Bitte warten...

Schattenpsychiatrie Chronisch psychisch krank

Das Altenheim als Abschiebestation für psychisch Kranke. Dafür hat sich ein Begriff eingebürgert: Schattenpsychiatrie. Geschätzte 10 bis 15 Prozent der chronisch psychisch Kranken enden dort, Tendenz steigend. Bisher ein Tabuthema - doch der Widerstand wächst. Wie kann man erklären, dass heute immer mehr psychische Erkrankungen diagnostiziert werden? Warum wird eine große Zahl von Patienten trotz verbesserter Behandlungsmöglichkeiten auf das therapeutische Abstellgleis abgeschoben?

Psychiatrie

Chronisch psychisch krank und abgeschoben ins Pflegeheim

Ab 2014 wird Baden-Württemberg erstmals ein Psychiatriegesetz haben. Gleich nach der letzten Wahl haben die Grünen eine Anhörung im Stuttgarter Landtag veranstaltet. Selbsthilfe- und Angehörigengruppen sorgten für reichlich Wirbel im Plenum. Unter sich sind sie durchaus nicht immer einer Meinung. Und die, die sich Gehör verschafften, interessierte vor allem das Thema "Gewalt in der Psychiatrie", das eine Minderheit in der Minderheit betrifft. Das Thema Schattenpsychiatrie kümmerte dagegen kaum jemanden. Wer in der Schattenpsychiatrie lebt, hat keine Stimme, keine Lobby und nur mit sehr viel Glück Angehörige, die auf Besuch kommen.

Zu jung fürs Altenheim

Eine alte Frau läuft den Korridor auf und ab. Sie stützt sich auf ihren Rollator und läuft. Hin und her. Wie die Eisbären und Tiger in ihren Gehegen im Zoo. Zwei Männer und zwei Frauen sitzen stumm im Aufenthaltsraum und sehen aneinander vorbei in die Ferne. Eine der Betagten spielt mit sich selbst Mensch-ärgere-Dich-nicht.

demenzkranke Senioren

Wohin mit chronisch psychisch Kranken?

Das ist die dunkle Seite der Massengesellschaft. Man nimmt sie nicht gerne wahr. Und noch weniger gerne nimmt man zur Kenntnis, dass sich unter die Bewohner dieser Senioren-Heime Menschen mischen, die nicht dort hingehören: chronisch psychisch Kranke. Ein Viertel davon ist einzelnen Erhebungen zufolge jünger als 55 Jahre, die Jüngsten knapp über 20. Sie leben fernab von ihrem angestammten sozialen Umfeld. Versorgt nur mit dem Notwendigsten. Nicht wenige sind verwahrt in der geschlossenen Station.

Rechte von Menschen mit Behinderungen

Die Abschiebung von Behinderten in die klassischen Heime und Bettenburgen muss ein Ende haben. Den besonderen Schutz Behinderter garantiert die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen aus dem Jahr 2008, die von der EU bestätigt wurde. Deinstitutionalisierung und Dezentralisierung der Psychiatrie einerseits und heimatnahe Versorgung andererseits heißen die Schlagworte, mit der die UN-Konvention umgesetzt werden soll. Mehr und mehr psychiatrische Ambulanzen übernehmen die Versorgung der Akutkranken vor Ort. Stabilisiert sich der Patient, kommt die Eingliederungshilfe zum Zug. Sie baut zunehmend auf die Schaffung kleiner Wohngruppen in Städten und Gemeinden und kümmert sich um Arbeitsplätze.

Psychisch Kranke falle leicht durchs Raster

psychopath

Psychisch Kranke leben meist am Rande der Gesellschaft.

Doch oft werden psychisch Kranke nicht vom regulären psychiatrischen Versorgungssystem erfasst und völlig fehlplatziert. Es sind Patienten, deren Diagnose und Verhalten nicht ins klassische Versorgungsraster passt. Psychisch Kranke leiden oft unter unvorstellbaren Ängsten. Es sind Menschen in Heimen, die Monate oder auch Jahre brauchten, bis sie Mut fassten und ihren Fuß über die Schwelle des eigenen Zimmers setzen konnten. Sie sind die potenziellen Opfer.

Die Kosten für eine Zukunft

Besonders die miserable personelle Ausstattung der klinischen Sozialdienste und der Druck der Klinikverwaltungen, eine große Zahl von Fällen durchzuschleusen, führt dazu, dass Patienten ohne ausreichenden Hilfeplan in Einrichtungen abgeschoben werden, wo sie nicht hingehören.

Eigentlich werden die Krankenhäuser dafür bezahlt, dass sie vor Entlassung der Patienten einen angemessenen Hilfeplan für die Zeit danach erarbeiten. Was sie, wie Sozialarbeiter vermehrt berichten, immer weniger tun. Der Kostendruck ist enorm. Übernommen werden die aus dem Akutbereich Entlassenen von den traditionellen Trägern der Wohlfahrtspflege. Dies sind vorwiegend die Kirchen. Die Wohlfahrtsverbände beklagen sich über private, profitorientierte Träger, die überdimensionierte Altenpflegeeinrichtungen errichteten und offen auch um Psychiatriepatienten werben.

Krankenhausbetten

Leere Betten sind schlecht für den Profit

Ihnen wird die Hauptschuld am Problem der Schattenpsychiatrie gegeben. Doch auch die traditionellen Heimträger, die oft über einen großen Bestand an alten Immobilien fernab der Ballungszentren verfügen, können die Heime nur dann rentabel führen, wenn sie die Betten nicht leert, und so lässt man auch psychisch Behinderte nur ungern ziehen. Zudem übernimmt in Altenheimen die Pflegeversicherung einen guten Teil der Kosten und somit wird bares Geld gespart.

Können Psychiater dazulernen?

Umdenken muss zu guter Letzt auch der Berufsstand der Psychiater. Traditionelle Psychiater denken in festen medizinischen, nicht in sozialen Kategorien. Den Patienten lassen sie zu sich kommen. Sein Hintergrund bleibt dunkel. Die Kritiker dagegen bemühen gerne sogenannte systemische Ansätze. Sie sehen ein psychiatrisches Krankheitsbild nur als Symptom, einen Hinweis darauf, dass im sozialen Umfeld des Patienten etwas nicht in Ordnung sei. Die Behandlung müsse daran ansetzen.

Auch die Ausbildung der Ärzte muss sich ändern.

Die Ausbildung der Ärzte muss sich ändern.

So in England, wo man, nachdem das stationäre oder institutionelle Gesundheitssystem nicht mehr finanzierbar erschien, aus der Not heraus die gesamte Ärzteausbildung umkrempelte und die jungen Mediziner zu einer Art präventiver und akutmedizinischer Eingreiftruppe vor Ort umbildete. Was aus heutiger Sicht Geld tatsächlich gespart und gute Ergebnisse gezeitigt hat.

Zu viele Kranke

Die Reform der Psychiatrie ist zu einem wichtigen Thema geworden. Die Zahl der Psychiatriepatienten wird in den nächsten Jahren weiter steigen und sie werden immer jünger. Die Diskussion darüber, was für sie getan werden könnte und welche praktischen Schritte zu ergreifen sind, ist längst im Gange. Aber die Reform wird nicht alle erreichen. Dazu ist die Masse an chronisch psychisch Kranken viel zu groß, und auch der Markt der Gesundheit folgt nicht hehren Appellen an Menschenrechte, sondern am Ende den üblichen wirtschaftlichen Gesetzen.

Satt und sauber, das muss doch reichen

Krankenhausflur mit Betten

Eine klinisch reine Umgebung ist nicht immer die Lösung

Realistisch gesehen wird vielen der Weg in die psychiatrischen Parallelwelten der Alten- und Pflegeheime und die geschlossenen Abteilungen, wo die Dementen untergebracht sind, nicht erspart bleiben. Vom Menschenrecht auf Förderung und Integration bleibt ihnen nur die Befriedigung der Grundbedürfnisse. Die heißen hier "satt und sauber".

Mehr zum Thema im SWR:

Weitere Themen in SWR2