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SWR2 Wissen. Von Beate Krol

Fast jede dritte Ehe wird geschieden. Schätzungen gehen davon aus, dass 40 Prozent der Trennungen mit einer Paartherapie verhindert werden könnten. Doch welche Therapie ist die richtige?

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Sich anschreien, sich anschweigen, nicht mehr miteinander schlafen - auch die größte Liebe kann in eine Krise kommen. Manchmal gelingt es Paaren, den Konflikt selbst zu lösen. Häufig jedoch endet jeder Klärungsversuch im nächsten Streit. In solchen vermeintlich ausweglosen Momenten kann eine Paartherapie hilfreich sein. Doch welche? Für Laien ist das Angebot meist nur schwer zu durchschauen.
Viele beschäftigt auch die Frage, was man tun kann, wenn der Partner eine Paartherapie ablehnt. Und dann gibt es noch die Angst, dass sich die Konflikte in der Therapie verschärfen - und statt eines Happyends die Trennung droht.

Konflikte hinterlassen Spuren

Kurt Hahlweg, Psychologe und Professor für Psychotherapie an der Technischen Universität Braunschweig, hat in einer Studie nachgewiesen, dass Konflikte nicht nur seelische sondern auch körperliche Spuren hinterlassen:

Wenn ich gestresst werde, dann wird Adrenalin ausgeschüttet, und normalerweise, etwa 20 Minuten später, wird Cortisol ausgeschüttet. Das hat die Aufgabe, die Erregung wieder runter zu regeln. Jetzt haben wir Paare gebeten, vor einer Kamera über ein Problem zu sprechen und haben vor diesem Gespräch und danach Cortisol gemessen. Und die Ergebnisse haben uns ziemlich verblüfft.

Die Psychologen hatten angenommen, dass Paare, die über einen Konflikt sprechen und sich dabei aufregen auch zuerst Adrenalin und später Cortisol ausschütten. Doch bei den untersuchten Paaren ging stattdessen das beruhigende Cortisol runter. Das Runterregulieren nach etwa 20 Minuten funktioniert bei ihnen offenbar nicht mehr. Die zerstrittenen Paare sind in gewisser Weise chronisch erregt. Das führt dazu, dass das immunologische System beeinträchtigt wird.

Der erste Schritt fällt vielen schwer

Die Arbeit eines Paartherapeuten besteht darin, Paaren aus einer solchen Krise wieder heraus zu helfen. Offenbar gelingt ihnen das ganz gut. Schätzungen gehen davon aus, dass vierzig Prozent der Trennungen mit einer Paartherapie verhindert werden könnten. Allerdings scheuen viele Paare vor einem solchen Schritt nach wie vor zurück, nicht zuletzt, weil die Paartherapie auch keine Kassenleistung ist.

Wieder zuhören lernen

Natürlich löst ein Besuch beim Paartherapeuten diesen Zwiespalt nicht sofort auf. Ziel ist vielmehr dafür zu sorgen, dass die Paare wieder miteinander ins Gespräch kommen. Das ist oft schwer, denn die Konflikte hinterlassen Spuren - seelische, aber auch körperliche.

Möglicherweise erklärt das aus dem Lot geratene Stresssystem, warum die Reizschwelle bei zerstrittenen Paaren so niedrig liegt und sie bereits bei Kleinigkeiten in die Luft gehen, was – logischerweise – wiederum negative Folgen hat.

Eine besteht darin, dass es den Partnern nicht mehr gelingt, sich gegenseitig zuzuhören. Dadurch verfestigt sich die negative Wahrnehmung, die sie meist voneinander haben, immer mehr.

Paarmythen überall

Dazu kommen die sogenannten Paarmythen. Die beiden häufigsten lauten:

Auf diese Weise manövrieren sich viele Paare in einen Zustand, der irgendwann unerträglich wird. Für Paartherapeuten sind Momente wie diese harte Arbeit. Sie müssen nicht nur jedes Wort haargenau mitbekommen, sondern gleichzeitig auf Stimme und Körperhaltung der beiden Partner achten.

Wie guckt der andere, wenn er das hört? Ist er offen oder macht er dicht? Hat er das Gesagte verstanden - oder sollte er es besser wiederholen? Aber auch: hat der Partner das gesagt, was er wirklich meint?

  • Diagnostik: Der Therapeut muss zuerst mitkriegen, worum es überhaupt geht. Dazu benutzt er Hilfsmittel, zum Beispiel Fragebögen oder er macht Interviews.
  • Wird deutlich welche Ansätze der Therapeut hat? Sieht er Ursprünge der Schwierigkeiten an denen er ansetzen kann, z.B. in der eigenen Familie oder in der Zukunftsplanung?
  • Wird Wert darauf gelegt, dass Ihnen hier etwas vermittelt wird, was Ihnen später helfen wird, mit Konflikten, die immer wieder kommen werden, fertig zu werden? Ist es also wie Hilfe zur Selbsthilfe?

Therapeutische Richtungen

  • Die kognitive Verhaltens- und Gesprächstherapie für Paare Verhaltenstherapeuten suchen nach Verhaltensmustern, die man z.B. durch Übungen ändern kann. Auch Denkmuster spielen eine große Rolle.
  • Die psychoanalytische Paartherapie Psychoanalytiker beschäftigen sich eher mit unbewussten Themen, die sich zwischen Paaren ereignen.
  • Die systemische Paartherapie Systemiker sehen sich an, was zwischen den beiden Partnern passiert und beobachten: Was verändert sich, wenn man die Sichtweise verändert?

Viele Psychotherapeuten und Paarberater mischen diese Techniken, sie integrieren Dinge aus allen Richtungen.

Was hast Du gesagt?

Manche Paartherapeuten bitten die Paare ihre Beziehung als Skulptur darzustellen, oder sie fassen ihre Eindrücke in Metaphern oder Geschichten, um Muster zu verdeutlichen.

Kurt Hahlweg, der zu den Wegbereitern der sogenannten kognitiven Gesprächs- und Verhaltenstherapie für Paare gehört, stellt der Therapie ein Kommunikationstraining voran, bei dem die Partner an ausgedachten Streitfällen üben.

Das klingt ein wenig nach Schule. Doch der Psychologe schwört darauf. Vor allem auf die Übung, in dem der eine Partner das Gesagte des anderen zusammenfasst. Das ist nämlich keineswegs so einfach, wie es sich anhört.

Eine Frau und ein Mann zerren jeweils an dem Arm einen kleinen Mädchens, welches in der Mitte von beiden steht. (Foto: Colourbox, Model Foto: Colourbox.de -)
Gerade im Zusammenhang mit Kindern haben viele Paar Streit. Model Foto: Colourbox.de -

Nicht ohne Schmerzen

Tatsächlich schieben viele Partner viele Tatsachen weit von sich: „Der andere ist schuld!“ Das gilt besonders dann, wenn es große Verletzungen gegeben hat. Zum Beispiel, weil einer der Partner fremdgegangen ist.

Das kommt zwar längst nicht so oft vor, wie Frauenmagazine und Boulevardblätter suggerieren. Aber es passiert. Ohne Schmerzen verläuft so ein Prozess selten. Und auch Rückschläge sind – wie in jeder Therapie – normal.

Umgekehrt prüfen auch die Therapeuten, ob die Chemie stimmt. Damit eine Therapie Erfolg haben kann, müssen Paartherapeuten die Belange beider Partner vertreten können, also doppelparteilich sein. Besteht gegen einen der Partner eine Abneigung, funktioniert das nicht.

Keine Vorhersage möglich

Hingegen spielt die Frage nach den Erfolgsaussichten keine Rolle für die Entscheidung, ob man die Ratsuchenden annimmt. Auch weil sich nicht vorhersagen lässt, ob ein Paar zusammen bleiben oder sich trennen wird.

Damit Paare diesen nervenaufreibenden Prozess durchstehen, regen manche Therapeuten an, dass sie zu Beginn einen Vertrag aufsetzen, in dem sie sich auch dann zum Mitmachen verpflichten, wenn sie gerade in einer pessimistischen Phase stecken. Das geht allerdings nur, wenn gleichzeitig eine Zeitbeschränkung festgelegt wird.

Als Richtwert für eine Paartherapie gelten 10 bis 15 Sitzungen im Abstand von meist vier bis sechs Wochen. Viel ist das nicht – und deshalb müssen die Paare auch zuhause an ihrer Beziehung arbeiten. Zum Beispiel, indem sie sich zum Gespräch verabreden.

Hausaufgaben fürs Haus

Die Hausaufgaben dienen gleich mehreren Zielen. Zum einen bleibt das Paar zwischen den Therapieterminen im Kontakt. Zum anderen ergeben sich in den Gesprächen oft Themen für die nächste Sitzung. Außerdem ermöglichen die Hausaufgaben den Paaren, mit ihrem Zuhause wieder schöne Erlebnisse zu verbinden.

In guten Zeiten wie in schlechten Zeiten - und zwischendurch mal eine Paartherapie? Warum nicht. Es kann immer wieder mal passieren, dass Paare in eine Krise kommen: beim Zusammenziehen, bei der Kinderfrage, bei der Familiengründung, bei der Berufsplanung, beim Älterwerden, am Ende der Familienphase, beim Ausscheiden aus dem Beruf, bei Krankheiten.

Im Idealfall wird die Beziehung sogar besser als zuvor.

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