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SWR2 Wissen: Aula. Von Manfred Lütz

Die Geschichte der christlichen Religion wird oftmals nur als Skandalgeschichte erzählt, geprägt von Machtgier, Mord und Hexenverfolgung. Der Theologe, Psychiater und Buchautor Manfred Lütz will diese Einseitigkeit korrigieren: Er präsentiert eine Geschichte ohne Skandale.

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
8:30 Uhr
Sender
SWR2

Entlarvung von Fake News über das Christentum

Ich empfinde es als einen Skandal, dass man die Christentum-Geschichte nur als Skandalgeschichte liest. Und deshalb ist das Christentum die unbekannteste Religion der Welt. Nicht deswegen, weil man zu wenig Informationen hat, sondern weil es die ganzen Fake News über das Christentum gibt. Es geht mir also letztlich um eine Entmythologisierung mancher atheistischer Mythen, die man einfach durch Wissenschaft aufklären muss. (Manfred Lütz)

Die Zähmung der Barbaren

In den ersten tausend Jahren des Christentums gab es keine Ketzertötungen, es gab keine Kreuzzüge, keine Judenverfolgung, keine Inquisition, keine Hexenverbrennung. In diesem ersten Jahrtausend hat das Christentum es geschafft, die Germanen zu zähmen, die furchtbar gewalttätig waren, wo schon Kinder ihre Spielkameraden töteten und dafür von ihren Eltern gelobt wurden. (Manfred Lütz)

Der Monotheismus führte eben nicht zu mehr Gewalt!

Dadurch, dass die Menschen nur an einen Gott glaubten, der alle Menschen und alle Völker „geschaffen“ hatte, konnte man Menschen anderer Völker nicht mehr einfach töten, wie das früher in den Stammesreligionen der Fall war. Bei den Stammesreligionen war es so, dass Menschen anderer Stämme gar nicht mit dem Wort „Mensch“ benannt wurden. Die konnte man einfach töten. Aber dadurch dass man nur an einen Gott glaubte, musste man es ertragen, dass alle Menschen, auch die anderer Stämme, von diesem Gott geschaffen worden waren und dass die anderen Völker letztlich nicht weniger wert waren als das eigene Volk. (Manfred Lütz)

Die Mitleids-Ethik als Fortschritt

Tolerantia“ hieß im klassischen Latein: Lasten tragen, Baumstämme tragen. Und die Christen haben daraus gemacht: Menschen anderer Meinung ertragen. Mitleid ist eine christliche Erfindung.

Katholische Frau betet mit einem Bild von Jesus (Foto: SWR, picture-alliance / dpa -)
picture-alliance / dpa -

Und auch da muss ich wieder sagen, natürlich gab es auch Heiden, die mitleidig waren, und heute gibt es viele Atheisten, die mitleidig sind. Aber für die heidnischen Römer und die heidnischen Griechen waren z.B. behinderte Menschen jene, die von den Göttern geschlagen worden waren und mit denen man sich besser nicht näher abgab, sonst wurde man auch nachher von den Göttern verflucht. Die Christen machten genau das Gegenteil: Sie stellten Menschen in Not, Behinderte, Arme in den Mittelpunkt. (Manfred Lütz)

Die Geschichte des Christentums neu lesen

Die eigentliche Geschichte des Christentums ist die Geschichte der Heiligen, der spirituellen Aufbrüche, aber auch der großen und v.a. der stillen Leidenden. Und es ist die Geschichte christlicher Schönheit: in den himmelstürmenden Kathedralen des Mittelalters, in den Fresken Michelangelos. (Manfred Lütz)

Manfred Lütz (Foto: SWR, picture-alliance / dpa -)
Manfred Lütz picture-alliance / dpa -

Manfred Lütz, geboren 1954, Studium der Humanmedizin, katholischen Theologie und Philosophie, 1979 Approbation als Arzt, danach Diplom in katholischen Theologie; 1989 Facharzt für Nervenheilkunde, 1991 Facharzt für Psychiatrie; seit 1997 Chefarzt des Alexianer-Krankenhauses in Köln. 


Bücher (Auswahl):
- Der Skandal der Skandale: Die geheime Geschichte des Christentums. Herder-Verlag, 2018.
- Wie Sie unvermeidlich glücklich werden: Eine Psychologie des Gelingens. Penguin-Verlag, 2017.

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