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Norwegen will Europas Treibhausgase im Meeresboden versenken. In Deutschland ist die Technik praktisch verboten. Doch Experten glauben: Ohne sie sind Europas Klimaziele nicht zu erreichen.

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Worum geht es?

Europa produziert noch auf Jahre zu viele Treibhausgase. Könnte man CO₂ sicher in einem "Endlager" deponieren statt sie in die Atmosphäre zu blasen, könnte dies Teil der Lösung sein. Vor der Küste Norwegens befindet sich ein Seegebiet, das geologisch dafür in Frage kommt. Dort könnte das CO₂ per Schiff oder Pipeline hingebracht werden.

Was ist der Plan?

Die Kommune Øygarden südlich der Stadt Bergen ist als Ausflugsziel heiß begehrt. Die Felsenlandschaft und ihre Fjorde sind atemberaubend, die Wälder naturbelassen und die steinigen Strände unberührt. Doch genau vor dieser Küste plant Norwegen ein umstrittenes Klimaschutzprojekt. Es will überschüssiges CO₂ aus Kraftwerken einsammeln und unter dem Meeresboden einlagern. Die Abkürzung CCS steht für Carbon Capture and Storage – zu Deutsch CO₂-Abscheidung und -Speicherung. CCS soll Europas Klimaproblem lösen helfen.

Dafür will Equinor zusammen mit den Öl- und Gasunternehmen Shell und Total von dem Hafendock in Øygarden aus eine 80 Kilometer lange Pipeline ins Meer legen. An ihrem Ende befindet sich in vier Kilometer Tiefe eine Sandsteinschicht. Sie ist zwölf Mal so groß wie der Bodensee. Dort sollen 100 Millionen Tonnen CO₂ pro Jahr eingeleitet werden – das entspricht rund einem Achtel der deutschen Treibhausgasemissionen.

Geplanter Start: 2023

Bereits in drei Jahren soll die CO₂-Versenkung mit Northern Lights in den Regelbetrieb gehen. Das norwegische Parlament muss noch zustimmen. Die Entscheidung steht für Dezember an.

Infografik zu dem Verlauf von "Carbon Capture and Storage": die Abscheidung von Kohlendioxid aus Abgasen von mit Kohle befeuerten Kraftwerken und deren unterirdische Lagerung (Foto: dpa Bildfunk, dpa-infografik)
Beispiel für "Carbon Capture and Storage": Abscheidung von Kohlendioxid aus Abgasen von mit Kohle befeuerten Kraftwerken und deren unterirdische Lagerung dpa-infografik

Zwei Spezialschiffe will das Unternehmen selbst bauen, um das überschüssige CO₂ von Zementwerken, Müllverbrennungsanlagen, Raffinerien und Stahlwerken in ganz Europa einzusammeln und nach Øygarden zu transportieren. Die CO₂-Frachter sollen die Häfen von Nordeuropa abfahren - Oslo, Helsinki, Hamburg - und dort das CO₂ einladen, ganz so, als wäre es herkömmlicher Industriemüll. Für später sind Pipelines geplant, beispielsweise nach Hamburg.

Weltklimarat rechnet mit Boom der CCS-Technologie

Heute darf die Menschheit laut Prognose des Weltklimarates IPCC nur noch rund 400 Milliarden Tonnen CO₂ ausstoßen, um die Erde nicht mehr als 1,5 Grad aufzuheizen. Nach dieser Rechnung wäre das Budget bereits in zehn Jahren aufgebraucht. Das erzeugt enormen Druck auf Regierungen und Unternehmen.

Das norwegische CCS-Projekt kommt deshalb zur rechten Zeit. Es verspricht, Millionen Tonnen im Untergrund verschwinden zu lassen. Bisher galt die Technologie als zu aufwendig, zu teuer und zu unsicher. Gelingt Northern Lights aber der Beweis, dass die CO₂-Lagerung wirklich funktioniert, könnte es zu einem wahren CCS-Boom kommen.

Seit 2005 müssen Kraftwerke und die Industrie, beispielsweise Ölraffinerien, Stahl- und Zementwerke in der Europäischen Union Zertifikate oder sogenannte CO₂-Gutscheine für ihre klimaschädlichen Gase kaufen. Stoßen sie mehr aus, als sie Zertifikate haben, müssen sie zukaufen. Anfangs haben die meisten Firmen zu viele Zertifikate erhalten - und noch dazu gratis. Als Folge kosteten die Emissionsrechte nur wenige Euro.

Nachfrage und Preis der EU-Gutschriften für CO₂ werden in Zukunft steigen

Inzwischen liegt der Preis bei rund 30 Euro pro Tonne – das ist immer noch zu niedrig, wenn im Vergleich dazu das Entsorgen einer Tonne CO₂ durch CCS rund 100 Euro kostet. Die 70 Euro Differenz können derzeit nur durch staatliche Förderung ausgeglichen werden. Doch in den nächsten Jahren will die EU die Gutschriften verknappen. Damit steigen die Nachfrage und auch der Preis.

Zementwerk von Heidelberg Cement im belgischen Lixhe, in welchem seit 2017 eine Abscheideanlage für CO2 getestet wird (Foto: Imago, ERIC LALMAND via www.imago-images.de)
Zementwerk von Heidelberg Cement im belgischen Lixhe, in welchem seit 2017 eine Abscheideanlage für CO2 getestet wird Imago ERIC LALMAND via www.imago-images.de

Industrie in Mitteleuropa bereitet CO₂-Export nach Norwegen vor

In Lixhe an der niederländisch-belgischen Grenze liegt ein Werk von Heidelberg Cement, einem deutschen Konzern mit weltweit 3000 Zementwerken in 50 Ländern. Heidelberg Cement ist ein typischer Kunde für CO₂-Entsorger. Pro Tonne Zement entstehen bis zu 0,8 Tonnen CO₂ - so viel wie bei einer Autofahrt von 5000 Kilometern. Damit zählt die Branche zu den Industrien mit dem höchsten CO₂-Ausstoß der Welt.

In dem Werk wird seit 2017 eine Abscheideanlage für CO₂ getestet. Noch geht das abgeschiedene CO₂ durch ein Rohr wieder zurück ins Zementwerk und dann in die Atmosphäre. Bis das erste CO₂ verladen und zu CO₂-Speichern wie in Norwegen transportiert wird, dauert es noch mindestens vier Jahre.

Deutschland verbietet Untergrundspeicherung von CO₂ per Gesetz

Die EU-Kommission geht in ihren Klimaszenarien bis zum Jahr 2050 davon aus, dass ein großer Teil der Emissionen der Industrie über CCS eingefangen wird. Auch der Weltklimarat IPCC hat in seinem letzten Bericht CCS eine Schlüsselrolle zugesprochen. Sogar in Deutschlands nationalem Plan zur Erreichung der Klimaziele steht, die Technologie sei „unverzichtbar“. Und das obwohl Deutschland gleichzeitig ein Gesetz hat, das die Untergrundspeicherung von CO₂ nicht oder nur in winzigen Mengen erlaubt.

Berliner Demonstration gegen das CCS-Verfahren im Jahr 2011, schwarze Fässer tragen die Aufschrift "CO₂" (Foto: Imago, imago/Rolf Zöllner)
Berliner Demonstration gegen das CCS-Verfahren im Jahr 2011 Imago imago/Rolf Zöllner

Kritik von Umweltorganisationen

Denn Zweifel äußern Umweltorganisationen immer wieder an der Sicherheit der sogenannten CO₂-Endlager. In Deutschland organisierten Umweltverbände und Bürgerinitiativen vor acht Jahren Proteste gegen die CCS-Technologie. Damals sollte CCS in Deutschland die Kohlekraftwerke “grün” machen. Die Stimmung kippte aber, weil Umweltorganisationen hinter der Technologie ein Grünwaschen des klimaschädlichen Kohlestroms vermuteten.

2012 brachte die Regierung dann ein Gesetz auf den Weg, nach dem Bundesländer die Untergrundspeicherung auf ihrem Territorium verbieten können - was Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein und Niedersachsen auch umgehend taten. Danach hielten CCS-Unterstützer wie Vattenfall und RWE aber auch Unternehmen wie Siemens und Thyssen-Krupp die Technologie für verloren. Man sehe keine Zukunft für CCS in Deutschland, hieß es.

Forscher in Deutschland bedauert Ausstieg aus CCS-Technologie

Für den Wissenschaftler Reinhard Hüttl vom Geo-Forschungsinstitut Potsdam war das eine strategische Fehlentscheidung. Die Proteste hätten sich gegen Kohlekraft und die großen Energiekonzerne gerichtet. Dabei hätte man die großen Klimaschutz-Potenziale übersehen, die man heute so dringend brauche, und die die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe damals berechnet hat.

Im Vattenfall-Versuchskraftwerk im Ortsteil Schwarze Pumpe im südbrandenburgischen Spremberg wurde 2008 das CCS-Verfahrens getestet und in das Versuchslager nach Ketzin transportiert (Foto: Imago, Patrick Pleul)
Im Vattenfall-Versuchskraftwerk im Ortsteil Schwarze Pumpe im südbrandenburgischen Spremberg wurde zwischen 2008 und 2013 das CCS-Verfahrens getestet und in das Versuchslager nach Ketzin transportiert Imago Patrick Pleul

Hüttl betreute das weltweit erste Projekt an Land, das aus einem Kraftwerk abgeschiedenes CO₂ in einem salinen Aquifer in 600 Meter Tiefe speicherte. Im brandenburgischen Ort Ketzin leiteten die Forscherinnen und Forscher zwischen 2008 und 2013 rund 70.000 Tonnen CO₂ in den Untergrund. Für Bürgerproteste hat Wissenschaftler Hüttl wenig Verständnis.

Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es jedoch nie. Im Meer vermuten Umweltverbände tote Zonen und eine starke Versauerung des Wassers. Zu Land könnten größere Lecks dazu führen, dass Tiere und auch Menschen durch einen akuten Sauerstoffmangel in Lebensgefahr geraten, wenn sie CO₂ geballt und konzentriert einatmen.

Versauerung des Wassers und Lebensgefahr bei CO₂-Leckagen

Sogenannte Leckagen, also die Gefahr eines CO₂-Lecks, sind zwar unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen. Ein Risiko ist auch die Verunreinigung des Grundwassers. Wenn sich CO₂ im Untergrund unkontrolliert ausbreitet, kann es salzige Wasseradern verdrängen oder in Richtung Oberfläche drücken. Im schlechtesten Fall könnte so Süßwasser kontaminiert werden.

Selbst in Norwegen, dem Vorreiterland von CCS, denkt man darüber nach, was im Fall eines CO₂-Unfalls passiert. Die Juristin Christina Voigt lehrt an der Universität Oslo Umweltrecht. Sie muss sich damit beschäftigen, welche Gesetze greifen, wenn es zu einem Unfall kommt. Sie hat ernste Zweifel daran, dass CCS eine sichere Technologie ist. Niemand könne sagen, wie lange das CO₂ sicher im Boden bleibt.

Ein bisher kaum beackertes rechtliches Forschungsfeld ist die “Klimakriminalität”. Voigt warnt davor, dass private Firmen nur auf kurze Sicht die Verantwortung der CCS-Projekte tragen, danach haftet der Staat. Sie sorgt sich nicht nur um Norwegen. Schon bald könnte es einen weltweiten CCS-Boom geben, vermutet sie, auf Kosten von Sicherheitsstandards.

Wie wird eine Welt aussehen, in der CO₂-Pipelines durch Europa verlaufen, Schiffe mit CO₂-Tanks unterwegs sind und statt Öl und Gas aus der Erde zu holen, dann CO₂ in alte Kavernen gepresst wird? Wer soll die CCS-Technologie kontrollieren? Das alles sind Fragen, die die Juristin Christina Voigt umtreiben. Wenn CCS, meint sie, dann nur unter strengen Kontrollen und nur als Brücke in ein CO₂-freies Zeitalter, also ohne Gas und Öl.

Die Recherchen wurden durch ein Stipendium von journalismfund.eu unterstützt.

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Diese Podcast-Episode steht unter der Creative Commons Lizenz CC BY-NC-ND 4.0  mehr...

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