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Organisationen für Entwicklungshilfe, wie Oxfam oder Save the Children, lassen sich von umstrittenen Unternehmen der Nahrungsmittel-, Pharma- und Finanzindustrie finanzieren.

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Seit einigen Jahren schließen immer mehr hochangesehene Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit Partnerschaften mit multinationalen Konzernen: Ölkonzerne wie Exxon Mobil und Chevron, Pharma-Riesen wie GSK und Pfizer, Nahrungsmittelkonzerne wie Unilever, Mondelez, Kelloggs, Coca-Cola und Pepsico – sie alle oder von ihnen gegründete Stiftungen kooperieren heute mit großen internationalen NGOs wie "World Vision", "Care International", Oxfam und "Save the Children".

Die meisten dieser Organisationen haben recht allgemein gefasste Richtlinien dafür, mit welchen Unternehmen sie kooperieren: Diese sollen die Werte der NGO teilen; sie sollen deren Unabhängigkeit respektieren; die Zusammenarbeit soll transparent und klar gestaltet sein.

Interessenkonflikte bei Kinderhilfswerk

Wenn es um mittelständische Unternehmen geht, ist die Zusammenarbeit meist unproblematisch. Die Anliegen regionaler Buchhandelsketten, Druckereien, Volksbanken oder Kartonfabriken stehen selten im Widerspruch zu den Anliegen von Hilfsorganisationen.

Die Zusammenarbeit von NGOs mit Unternehmen kann jedoch auch Interessenkonflikte heraufbeschwören; sie kann die Rolle der Organisationen als "watchdogs", als kritische Wachhunde der Öffentlichkeit, beeinträchtigen; sie kann Glaubwürdigkeit, Arbeitsweise und Struktur der Organisationen beeinflussen. Ein Beispiel: das in Großbritannien gegründete und auch in Deutschland aktive Kinderhilfswerk "Save the Children".

Schnorchelurlaub für Ärzte

Washington D. C., am 2. Juli 2012. James Cole, Sprecher des amerikanischen Justizministeriums, verkündet eine der höchsten Strafen für ein Unternehmen in der US-Geschichte: drei Milliarden Dollar.

Der britische Pharma-Konzern Glaxo-Smith-Kline, kurz GSK, hat sich schuldig bekannt, hunderte Ärzte mit kostenlosem Schnorchelurlaub auf Hawaii und Tickets für Madonna-Konzerte bestochen zu haben. Die Ärzte sollten Kindern das Antidepressivum Paxil verschreiben, das nicht für Kinder zugelassen war. Experten bringen etliche Selbstmorde Minderjähriger mit dem Medikament in Verbindung.

Einige Monate später: ein Dorf in der Steppe des ostafrikanischen Kenia: Der britische Fernsehsender ITV zeigt zwei Herren mit offenen Hemdkragen, die mit armen Bäuerinnen diskutieren. Der eine ist Sir Andrew Witty, Vorstandsvorsitzender von Glaxo-Smith-Kline seit 2008. Der andere Herr ist Frederick Forsyth, Chef der renommierten Kinderhilfsorganisation "Save the Children" in Großbritannien.

Nicht zu einem Interview bereit

"Save the Children" hat soeben eine 20 Millionen Euro-Partnerschaft mit Glaxo-Smith-Kline abgeschlossen. "Die Kinderhilfsorganisation war zu einem Interview darüber nicht bereit. Den Zweck der Partnerschaft mit GSK beschreibt "Save the Children" in einer schriftlichen Stellungnahme wie folgt:

"Diese Partnerschaft kombiniert GSK’s Kompetenz und Ressourcen in vielen seiner Geschäftsbereiche mit der Kompetenz von "Save the Children" und unserer Vor-Ort-erfahrung bei der Sorge für Kinder sehr verletzlicher und marginalisierter Gemeinwesen. Zusammen wollen wir für Kinder geeignete Medikamente entwickeln, Gesundheitsarbeiter ausbilden und Gesundheitssysteme stärken; wir wollen den Zugang zu Medikamenten und Impfstoffen verbessern und auf humanitäre Notfälle gemeinsam reagieren."

"Save the Children", mit Hauptquartier in Großbritannien, ist die wohl finanzstärkste Hilfsorganisation der Welt – mit Jahreseinnahmen aus Spenden, staatlichen Zuwendungen und Kapitalerträgen von mehr als zwei Milliarden Dollar. Die Organisation hat sich große Verdienste erworben im Einsatz für Kinderrechte, bessere Ernährung, Gesundheitsfürsorge und Bildung für Kinder.

Klare Verletzung der WHO-Richtlinien

"Save the Children" hat auch, gemeinsam mit dem UN-Kinderhilfswerk UNICEF, die so genannten "Children’s Rights and Business Principles" entwickelt. Danach sollen Unternehmen mit ihren Produkten und ihrer Werbung nicht die Gesundheit von Kindern gefährden. Wie rechtfertigt "Save the Children", dass es trotzdem mit dem Konzern Glaxo-Smith-Kline zusammenarbeitet?

"Save the Children" kooperiert auch mit multinationalen Nahrungsmittelkonzernen – darunter Mondelez und Pepsico. Diese Unternehmen verstoßen jedoch gegen von "Save the Children" unterstützte Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation WHO.

Danach sollen Unternehmen keine Werbung, die auf Kinder zielt, schalten, wenn die beworbenen Nahrungsmittel viel gesättigte Fette, gefährliche Transfettsäuren, Zucker und Salz enthalten; wenn sie also gesundheitsschädlich sind. Die Partnerkonzerne von "Save the Children" verletzen die WHO-Richtlinien in vielen Ländern weltweit; zum Beispiel, in Indien.

Junkfood (Foto: SWR, SWR - Thomas Kruchem)
Auch in den Dörfern Indiens geben inzwischen viele Kinder ihr Taschengeld für verpacktes Junkfood aus SWR - Thomas Kruchem

Interessenskonflikt wird geleugnet

Das zeigt ein Blick auf die Fernsehwerbung dort. Das US-Unternehmen Mondelez animiert indische Familien und vor allem kleine Kinder, viel Cadbury-Schokolade zu konsumieren. Der amerikanische Hersteller Pepsico suggeriert indischen Schulkindern im Alter von zehn bis zwölf Jahren, salzige Snacks seiner Marke Lay’s und Pepsi-Cola gehörten zu einem coolen Lifestyle.

Trotzdem finanziert "Save the Children" mit Geld von Mondelez und Pepsico Gesundheitsprojekte für Kinder in armen Ländern. Die Kinderhilfsorganisation hilft so den Konzernen, ihr Image zu verbessern und Kindern in armen Ländern noch mehr ungesunde Produkte zu verkaufen. "Save the Children" sieht hier jedoch keinen Interessenskonflikt.

Die Kooperation mit multinationalen Konzernen habe NGOs wie "Save the Children" tiefgreifend verändert, meint die kanadische Ökonomin Genevieve Lebaron, die ein Buch darüber geschrieben hat. Sie erklärt, diese Organisationen verstehen sich heute in hohem Maße als kommerzielle Unternehmen – und nicht mehr radikale, demokratisch strukturierte Organisationen.

Verladen von Hilfsgütern für Rumänien (Foto: SWR, SWR -)
SWR -

Kritiklose Hilfe?

"Save the Children" hat heute weltweit 14.000 fest angestellte Mitarbeiter; Und während Praktikanten und Freiwillige oft kostenlos arbeiten, verdient die Chefin, die ehemalige dänische Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt, 306.000 Euro jährlich.

Unternehmerisches Denken bei "Save the Children" zeigt sich nicht zuletzt darin, dass die Organisation kaum je ein Unternehmen kritisiert, mit dem sie zusammenarbeitet. Ganz im Gegenteil: Es gibt Hinweise, dass "Save the Children" Kritik an wichtigen Geldgebern intern unterdrückt. So schrieb Dominic Nutt, früher Pressesprecher von "Save the Children Großbritannien", am 10. Dezember 2013 in der britischen Zeitung "The Independent":

"Als seinerzeit das Unternehmen "British Gas" seine Preise erhöhte, baten uns Kollegen von der Politik-Abteilung, dies in einer Pressemitteilung zu verurteilen. Wir sollten betonen, dass arme Familien vor die Wahl gestellt würden, entweder zu heizen oder ihre Kinder zu ernähren. Ich schrieb die Pressemitteilung und bekam sie von der zuständigen Abteilung abgesegnet. Dann aber wurde sie gestoppt; und als Begründung sagte man mir, man wolle das Unternehmen, das ein wichtiger Spender war, nicht verärgern."

"Save the Children" bestritt die Aussagen seines früheren Pressesprechers entschieden. Dominic Nutt zog sie jedoch nie öffentlich zurück; und heute ist "Save the Children" ein wichtiger Kunde der "public relations"-Firma "Thames Reputation Management Limited", die Dominic Nutt leitet.

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