Der Sinn des Alterns

Plädoyer gegen den Fitnesswahn

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SWR2 Wissen: Aula. Von Giovanni Maio

"Älter werden – kein Problem. Nachzulassen kommt für mich nicht in Frage!", so ein Werbeslogan der Anti-Aging-Industrie. Ist denn nur ein fittes Altsein ein gutes Altsein? Jedenfalls zeigt dieser Slogan, in welcher Einstellung zum Alter wir leben: am besten abschaffen. Und das ist ein Irrweg, der unglücklich macht!

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Flucht vor den Realitäten des Alterns

Je mehr die Medizin das Alter als etwas zu Bekämpfendes bezeichnet, desto schwerer wird das Alter. Die Botschaften der Anti-Aging-Industrie verstetigen die Abhängigkeit von den Produkten der Gesundheitsindustrie und sie verschließen den Menschen vor der Einsicht, dass das Nachlassen zum Leben, zu einem runden Leben dazugehört. (Giovanni Maio)

Altern und Alter positiv betrachtet

Durch die Abnahme der Aktivitätsmomente im Alter und durch die Vergegenwärtigung der Bedingtheit allen Seins und allen Könnens erhält der Mensch die Chance, das Wichtige vom Unwichtigen, das wirklich Tragende vom vermeintlich Tragenden zu unterscheiden.

Insofern könnte man das Alter als eine Phase betrachten, n der man zu besonderen Einsichten gelangt, weil man in gewisser Weise "unbestechlich" geworden ist. Das Alter als Lebensphase des Umgangs mit Begrenzungen und Verlusten kann auf diese Weise eine stete Rückerinnerung für eine Gesellschaft sein, die der Erinnerung bedarf, dass der Mensch nur dann gut leben kann, wenn er lernt, mit seiner Angewiesenheit gut umzugehen. (Giovanni Maio)

Giovanni Maio ist Lehrstuhlinhaber für Medizinethik an der Universität Freiburg, wo er das Institut für Ethik und Geschichte der Medizin leitet. Er ist sowohl Philosoph als auch Arzt, er fünf Jahre lange Innere Medizin praktiziert, bevor er ganz in die Theorie ging und sich für Ethik in der Medizin habilitierte. Sein Hauptaugenmerk gilt den philosophischen und theologischen Grundlagen der Medizinethik, aus denen heraus sich eine anthropologisch orientierte Bioethik entfalten lässt, die den Grundfragen des Menschseins neuen Raum gibt. 

Auswahl seiner Publikationen:
- Mittelpunkt Mensch – Ethik in der Medizin. Schattauer, 2. Auflage 2017.
- Altwerden ohne alt zu sein? Ethische Grenzen der Anti-Aging-Medizin. Alber 2010.

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