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Albert Camus und die Revolte Das Absurde überwinden

Albert Camus, geboren am 7. November 1913 in Algerien, gehört bis heute zu den meistgelesenen Schriftstellern weltweit. Ausgangspunkt ist bei Camus die fundamentale Sinnlosigkeit und Absurdität der menschlichen Existenz. Es gibt für ihn einen Weg, dies zu überwinden: die Revolte.

Der französische Schriftsteller und Literatur-Nobelpreisträger Albert Camus

Der französische Schriftsteller und Literatur-Nobelpreisträger Albert Camus

In unserer täglichen Erfahrung spielt die Revolte die gleiche Rolle wie das "Cogito" auf dem Gebiet des Denkens: Sie ist die erste Selbstverständlichkeit. Aber diese Selbstverständlichkeit entreißt den Einzelnen seiner Einsamkeit. Sie ist ein Gemeinplatz, die den ersten Wert auf allen Menschen gründet. Ich revoltiere also sind wir.

Weibliche Insassen des Konzentrationslagers Auschwitz

Weibliche Insassen des Konzentrationslagers Auschwitz

Albert Camus’ Essay "Der Mensch in der Revolte" erschien 1951. Zwei Weltkriege waren vorbei, Millionen Menschen auf den Schlachtfeldern und in den Vernichtungslagern ermordet worden; die Welt hatte sich in einem Kalten Krieg der Ideologien eingerichtet. Mit dem "Menschen in der Revolte" suchte Albert Camus nach Antworten auf die Frage, "die uns", so schreibt er, "im Blut und Getöse des Jahrhunderts gestellt wird":

In der Zeit der Ideologien muss man sich mit dem Mord auseinandersetzen. Wenn der Mord Vernunftgründe hat, leben unsere Zeit und wir selbst in ihrer Konsequenz. Wenn er keine hat, leben wir im Irrsinn, und es gibt keinen andern Ausweg, als daraus einen neuen Schluss zu ziehen oder sich abzuwenden.

Mord und Revolution

Albert Camus (r.) bei Empfang zur Verleihung des Nobelpreises 1957

Albert Camus bei der Verleihung des Nobelpreises 1957

Vor dem Hintergrund der unerträglichen Massenmorde seiner Zeit unternimmt Camus in "Der Mensch in der Revolte" einen kritischen Streifzug durch die Ideengeschichte der Moderne und die Geschichte der Revolutionen. Ausgangspunkt und Messlatte ist für ihn dabei eine ideale, eine solidarische Revolte: ein gewaltfreier, zivilgesellschaftlicher Widerstand, dessen Akteure sich nicht als Richter und Henker im Namen der Revolution aufspielen. In Abwandlung des berühmtes Descartes-Satzes "Ich denke also bin ich" schreibt Camus "Ich revoltiere also sind WIR" – ein "wir", das niemanden ausschließt.

Wenn Sartre hasst

Das berühmte Pariser Straßencafé "Aux Deux Magots"

Das berühmte Pariser Straßencafé "Aux Deux Magots"

Genau diese radikale Kritik aber an Anspruch und Wirklichkeit der sozialistischen Revolution kam im Pariser Intellektuellen-Milieu der 50er Jahre gar nicht gut an. Man war schließlich revolutionär in Saint-Germain-des-Près. Dass Camus sich die Halbgötter und Helden der sozialistischen Lehre vorknöpfte und mit Denkern wie Hegel oder Marx genauso hart ins Gericht ging wie mit den Weltrevolutionären Lenin und Stalin – das konnte der linken Intelligenz nicht gefallen. Die moskautreuen Meinungsführer in den Cafés, Zeitungsredaktionen und Verlagshäusern der Rive Gauche, allen voran Jean-Paul Sartre, straften Albert Camus mit einem vernichtenden Urteil: der Autor des "Menschen in der Revolte" sei philosophisch inkompetent, er verrate die Revolution und predige eine "Rot-Kreuz-Moral". Kurz: Sartre brandmarkte Camus als politisch-philosophisches Weichei und bescherte ihm damit in roten Revoluzzerkreisen auch über Paris hinaus das Image eines harmlosen "rosaroten" Denkers.

Die Geschichte spricht für Camus

Occupy

Occupy-Protestbewegung

Die vielen Camus-Leser überall auf der Welt ließen die ideologischen Dispute in Saint-Germain-des-Près allerdings kalt. Seine Bücher wurden in Dutzende Sprachen übersetzt und erreichten Millionenauflagen. Doch die Häme Sartres diskreditierte Albert Camus für lange Zeit im akademischen und intellektuellen Milieu. Jetzt jedoch wird er als Denker der Revolte neu entdeckt.
Die Geschichte hat Camus Recht gegeben. Und sein Essay "Mensch in der Revolte" fand in der Nachkriegszeit trotz aller Hindernisse den Weg zu Menschen "in Revolte". Sie prägen auch im 21. Jahrhundert die Welt: vom arabischen Frühling bis zur Occupy-Bewegung, von spanischen Indignados bis zu schwäbischen Wutbürgern. "Ich revoltiere also sind wir", das berühmte Diktum von Albert Camus scheint aktueller denn je.

Stiller Protest in Istanbul

Frau liest Camus am Taksim-Platz in Istanbul

Frau liest Camus am Taksim-Platz in Istanbul

Das Foto einer einzelnen und revoltierenden Person ging im Frühsommer dieses Jahres via Internet um die Welt: eine junge Frau steht auf dem Istanbuler Taksim-Platz, nachdenklich in ein Buch vertieft. Um sie herum stehen noch mehr Lesende – ein stiller Protest gegen die Polizeigewalt, mit der die türkische Regierung gegen Demonstranten vorgeht. "Taksim Square Book Club" nennen sich die stehenden Protestleser von Istanbul. Die junge Frau, deren Foto im Internet die Runde machte, liest ein Buch von Albert Camus: den "Mythos von Sisyphos", ein - so der Untertitel -"Essay über das Absurde". Camus erörtert darin vor allem eine fundamentale Frage: Lohnt sich ein Leben ohne Hoffnung auf Gott und ohne Hoffnung auf Vernunft?

Der glückliche Sisyphos

Albert Camus und die Revolte

Für Albert Camus war nicht nur das Leben absurd

Vorbild für den Menschen, der gegen die Absurdität seiner Situation revoltiert, ist bei Camus die Figur des Sisyphos aus der griechischen Mythologie: Sisyphos, der unermüdlich und unentwegt einen Felsblock den Berg hinauf wälzt, auch wenn der Stein immer wieder zurückrollt. Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos jedoch nach Camus als einen glücklichen Menschen vorstellen.

Der französische Rapper und Poetry-Slammer Abd Al Malik

Der französische Rapper und Poetry-Slammer Abd Al Malik

Eine stimulierende Wirkung haben Camus’ Essays und Romane über die Revolte seit einiger Zeit besonders in Nordafrika. "L’art et la révolte" – "Kunst und Revolte", so nennt der französische Rapper und Poetry-Slammer Abd Al Malik das Konzertprogramm, mit dem er seit Herbst 2012 auf Tour ist. Eigene Texte und Ausschnitte aus dem Werk von Albert Camus inszeniert er da als musikalisch-theatralisches "Revolte"-Programm mit Videoprojektionen, Tanz, Rap und Orchestermusik. Am Ende der Show liest Abd Al Malik einen Brief an Albert Camus vor – eine Art Liebeserklärung und vor allem eine Danksagung an den Autor, der ihm, so sagt er, "die Augen geöffnet" hat.

Wo sind die Intellektuellen, wenn man sie braucht

Studentenproteste in Paris

Studentenproteste in Paris

Abd Al Maliks Texte handeln von Camus’ Themen und gleichzeitig von seinen eigenen Erlebnissen. Es geht um die Sonne, die Armut, darum, was es heißt, Künstler zu sein. Es geht um Revolte, aber nicht um eine Revolte, die uns von den anderen trennt. Sondern da ist immer Solidarität.
Angesichts der verzweifelten Zerstörungswut, die bei den perspektivlosen Jugendlichen in den Vorstädten immer wieder aufflammt, wird oft das Schweigen der Intellektuellen beklagt. Was die französischen Medien-Intellektuellen, die sonst schnell zur Stelle sind, wenn es darum geht, Missstände in aller Welt anzuprangern, vermissen lassen, hat der Banlieue-Rapper Abd Al Malik bei Albert Camus gefunden: klare Worte und Handlungsoptionen in einer scheinbar ausweglosen Situation.

Für Albert Camus war nicht nur das Leben absurd. Auch sein Tod im Januar 1960 hätte nicht widersinniger sein können. Das Auto, in dem der 46-jährige Schriftsteller und Philosoph saß, fuhr auf gerader Strecke gegen den einzigen Baum weit und breit.

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