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'Selbstwirksamkeit' beschreibt in der Psychologie die subjektive Gewissheit, neue oder schwierige Anforderungen souverän bewältigen zu können. Doch wie gut hilft dieses Konzept?

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Mitte der 1970er-Jahre definierte der kanadische Psychologe Albert Bandura eine psychische Fähigkeit, die er Selbstwirksamkeit nannte: Die subjektive Gewissheit, neue oder schwierige Anforderungen souverän bewältigen zu können. Diese Fähigkeit beruht auf bereits durchlebten Erfahrungen, und jede gemeisterte Anforderung verstärkt sie erneut. Heute üben Sozialpädagogen Selbstwirksamkeit mit Jugendlichen ein und Psychotherapeuten leiten Patienten dazu an. Sie soll bei Depressionen, Ängsten und Magersucht ebenso helfen wie bei der Schmerzbewältigung. Kritische Stimmen jedoch warnen vor einer neuen "Zauberformel zur Selbstoptimierung". Wird das Konzept der Selbstwirksamkeit überschätzt - oder kann es die Seele wirklich stärken?

Selbstwirksamkeit in der Psychotherapie

Das Konzept der Selbstwirksamkeit wird heute bei der Behandlung verschiedenster psychischer Krankheiten eingesetzt. Oft wird es mit Verhaltenstherapien und Lerntheorien verbunden. Thomas Haag, Arzt für Psychosomatik und Psychotherapeut, leitet die Abteilung für psychosomatische Medizin des Gemeinschaftskrankenhauses Herdecke. Er arbeitet auch mit dem Konzept der Selbstwirksamkeit und beschreibt dieses folgendermaßen:

Psychologe im Patientengespräch (Foto: Colourbox, Foto: Colourbox.de -)
Das Konzept der Selbstwirksamkeit spielt in verschiedenen Therapieformen eine große Rolle. Foto: Colourbox.de -

Wie entsteht Selbstwirksamkeit beim Einzelnen?

Wer eine hohe 'Selbstwirksamkeits-Erwartung' hat - oder einfacher gesagt: an sich glaubt – , der geht auch an schwierige Situationen beherzt heran. Gelingt es ihm dann, sie erfolgreich zu bewältigen, stärkt das wiederum das Gefühl der Selbstwirksamkeit. Doch woher kommt dieser Glaube an sich selbst? Im Prinzip ist die Selbstwirksamkeit in jedem Menschen angelegt, wie Jörg Baur, systemischer Psychologe von der Katholischen Hochschule Aachen, erklärt:

Selbstwirksamkeit in der Praxis - die "Lobby für Mädchen" in Köln

Mädchen, die aufgrund ihrer familiären Situation in der Kindheit nicht ausreichend Selbstwirksamkeit entwickeln konnten, landen vielleicht Jahre später in der "Lobby für Mädchen" in Köln. Die gemeinnützige Einrichtung bietet Mädchen und jungen Frauen Unterstützung an, vom Beratungsgespräch bis zum Nachhilfeunterricht. Die Besucherinnen der Einrichtung haben Entwicklungsstörungen oder familiäre Probleme und vor allem können sie die eigenen Kompetenzen nicht richtig einschätzen.

Viele der Mädchen flüchten sich oft in eine defensive Haltung, werden passiv, trauen sich nichts mehr zu. Die Sozialpädagogin und Psychotherapeutin Daniela de Vita versucht dann, ihre Selbstwirksamkeit zu stärken. Indem sie ihnen zum Beispiel vorschlägt, trotz aller schlechten Erfahrungen wieder aktiv zu werden, kleine Sachen selber in die Hand zu nehmen - dabei kann es sich zum Beispiel um einen Anruf bei einem Amt handeln.

Die Grundlagen der Selbstwirksamkeit

Doch woher stammt eigentlich der Begriff der Selbstwirksamkeit? Geprägt hat den Begriff Selbstwirksamkeit - 'self-efficacy' - Ende der 1970er Jahre der kanadisch-amerikanische Psychologe Albert Bandura. Er nennt vier Grundlagen der Selbstwirksamkeit:

  1. Die eigene direkte Erfahrung, etwas erreicht zu haben
  2. Die Beobachtung entsprechender Erfahrungen bei anderen Personen, die einem selbst möglichst ähnlich sein sollten
  3. Die Ermutigung durch andere im Sinne von "ich weiß, dass du das kannst!"
  4. Die positive Interpretation körperlicher Vorgänge, die auf eine emotionale Erregung hinweisen; Schwitzen etwa, oder ein beschleunigter Herzschlag

Auch ein Killer kann Selbstwirksamkeit besitzen

Wichtig im Zusammenhang mit dem Konzept der Selbstwirksamkeit ist vor allem auch Folgendes: Selbstwirksamkeit ist keine moralische Kategorie. Sie ist wertneutral. Auch ein professioneller Killer zum Beispiel bringt alle vier Grundvoraussetzungen mit. Der systemische Therapeut Jörg Baur hat keine Killer als Klienten. Er weiß aber aus seiner Arbeit mit Jugendlichen: Selbstwirksamkeit kann man auch durch negatives Verhalten, wie zum Beispiel über Gewalt, erfahren.

In der therapeutischen Arbeit versucht Jörg Baur einen Zugang zur Denkweise des Jugendlichen zu bekommen und dessen persönlichen Hintergrund zu erfassen. Im Gespräch würde der Therapeut dann fragen, in welchen anderen Bereichen sich der Jugendliche noch als selbstwirksam erlebt – so sollen positive Gegenwelten aufgebaut werden und der Jugendliche kann sich in einer sozial verträglichen, nicht gewalttätigen Weise selbstwirksam erleben.

mehrere Teilnehmer einer Gruppentherapie (Foto: Colourbox, Foto: Colourbox.de -)
Selbstwirksamkeit - das bedeutet, dass man in der Lage ist, schwierige Situationen kompetent zu meistern und daraus zu lernen. Foto: Colourbox.de -

Selbstwirksamkeit im Crashkurs - kann das funktionieren?

Doch das Thema Selbstwirksamkeit erobert mittlerweile auch Bereiche jenseits der klassischen Psychotherapie. Es gibt Selbstwirksamkeits-Kurse für Führungskräfte, für Studierende, für Frauen... Das mag inspirierend sein. Ein Weg zur Heilung seelischer Leiden ist es aber eher nicht, meint der Psychoanalytiker und Psychotherapeut Werner Dinkelbach:

Frau bei der Arbeit stützt Kopf auf Hände, sieht gestresst aus (Foto: Colourbox, Foto: Colourbox.de -)
Selbstwirksamkeit sollte jedoch nicht so verstanden werden, dass ständig hohe Leistungen erbracht werden müssen. Foto: Colourbox.de -

Nach der Therapie - eine andere Sichtweise auf die Selbstwirksamkeit

Martin S. ist Ingenieur, Ende 40, erfolgreich im Beruf. An Selbstwirksamkeit hat es ihm nie gemangelt. Aber dann kamen die Kopfschmerzen, die Rückenschmerzen, das immer stärker werdende Gefühl: Ich kann nicht mehr! Im Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke stellte er sich zum ersten Mal die Frage, warum er so auf Höchstleistung fixiert war.

Menschen wie Martin S. brechen gerade aufgrund ihrer hohen Selbstwirksamkeit zusammen. Sofern man unter Selbstwirksamkeit versteht, dass ein Mensch ständig Leistung erbringt und noch die überzogensten Ansprüche erfüllt. Am Ende der Therapie hat Martin S. vieles gelernt, was er in seinen Arbeitsalltag mitnehmen will, Selbstwirksamkeit sieht für ihn jetzt anders aus:

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