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Frau hält sich den schmerzenden Kopf

Chronische Schmerzen Neues Konzept statt Operation

Über 10 Millionen Menschen in Deutschland leiden an chronischen Schmerzen. Schmerzen, für die es keine nachvollziehbare Ursache gibt. Das Problem hat sich, wie die Schmerzmedizin sagt, "chronifiziert". Erst langsam kommt die Wissenschaft diesem Phänomen auf die Spur.

Ein Schmerzgedächtnis hat jeder. Und es verlernt normalerweise schnell. Doch etwa 20 Prozent der Menschen vergessen das Schmerzgedächtnis nicht immer. Das sind die potenziellen chronischen Schmerzpatientinnen und -patienten. Warum das so ist, bleibt im Moment noch unklar. Psychologische, soziale aber auch genetische Faktoren werden als Ursachen für das übersensible Schmerzgedächtnis diskutiert. Klären kann diese Frage eine neue faszinierende Untersuchungsmethode, die funktionelle Magnetresonanztomografie. Die Versuchspersonen werden dazu extrem starken magnetischen Feldern ausgesetzt.

Kopf mit Schmerzpunkt

Gehirnstrukturen, die aktiv sind, verbrauchen mehr Sauerstoff und verändern so die magnetischen Eigenschaften des roten Blutfarbstoffs, des Hämoglobins

Gehirn in Echtzeit

Unser Denken und Fühlen verändert den Stoffwechsel im Gehirn und damit, wenn auch nur sehr minimal, dessen magnetische Resonanzeigenschaft. Gehirnstrukturen, die aktiv sind, verbrauchen mehr Sauerstoff und verändern so die magnetischen Eigenschaften des roten Blutfarbstoffs, des Hämoglobins. Mit diesem Trick kann man so tatsächlich dem Gehirn in Echtzeit zusehen.

Schiebt man nun jemanden mit chronischen Schmerzen in eine solche Magnetröhre, dann fällt etwas Merkwürdiges auf: Die Zentren, in denen Schmerz empfunden wird, sind dauerhaft auf Alarm geschaltet. Und noch erstaunlicher: Es sind fast die gleichen Hirnareale, die auch bei Angst und Panik aktiviert werden.

Mann greift sich an Schulter

Wie sind die in Deutschland extrem hohen Zahlen der Bandscheiben- und Wirbelsäulenoperationen zu erklären?

Solche Überlegungen sind für die Betroffenen allerdings nur schwer nachvollziehbar. Sagt einem doch schon der gesunde Menschenverstand, dass die Ursache eines Schmerzes immer da steckt, wo es auch wehtut. Was liegt da näher, als quälende Rückenschmerzen mit einer Operation am Rücken zu bekämpfen? Ein Irrglaube, dem immer noch allzu viele Ärzte und Ärztinnen aufsitzen. Wie sonst sind die in Deutschland extrem hohen Zahlen der Bandscheiben- und Wirbelsäulenoperationen zu erklären?

Neue wissenschaftliche Konzepte

Am Rückenzentrum Berlin sieht man die Dinge anders. In diesem, von einigen Krankenkassen unterstützten, Zentrum baut man ganz auf die neuen wissenschaftlichen Konzepte zum chronischen Schmerz. Entsprechend kritisch bewertet Dr. Ulf Marnitz die bisherige Praxis seiner orthopädischen Kolleginnen und Kollegen. Denn die bildgebenden Befunde der Wirbelsäule gehen nicht immer eins zu eins mit dem Schmerz einher, den die Patienten und Patientinnen spüren.

Weil hier nämlich schon oft und bisher unbemerkt das Schmerzgedächtnis eingesetzt hat. Denn chronische Schmerzen aus dem Schmerzgedächtnis fühlen sich genauso an wie die "echten" akuten Schmerzen. Vor allem ein Punkt sollte stutzig machen: Wenn Schmerzmedikamente, die früher wirksam waren, gar nicht mehr wirken. Wenn aber weder Operation noch Schmerzmittel helfen, wie kann man dann den chronischen Rückenschmerz angehen? Die Lösung sind spezielle Trainingsprogramme.

Frau sitz verkrümmt und Hält die die Hand in den Rücken vor Schmerzen

Der Fokus der Schmerztherapie geht weg vom möglichen Auslöser einer chronischen Schmerzproblematik, hin zur Therapie des aus dem Ruder gelaufenen Schmerzgedächtnisses

Das Behandlungsprinzip besteht darin, die Alltagssituationen nachzuspielen, die man sonst wegen der Rückenschmerzen eher vermeidet. Und die Betroffenen machen das sogar mit, denn die meisten haben eine jahrelange medizinische Odyssee hinter sich. Alle bisherigen Therapieversuche waren für sie sinnlos, ob nun Wärmetherapie, Physiotherapie, TENS-Gerät, Kortison, Nervenendenvereisung oder Operation.

Gardinen aufhängen und Wände streichen

Was sich in diesen Trainingskursen unter Aufsicht eines Physiotherapeuten oder einer Physiotherapeutin abspielt, hat so gar nichts zu tun mit dem, was man sich sonst unter Rückengymnastik vorstellt. Es gibt keine bunten Bälle, Gymnastikgeräte oder Gummibänder. Stattdessen steigen die Patientinnen und Patienten im Übungsraum auf die Leiter, hängen Gardinen auf oder streichen fiktiv die Wände.

Es sieht gewagt aus, aber was hier geschieht, hat eine solide wissenschaftliche Basis und berücksichtigt die aktuellen Erkenntnisse auf dem Gebiet der Schmerzmedizin. Den meisten Patientinnen und Patienten ist die Sache am Anfang trotzdem nicht geheuer. Aber es hilft. Paradigmenwechsel nennt man das, was hier in der Schmerzmedizin stattfindet. Der Fokus geht weg vom möglichen Auslöser einer chronischen Schmerzproblematik, hin zur Therapie des aus dem Ruder gelaufenen Schmerzgedächtnisses.

Rote Pillen kugeln aus einem Medizinfläschchen

Die Chance, die Schmerzspuren mit einem Medikament aus dem Nervensystem zu löschen, wäre für die Betroffenen natürlich optimal

Hierfür stehen bisher physiotherapeutische und unterstützende psychologische Methoden wie etwa Entspannungs- und Motivationstherapie zur Verfügung. Man spricht vom multimodalen Therapieansatz.

Schmerzen nach einer Operation

Chronische Nervenschmerzen nach einer Operation sind zudem ein häufiges Problem. Heute weiß man, dass nach etwa jeder zehnten Operation an einem Leistenbruch und nach jedem fünften Eingriff an der weiblichen Brust chronische, meist neuropathische Schmerzen zurückbleiben. Die Chance, diese Schmerzspuren mit einem Medikament aus dem Nervensystem zu löschen, wäre für die Betroffenen natürlich optimal. Das eingesetzte Mittel Remifentanil ist zudem bereits in der Anästhesie zugelassen. Und wenn es funktioniert, wäre die Therapie des chronischen neuropathischen Schmerzes überraschend unkompliziert.

Langsam kommt die Wissenschaft dem chronischen Schmerz also auf die Spur. Aber das Wissen hierzu bleibt lückenhaft. Das macht ein Krankheitsbild besonders deutlich, bei dem die Patienten und Patientinnen an generalisierten Muskelschmerzen leiden. Einfach so. Ohne erkennbare Ursache. Der Name der Krankheit ist für viele Ärztinnen und Ärzte ein Reizwort, denn Patientinnen und Patienten mit Fibromyalgie gelten auch als Hypochonder und Rentenbetrüger.

Mann mit schmerzverzerrtem Gesicht

Tests bei Fibromyalgiepatientinnen und -patienten haben erstmalig krankheitsspezifische Veränderungen an deren Nervensystem aufgezeigt

Das zentrale Problem bei der chronischen Schmerzkrankheit Fibromyalgie ist der fehlende objektive Befund. Doch jetzt könnte sich das Blatt wenden. Neurologinnen und Neurologen an der Universität Würzburg ist etwas Spektakuläres geglückt. Tests bei Fibromyalgiepatientinnen und -patienten haben erstmalig krankheitsspezifische Veränderungen an deren Nervensystem aufgezeigt. Diese Befunde sind der heiß ersehnte Beweis dafür, dass die Betroffenen keine Hypochonder, sondern echte Kranke sind.

Mangel an Spezialistinnen und Spezialisten

Eine ursächliche Therapie der Fibromyalgie ist allerdings noch lange nicht in Sicht. Deshalb sind diese Patienten, so wie alle anderen chronischen Schmerzpatientinnen und -patienten auch, auf eine gute schmerzmedizinische Betreuung angewiesen. Doch damit sieht es in Deutschland schlecht aus. Für die Betroffenen hat der aktuelle Mangel an Spezialistinnen und Spezialisten schwerwiegende Folgen. Und auch im Krankenhaus sieht es mit der Schmerztherapie nicht unbedingt besser aus.

Doch langsam wird das Manko bei der Versorgung von chronischen Schmerzpatientinnen und -patienten von der Öffentlichkeit wahrgenommen. Informierte Betroffene drängen auf Veränderung. Durchaus ein Fortschritt, denn chronische Schmerzen galten bis vor einigen Jahren einfach als unabwendbares Schicksal. Dass es auch anders geht, sickert jetzt langsam in die Köpfe der Mediziner und Medizinerinnen. Zusammen mit einer besseren Schmerzdiagnostik und neuartigen Medikamenten könnte dies die Situation von chronischen Schmerzpatientinnen und -patienten bald verbessern.

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