Bitte warten...
Hanf gehört zu den ältesten und wertvollsten Kulturpflanzen

Cannabis als Medizin Ein starker Stoff

Haschisch bedeutet "Gras" auf Arabisch. Dass die Droge heilende Wirkung haben kann, wusste bereits Hildegard von Bingen im 12. Jahrhundert. Bis ins 20. Jahrhundert galt Cannabis – so der botanische Name von Hanf – in vielen Ländern der Welt als eine Art Universal-Medizin. Mittlerweile ist wissenschaftlich belegt, dass die Inhaltsstoffe der Pflanze schmerzlindernd, muskelentspannend und krampflösend wirken.

Cannabis – so der botanische Name des Hanfs – zählt zu den ältesten Nutzpflanzen der Erde. Ursprünglich stammt er wohl aus Kasachstan. Doch schon vor etwa 10.000 Jahren begannen jungsteinzeitliche Bauern und Bäuerinnen, den Hanf wegen seines Öls und seiner robusten Fasern über Zentralasien hinaus zu verbreiten. Über die uralten Hochkulturen am Indus und im heutigen Irak fand die Pflanze ihren Weg in die ganze Welt. Aus Hanf werden seit Jahrtausenden reißfeste Seile, Segeltuch, Kleidung und sogar Papier gefertigt. Auch als Nahrungs- und Heilmittel hat die Pflanze, welche in Indien "Beschwichtiger des Kummers" heißt, eine uralte Tradition.

Jugendlicher reicht einer Gleichaltrigen einen Joint.

Cannabis ist in Deutschland die am häufigsten konsumierte illegale Droge

Universalmedizin von Welt

Sin semilla – "ohne Samen" auf Spanisch – so nennt man die Blütenstände unbefruchteter weiblicher Hanfpflanzen. Sie werden zu leicht halluzinogenem Marihuana getrocknet. Das gepresste Harz der Pflanze wird Haschisch genannt – arabisch für Gras. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts galt Cannabis in vielen Regionen der Welt als eine Art Universal-Medizin – gegen Rheumatismus, Schlaflosigkeit oder Menstruationsbeschwerden zum Beispiel.

Mittlerweile ist wissenschaftlich belegt, dass die Inhaltsstoffe von Cannabis krampflösend, muskelentspannend und schmerzlindernd wirken. Auch bei Depressionen, bestimmten Krebsarten und bei der Autoimmunkrankheit Morbus Crohn soll Cannabis lindernd wirken. Gleichzeitig ist Cannabis in Deutschland die am häufigsten konsumierte, illegale Droge. Das Wissen sowohl um die Gefahren als auch den medizinischen Nutzen ist nicht neu.

Rauschgift

Weibliche Hanfpflanzen werden zu leicht halluzinogenem Marihuana getrocknet

Zum ersten Mal wird Cannabis im Pen Ts’ao beschrieben, dem großen Kräuterbuch des chinesischen Kaisers Shennong, das angeblich im Jahr 2737 vor Christus verfasst wurde. Es beschreibt die Wirkung und Einnahme wie folgt: Cannabis ist scharf, wenn man es isst, aber sein Gift ist gut für die fünf Organe und bringt Yin und Yang ins Gleichgewicht. Es macht den Geist leicht, entzieht dem Körper Wasser und stoppt den Schweiß. Wenn Du zu viel davon isst, wirst Du schwebende weiße Gespenster sehen, wenn Du es lange genug isst, kannst Du mit den Göttern sprechen.

Kiffen im Kloster

Auch die deutsche Benediktinerin, Naturforscherin und Heilerin Hildegard von Bingen, die im 12. Jahrhundert zahlreiche Kräuter, Gift- und Heilpflanzen beschrieb, pries den Hanf in ganz ähnlicher Weise:
Sein Same enthält Heilkraft und er ist für gesunde Menschen heilsam zu essen, und in ihrem Magen ist er leicht und nützlich. Er vermindert die üblen Säfte und macht die guten Säfte stark. Aber wer im Kopfe krank ist und ein leeres Gehirn hat und Hanf isst, dem bereitet dies leicht etwas Schmerz im Kopf. Aber dem gesunden Kopf und dem vollen Gehirn schadet er nicht.

Hanfpflanzen in einem weiß getäfelten Kellerraum unter Lampen, Kabeln, Rohren

Wie soll man den Patienten und Patientinnen den Eigenanbau für den Eigenbedarf verbieten?

Wie genau die Droge wirkt, das war bis vor wenigen Jahrzehnten ein absolutes Rätsel. Da die Inhaltsstoffe der Hanfpflanze weder in Wasser noch in Alkohol löslich sind, dauerte es geraume Zeit, bis sie überhaupt entdeckt und bestimmt werden konnten. Erst 1964 gelang es dem israelischen Wissenschaftler Rafael Mechoulam, die wichtigste Substanz in Öl zu isolieren – Delta-9-Tetrahydrocannabinol, kurz: THC. Drei weitere Jahrzehnte Forschung waren nötig, um ans Licht zu bringen, was nach dem Konsum von Cannabis im Körper geschieht. Das THC-Molekül bindet sich an ein Protein, den sogenannten Rezeptor.

Körpereigenes Cannabinoid

Bisher fanden Forscherinnen und Forscher zwei verschiedene Rezeptoren im menschlichen Körper. Der sogenannte CB-1-Rezeptor ist vor allem im Gehirn und im Rückenmark aktiv, der CB-2-Rezeptor wirkt im Immunsystem. 1992 wurde das erste körpereigene Cannabinoid – also eine Cannabis ähnliche Substanz – entdeckt, das ähnlich wie Endorphine bei Anstrengung, Stress oder Schmerzen ausgeschüttet wird. Ist das körpereigene System aus dem Takt oder ein Schmerz zu groß, können Marihuana oder Haschisch helfen.

Kopf mit Schmerzpunkt

Am besten belegt ist die Wirkung von Cannabis bei Muskelkrämpfen durch Multiple Sklerose, einer schweren Erkrankung des zentralen Nervensystems

Die Heilwirkungen von Cannabis sind vielfältig, aber noch immer nicht umfassend erforscht. Am besten belegt ist, dass sich schmerzhafte Muskelkrämpfe bei Multipler Sklerose, einer schweren Erkrankung des zentralen Nervensystems, lindern lassen. Auch Menschen, die unter ADHS oder dem Tourette-Syndrom leiden, berichten von positiven Erfahrungen mit medizinischem Marihuana.

Dr. Franjo Grotenhermen, Gründer der Arbeitsgemeinschaft "Cannabis als Medizin" kennt zahlreiche andere Einsatzmöglichkeiten, beispielsweise bei Übelkeit und Erbrechen während einer Chemotherapie oder Schwangerschaft. Außerdem beschreibt er den Anwendungsbereich der chronischen, vor allem neuropathischen, Schmerzen, verursacht durch ein Trauma, einen Unfall oder Entzündungen wie bei Multipler Sklerose.

Medikamente aus Cannabis

Es gibt nur sehr wenige Menschen in Deutschland, denen Behörden erlauben, Cannabis für medizinische Zwecke in der Apotheke zu kaufen

Wie kommt man da ran?

Es gibt nur sehr wenige Menschen in Deutschland, denen Behörden erlauben, Cannabis für medizinische Zwecke in der Apotheke zu kaufen. 75 Euro mussten sie für diese Lizenz an das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte in Bonn zahlen. Außerdem mussten sie nachweisen, wie sie die Droge in ihren Wohnungen vor Diebstahl schützen. Doch zuvor mussten sie überhaupt erst als pharmakologisch austherapiert gelten, also sämtliche Wege der Schulmedizin durchlaufen haben, und das ist sehr mühsam.

Außerdem ist ein weiteres Problem in Deutschland nicht etwa die fehlende Verfügbarkeit von Medikamenten, sondern die hohen Kosten für die Patientinnen und Patienten. Franjo Grotenhermen beschäftigt sich seit Anfang der 90 Jahre mit dem therapeutischen Nutzen der Hanfpflanze. Fast genauso lange kämpft er politisch für die Anerkennung von Cannabis als Medizin und dafür, dass die Krankenkassen die Kosten übernehmen. Für viele Betroffene ist der Arzt die letzte Hoffnung.

Und wie jedes Medikament wirkt auch Cannabis nicht bei jedem Menschen gleich und kein Wundermittel. Es kann nicht nur Schmerzen lindern, sondern manchmal auch Kopfschmerzen verursachen, und anstatt Übelkeit zu bekämpfen, kann es auch Unwohlsein und Brechreiz hervorrufen. Im Gegensatz zu gängigen Schmerzmitteln ist die Gefahr körperlicher Abhängigkeit von der Droge allerdings gering. Bei jedem Patienten muss zudem erst einmal eine Dosisfindung gemacht werden.

Cannabis als Medizin?

Im Gegensatz zu gängigen Schmerzmitteln ist die Gefahr körperlicher Abhängigkeit von Cannabis gering

Vermögende können sich die Behandlung leisten

In Israel und Kanada – und in 23 Bundesstaaten der USA – sind die Preise für medizinische Cannabisprodukte deutlich niedriger; in den Niederlanden erstatten viele Krankenkassen die Behandlung. In Deutschland hingegen erhalten nur Patienten und Patientinnen mit Multipler Sklerose Cannabis auf Kassenkosten, wenn ihnen kein anderes Medikament hilft. In allen anderen Fällen übernehmen die Versicherer die Kosten höchstens auf Kulanzbasis, da synthetisches THC und Cannabisblüten aus der Apotheke offiziell nicht als Arzneimittel zugelassen sind. Wie soll man den Patienten und Patientinnen da den Eigenanbau für den Eigenbedarf verbieten?

Genau darum streiten Betroffene und das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte seit mehr als 14 Jahren vor Sozial- und Strafgerichten und Verwaltungsgerichten. Es geht auch um die Frage, ob chronisch Kranke, die eine Ausnahmegenehmigung für Cannabis aus der Apotheke haben, sich die hohen Preise aber nicht leisten können, ihre Medizin selbst anbauen dürfen.

Justizia-Statue / Cannabis-Pflanze

Der Paragraph 34 des Strafgesetzbuches hat in der Vergangenheit einige Schwerkranke, die Cannabis zur Eigentherapie angebaut haben, vor Bestrafung bewahrt

Selbstanzeige im Notstand

Für Patienten wie Frank Josef A. ist die derzeitige Rechtslage eine Qual. Die Rente der US-Armee lässt auf sich warten und das Geld, das seine Familie zurzeit vom Staat bekommt, reicht gerade für das Allernötigste. Deshalb stößt der 43-Jährige körperlich, seelisch und finanziell immer wieder an seine Grenzen. In der Not begann auch er zuhause Cannabis anzubauen und informierte darüber brieflich die Staatsanwaltschaft Darmstadt.

Der Familienvater hoffte, dass die Staatsanwälte den sogenannten rechtfertigenden Notstand anerkennen würden. Der Paragraph 34 des Strafgesetzbuches hat in der Vergangenheit schon andere Schwerkranke, die Cannabis zur Eigentherapie angebaut haben, vor Bestrafung bewahrt. Doch die Rechnung von Frank Josef A. ging nicht auf. Drei Monate nach seiner Selbstanzeige stand die Polizei mit einem Durchsuchungsbeschluss vor der Tür und zerstörte und beschlagnahmte seine gesamte Cannabiszucht.

Auch Angelika S. ist wegen Eigenanbaus von Hanf bereits zu einem Jahr auf Bewährung verurteilt und stottert immer noch die Gerichtskosten ab. Wie Frank Josef A. ist auch sie zurzeit untermedikamentiert und leidet wieder unter starken Schmerzen. Und solange die Gesetzeslage sich nicht ändert, ist für die Betroffenen keine Besserung ihrer Situation in Sicht.