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SWR2 Wissen: Aula. Von Michael Blume

Es lohnt sich mithilfe der modernen Evolutionsbiologie zu fragen, welche Funktion die Religion im Verlauf der Menschheitsgeschichte hat, warum sie sich gerade für Gemeinschaften zu so einer starken Macht entwickeln konnte.

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
8:30 Uhr
Sender
SWR2

Religion als Kitt für die Gemeinschaft

Darwin erkannte, dass Religion neben beruhigenden Erklärungen noch etwas viel Mächtigeres zu bieten hatte: Sinn und Gemeinschaft. In gleich mehreren Varianten formulierte Darwin seine Zentralthese zur Evolution der Religion aus: Eine Gruppe, die gemeinsam daran glaubte, von höheren Wesen beobachtet und beurteilt zu werden, würde enger zusammenarbeiten und erfolgreicher sein als eine Gruppe ohne ein solches Bindemittel.

Was sagt die Hirnforschung dazu?

Die Hirnforschung zeigt, dass die Erfahrungen höherer Wesen wie Gottheiten und Engel tatsächlich in den Gehirnregionen des präfrontalen Cortex – vorne an der Stirn – erarbeitet werden, die auch im Umgang mit anderen Menschen aktiv sind. Fachdeutsch gesprochen: Religiosität baut auf unseren ganz normalen, sozialen Kognitionen auf und wird vor allem dann aktiviert, wenn wir verängstigt sind und nach Verbündeten suchen.

Und die Anthropologie?

Ebenso konnten vor kurzem Anthropologen bei den noch als Jäger und Sammlern lebenden Agta auf den Philippinen nachweisen, dass jene umherziehende Gruppen

mit mehr und besseren Mythenerzählerinnen – Frauen und Männern – tatsächlich besser zusammenarbeiteten und durchschnittlich mehr Kinder aufzogen als jene mit weniger Mythenpower. Die Religion selbst ist also evolutionär erfolgreich.

Religion kann gefährlich werden

Dieser evolutionswissenschaftliche Blick auf die kulturellen Varianten von Religiosität hilft uns damit auch zu verstehen, warum Religionen nicht nur erfolgreich sind, sondern auch gefährlich sein können: Das Erzeugen einer starken Gemeinschaft der Gläubigen nach innen kann sehr leicht in eine Verachtung von Anders- und Nichtglaubenden umschlagen. Auf Basis religiöser Vergemeinschaftung lassen sich eben nicht nur Familien, Schulen und Krankenhäuser organisieren, sondern auch Gewaltbereitschaft und Intoleranz, nicht zufällig häufig gegen Homosexuelle, das Recht auf Abtreibung und generell die Gleichberechtigung von Frauen.

Der Religionswissenschaftler Dr. Michael Blume hat in Tübingen zur damals so genannten „Neurotheologie“, zu Aussagen von Hirnforschern über Religion, promoviert. Gemeinsam mit dem Biologen Rüdiger Vaas veröffentlichte er 2009 bei Hirzel "Gott, Gene und Gehirn. Warum Glaube nützt. Die Evolution der Religiosität". Als erster Deutscher wurde er in das internationale Forschernetzwerk der "Evolutionary Religious Studies" berufen. 2013 erschien von ihm "Evolution und Gottesfrage. Charles Darwin als Theologe bei Herder und im letzten Jahr erreichte er mit "Islam in der Krise" die SPIEGEL-Bestsellerliste – und gestaltete auch eine Aula-Sendung dazu.

Dr. Blume stammt selbst aus einer nichtreligiösen Familie, die dem damaligen DDR-Regime nach versuchter Flucht und Haft entkam. Er wurde später evangelischer Christ, ist mit einer Muslimin verheiratet und Vater von drei Kindern. Blume hat das Sonderkontingent des Landes Baden-Württemberg im Irak geleitet, mit dem 1.100 jesidische und christliche Frauen und Kinder aus den Händen des sogenannten „Islamischen Staates“ nach Deutschland gelangen konnten. Im März 2018 ernannte die Landesregierung von Baden-Württemberg den Religionswissenschaftler zu ihrem Beauftragten gegen Antisemitismus.

Bücher (Auswahl):
- Islam in der Krise. Eine Weltreligion zwischen Radikalisierung und stillem Rückzug. Patmos 2017
- Evolution und Gottesfrage. Charles Darwin als Theologe. Herder 2013
- Gott, Gene und Gehirn. Warum Glaube nützt. Zur Evolution der Religiosität. Hirzel 2012

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