Gespräch während einer Therapiesitzung: Eine verzweifelte Frau sitzt ihrem Therapeuten gegenüber. (Foto: Getty Images, Thinkstock -)

Unterstützung für Sozialberufe

Hilfe für Helfer

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SWR2 Wissen. Von Ingrid Strobl. Online: Ulrike Barwanietz & Ralf Kölbel

SWR2 Wissen. Von Ingrid Strobl

Unsere Gesellschaft funktioniert, weil es fachlich gut ausgebildete und hochmotivierte Menschen gibt, die anderen Menschen professionell helfen. Doch auch Helfer brauchen Hilfe, um ihre Erfahrungen zu verarbeiten.

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Eine Mitarbeiterin des Jugendamts holt ein halbtotes Kind aus der Familie, ein Sozialarbeiter erfährt, dass sich einer seiner Klienten umgebracht hat und eine Traumaberaterin kann selbst nicht mehr schlafen. Die Arbeit, die Menschen in Sozialberufen leisten, kann man oft nicht einfach wegstecken.

Eine geschätzte und erfolgreiche Art der Hilfe für Helfer ist in solchen Fällen die Supervision. Das ist eine Form der Beratung, die darauf zielt, einen neuen, frischen Blick auf eine belastende Situation zu gewinnen. Wozu eben auch gehört: den nötigen Abstand einzunehmen.

Frage der Wahrnehmung

Konkret kann eine Situation zum Beispiel so aussehen: Ein Arbeitsteam hat sich eine Supervisorin ausgesucht. Nun sitzen alle Beteiligten im Kreis, und die Mitglieder des Teams berichten, über welche Probleme, Erfahrungen, Situationen sie sprechen, was sie klären, besser verstehen und anders angehen möchten.

Ärzte verschiedener Fachrichtungen besprechen die beste Therapie für jeden einzelnen Patienten. (Foto: SWR, Universitätsklinikum Ulm -)
Der Begriff Supervision ist gesetzlich nicht geschützt Universitätsklinikum Ulm -

Die Supervisorin fragt nach, und hilft ihnen, Situationen, Klienten, das eigene Verhalten und das der Teamkollegen aus einer vorgegebenen Distanz anzuschauen, kreativ damit umzugehen und so Lösungen zu finden, auf die sie von alleine oder auch im Team nicht gekommen wären.

Professionelle Methoden

Supervision ist eine Form von Beratung, die vor allem auf den theoretischen Vorgaben und den Erkenntnissen der klassischen psychotherapeutischen Schulen beruht - von der Psychoanalyse bis zur systemischen Therapie. Darauf aufbauend wurden Methoden entwickelt, die Einzelnen, Teams oder Organisationen dabei helfen sollen, Lösungen für Probleme zu finden, die im Zusammenhang mit ihrer Arbeit stehen.

Da der Begriff Supervision gesetzlich nicht geschützt ist, haben sich viele adäquat ausgebildete und praxiserfahrene Supervisorinnen und Supervisoren in der Deutschen Gesellschaft für Supervision und Coaching organisiert. Sie überwacht die Seriosität und Qualifikation ihrer Mitglieder und definiert die Ausbildungs- und Anerkennungskriterien. Und trug so dazu bei, dass Supervision eine anerkannte Form der Beratung ist.

Streikende aus Erziehungs- und Sozialberufen auf dem Ulmer Münsterplatz (Foto: SWR, SWR - Timo Staudacher)
Streikende aus Erziehungs- und Sozialberufen auf dem Ulmer Münsterplatz SWR - Timo Staudacher

Zu den Klienten eines Supervisors, einer Supervisorin gehören nicht nur Mitarbeiter eines Betriebs oder einer Institution. Sondern auch Manager und Chefs. Doch die Leiter von sozialen Einrichtungen nehmen diese Form der Unterstützung eher selten in Anspruch.

Angst vor den Geschichten

Brigitte Büchler-Schäfer hat in ihrer langjährigen Praxis als Supervisorin auch zum Thema Furcht gearbeitet. Mit Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern, die von Klienten bedroht oder auch nur beschimpft worden waren. Oder mit Helfern, die Angst vor den Geschichten hatten, die ihnen erzählt werden. Angst vor der Angst und Verzweiflung oder auch der stummen Ergebenheit in den Augen eines Klienten. Büchler-Schäfer macht mit ihnen dann Übungen, die ihnen helfen sollen, Abstand zu gewinnen.

Andere Professionelle im sozialen Bereich nehmen Supervision in Anspruch, um mit ihren Wutgefühlen umgehen zu können. In der Supervision können viele Aspekte der Arbeitssituation bearbeitet und verbessert werden, und sie gibt im Idealfall auch wichtige Anregungen zur Psychohygiene. Sie ersetzt aber nicht die tägliche und ganz praktische Selbstfürsorge. Zur Frage, wer hilft den Helfern gehört immer auch die Frage: Was hilft den Helfern?

Eine Krankenschwester hält die Hand einer älteren Frau (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Der Umgang mit Leid und Tod muss von den Helfenden erst mal verarbeitet werden. Dafür brauchen sie mitunter Unterstützung. Thinkstock -

Ressourcen wieder aufladen

Irmgard Kopetzky und ihre Kolleginnen arbeiten, neben ihrem eigentlichen Beruf, ehrenamtlich im Notruf für vergewaltigte Frauen. Zu ihnen kommen Frauen, die oft auch mehrfach oder auf besonders perfide Art vergewaltigt wurden. Frauen, die sich schämen, Frauen, die die Schuld für das, was ihnen angetan wurde, bei sich suchen. Ihre Geschichten zu hören und zu sehen, wie sehr die Frauen darunter leiden, nimmt auch die Helferinnen mit.

Umso wichtiger, betont die Sozialpädagogin und Traumaberaterin Irmgard Kopetzky, ist es, die eigenen Ressourcen immer wieder aufzuladen. Und manchmal, haben die Notruf-Frauen herausgefunden, ist es am hilfreichsten, gemeinsam etwas zu unternehmen, das mit der Arbeit gar nichts zu tun hat.

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