Montage Cannabisblatt auf Kassenrezept (Foto: SWR, SWR -)

"Zaubermittel" mit Nebenwirkungen Cannabis gegen Epilepsie

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Experten warnen vor Cannabidiol

Immer häufiger wird Cannabis als Therapieform bei schwerer Epilepsie eingesetzt, gerade bei Kindern. Angeblich soll sich so die Zahl der Anfälle reduzieren. Doch führende Ärzte in der Epilepsieforschung warnen vor dem "unkontrollierbaren Zaubermittel". Was ist dran an der neuen Therapieform gegen Epilepsie?

Der 8-Jährige Marco leidet unter schwerer Epilepsie. Bis zu 100 Anfälle am Tag sind keine Seltenheit. Bisher schlug kein Medikament an. Die letzte Hoffnung der Familie: eine neue Cannabis-Therapie der Uniklinik Freiburg.

Seit sechs Wochen wird Marco mit einem Cannabis-Medikament behandelt. Mit dem sogenannten Cannabidiol, einem Wirkstoff aus der Hanfpflanze, ganz ohne das high-machende THC. Marco nimmt davon täglich ein paar Tropfen.

Erste Ergebnisse sind vielversprechend

Die Ärzte an der Uniklinik Freiburg stützen sich auf Studien aus den USA, die zeigen, dass Cannabidiol bei schwerer Epilepsie helfen kann. In Deutschland laufen ähnliche Studien, sind aber noch nicht abgeschlossen. Offiziell ist Cannabidiol deswegen nicht zugelassen. Trotzdem dürfen Ärzte Cannabidiol ausprobieren, wenn sonst nichts mehr hilft.

Dr. Alexandra Klotz ist Oberärztin am Epilepsiezentrum der Uniklinik Freiburg; sie behandelt Marco und trägt die volle Verantwortung. Sie muss eine Art Mini-Studie am Patienten machen. So will es das Bundesinstitut für Arzneimittel, um mehr Wissen über das Medikament zu erlangen. „Im Bereich der Kinderepileptologie sind unsere ersten Daten sehr vielversprechend. Und diese Daten zeigen, dass die Sicherheit des Medikaments sehr gut zu sein scheint“, berichtet Klotz.

Cannabis als Medizin? (Foto: SWR, SWR -)
Cannabidiol ist ein natürlicher Inhaltsstoff des Hanfs. SWR -

Experten kritisierten das Vorgehen

Dass erst durch das Ausprobieren der Ärzte geprüft wird, wo Cannabis sinnvoll eingesetzt werden darf, kritisiert Arzneimittelexperte Prof. Gerd Glaeske an der Uni Bremen: „Der Gesetzgeber hat hier nicht weit genug gedacht und sich aus der Verantwortung gestohlen, genau die Krankheitsbereiche nennen zu können und nennen zu sollen, die dann für die Anwendung von Cannabis auch gerechtfertigt wären.“

Auch Professor Bernhard Steinhoff vom Epilepsiezentrum in Kork sieht Cannabidiol als Medikament kritisch. Für ihn sind die Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten, die die Patienten oft zusätzlich nehmen müssen, zu stark und zu wenig erforscht; zudem scheine es viele Störwirkungen zu haben. Die Datenlage spreche bislang nicht dafür, dass Cannabidiol ein besonders wirksames Medikament sei. – Eine Epilepsietherapie der Zukunft sieht er in Cannabidiol nicht.

6 Monate dauert der Therapieversuch mit Cannabis noch. Ob es Marco wirklich hilft, wird sich noch zeigen müssen.

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