleibigkeit

Eine große Analyse der amerikanischen CDC nennt als häufigsten Risikofaktor bei Patienten über 65 Bluthochdruck, gefolgt von Herzleiden und Fettleibigkeit. Diabetes spielte in dieser Studie nur eine untergeordnete Rolle. Der Haken bei all diesen Statistiken: Viele Patienten erfüllen gleich mehrere Risikokriterien; das lässt sich dann kaum noch auseinanderhalten. 

Wie ist der aktuelle Stand bei Corona-Tests?

Antikörpertests sind ein wichtiges Thema – und deshalb wird darüber auch schon länger breit berichtet, auch bei uns in SWR2 Impuls.

Schnelltests sind weniger zuverlässig als Bluttests im Labor

Inhaltlich ist es wichtig, zwischen Schnelltests und Bluttests mit Auswertung im Labor zu unterscheiden: Schnelltests, die man online bestellen kann und in manchen Apotheken bekommt, haben deutlich höhere Fehlerquoten. Vor allem schlagen sie häufig auch an, wenn man gar nicht mit dem neuen Coronavirus infiziert war, sondern nur Antikörper gegen harmlose Corona-Schnupfenviren gebildet hat.

Noch immer unklar: Immunität nach einer überstandenen Infektion

Diese Fehlalarme sind bei richtigen Labortests sehr viel seltener. Man kann sich beim Hausarzt testen lassen, manche nutzen z.B. den sehr bekannten Test von Roche, andere bevorzugen Euroimmun oder die Tests des Tübinger Unternehmens Cegat. Aber auch bei den besten Tests kommt es immer wieder mal zu Fehlalarmen. Ob und wie lange Infizierte danach wirklich immun sind, ist immer noch nicht geklärt. Das ist keine Verschwörung der Medien, sondern braucht bei einem ganz neuen Virus einfach Zeit, um das sicher herauszufinden. 

An welchen Orten ist das Infektionsrisiko derzeit besonders hoch?

Da gibt es ganz aktuell wichtige neue Erkenntnisse: Laut einer japanischen Studie ist die Ansteckungsgefahr in geschlossenen Räumen bis zu 19 Mal höher als an der frischen Luft. Supermärkte gelten aber nicht als besondere Gefahrenzonen, wenn die Kunden Masken tragen und die Abstände einhalten – außerdem hält man sich dort ja in der Regel nur kurze Zeit auf und es gibt meist moderne Belüftungsanlagen. 

Vorsicht bei Feiern und beim Singen in geschlossenen Räumen

Viel riskanter sind andere Situationen: Nach privaten Feiern in einer Göttinger Hochhaussiedlung sind jetzt Hunderte in Quarantäne, die Infiziertenzahlen steigen ständig an. Gefährlich sind auch Gottesdienste mit Gesang, wie kürzlich in Frankfurt – mehr als 200 Personen aus dem Umfeld der Baptistengemeinde sind inzwischen infiziert. Auch die Eröffnungsparty eines Restaurants in Niedersachsen hat zu Dutzenden von Fällen geführt. Und in vollen Bars, bei Live-Konzerten, auf Kreuzfahrtschiffen und in Sammelunterkünften haben sich immer wieder Ansteckungscluster gebildet. 

10 bis 20 Prozent der Infizierten verantwortlich für 80 Prozent der Ansteckungen

An solchen Orten kommt es gehäuft zu sogenannten „Superspreading“-Events: Das heißt, ein einziger Infizierter steckt sehr viele andere an. Forscher schätzen, dass das Virus sich vor allem über solche Ereignisse verbreitet: Demnach sind wohl 10 bis 20 Prozent der Infizierten für 80 Prozent der Ansteckungen verantwortlich. 

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