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Im politischen Deutschland tobt ein Kampf um die Sprache. Während Grüne gerne "gendergerecht" sprechen, empört sich die AfD über "politische Korrektheit" - und versucht selbst, mit Wörtern Politik zu machen. Aber wie kann man messen, wie die Parteien sprechen – besonders im Wahljahr und im Wahlkampf?

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
8:30 Uhr
Sender
SWR2

Der Linguistik-Professor Joachim Scharloth von der TU Dresden hat eine interessante Methodik entwickelt. Er analysiert die Verlautbarungen von Parteien – also Pressemitteilungen, Nachrichten auf Facebook, Statements usw. – unter verschiedenen Aspekten. Wie positiv oder negativ sprechen die Parteien? Wie stark oder selten skandalisieren sie? Ein Ergebnis: Die AfD, die Alternative für Deutschland, sei in ihrer Sprache besonders auffällig.

Klartext gebrüllt

"Wir reden Klartext" - das nehmen führende Mitglieder der Alternative für Deutschland immer wieder für sich in Anspruch. Zum Beispiel Spitzenkandidat Alexander Gauland. Doch was heißt "Klartext"? Zum Beispiel in Bezug auf Flüchtlinge?

Frauke Petry, Armin Paul Hampel und Dr. Alexander Gauland (AfD) am 07.11.2015 bei der Demonstration in Berlin gegen die Fluechtlingspolitik der Bundesregierung (Foto: Imago, Imago/ -)
Die AfD als populistische Partei setzt mit allen Mitteln darauf, Resonanzen zu erzeugen Imago Imago/ -

Gauland hat sie mal mit Barbaren verglichen, die während des römischen Reiches den Limes überrannt hätten. Und sie auch schon "Invasoren" genannt. Krasse Formulierungen, gibt der Spitzenkandidat zu - hier im Zitat:

"Wenn Sie im Wahlkampf sind, oder Probleme ansprechen, müssen Sie zum Teil auch krass formulieren. Das geht auch gar nicht anders. Denn Sie geben Menschen eine Stimme, die das gar nicht formulieren können, die es aber empfinden. Und die im Grund genommen wollen, dass man sich politisch dagegen wendet." (Gauland O-Ton)

Die These des Sprachwissenschaftlers Joachim Scharloth von der TU Dresden sieht ein bisschen anders aus. Scharloth glaubt, dass die AfD so spricht, damit über sie gesprochen wird. Weil sie als populistische Partei mit allen Mitteln darauf setze, Resonanzen zu erzeugen. Indem sie Tabus breche, Sachverhalte skandalisiere und emotional kommuniziere.

Gewollter Skandal

Scharloth versucht, diese Dimension der Kommunikation zu messen, und hat sich dafür zum Beispiel den skandalisierenden Wortschatz angeschaut. Wörter die bei der AfD besonders häufig vorkommen sind: Unding, Schlag ins Gesicht, verfehlt, fatal, fahrlässig, chaotisch. Auch generell müsse man sagen: Die AfD sei diejenige Partei, die am stärksten skandalisiere, das bedeutet, dass in deren Texten am häufigsten solche Wörter vorkommen.

Radikales Mainstreaming - Zitate (Foto: SWR, SWR -)
Die Kritik an der Opposition vermischt die AfD mit anderen Aspekten SWR -

Wie sieht das bei den anderen Parteien aus? Auch ihr Vokabular hat Joachim Scharloth auf diese Wortklassen hin überprüft. Skandalisierende Wörter, negative oder positive Adjektive oder Verschwörungsvokabular. SPD und CDU verwenden zum Beispiel sehr viele positive Adjektive und vermeiden Skandalisierung. Das ist naheliegend. Denn die Regierung lobt ihre eigene Arbeit.

Grüne und Linke hingegen skandalisieren in ihren Texten und verwenden negative Adjektive. Eigentlich nicht weiter verwunderlich und auch nicht verwerflich, meint Joachim Scharloth. Typisch Opposition. Bei der AfD käme aber noch anderes hinzu.

Verschwörungstheorien

Denn die Kritik an der Opposition vermische die AfD mit anderen Aspekten: Verschwörungstheorien, Ablehnung von Eliten, Kritik an demokratischen Institutionen. Ein Beispiel dafür, wie sich bei der AFD legitime Kritik mit Verschwörungstheorien vermischt, finde sich an prominenter Stelle im Wahlprogramm. Gleich zu Anfang unter Kapitel 1.3 heißt es: In Deutschland herrsche eine kleine politische Oligarchie heimlicher Machthaber:

"Diese Oligarchie hat die Schalthebel der staatlichen Macht, der politischen Bildung, und des informationellen und medialen Einflusses auf die Bevölkerung in den Händen."

Ein Wahlplakat der Partei AfD (Foto: imago/Hermann J. Knippertz -)
Laut Wahlprogramm der AfD herrsche eine kleine politische Oligarchie heimlicher Machthaber in Deutschland imago/Hermann J. Knippertz -

Eine kleine Gruppe innerhalb der Parteien solle an den Schalthebeln der Macht sitzen und alles Mögliche kontrollieren, auch die Medien? Das sei definitiv eine Verschwörungstheorie.

So genannte Markierung

Joachim Scharloth hat außerdem so genannte Sprachthematisierungen in den Texten der Parteien untersucht. Dabei geht es darum, dass Parteien bestimmte Wörter markieren. Um sich so von der üblichen Bedeutung, die das Wort im Sprachgebrauch der meisten Menschen hat, abzusetzen. Ein Beispiel, wenn man sagt "die so genannte Demokratie, in der wir leben", dann spricht man über eine Demokratie, die es eigentlich nicht gibt. Das macht man mit Anführungszeichen oder in dem man ein "so genannt" davorsetzt.

Welche Begriffe markieren die Parteien besonders häufig? Bei CDU, SPD und den Linken ist es der Begriff "Islamischer Staat". Nicht nur in Deutschland, sondern weltweit sind sich fast alle Länder einig, dass die Terrororganisation IS weder den Islam noch einen Staat repräsentiert. Die Anführungszeichen verdeutlichen also die Distanzierung gegenüber dieser Bezeichnung.

Claudia Roth (Bündnis 90Die Grünen) mit Sprechblase "Geflüchtete", Alexander Gauland (AfD) mit Sprechblase "Invasoren" (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa  - Britta Pedersen (Roth) / Bernd Settnik (Gauland) / Collage: SWR)
Flüchtling in Anführungszeichen – das ist auch bei AfD Parteichef Jörg Meuthen in dessen Facebook-Kolumne "Guten Morgen Deutschland" ein besonders häufig markierter Begriff picture-alliance / dpa - Britta Pedersen (Roth) / Bernd Settnik (Gauland) / Collage: SWR

Bei der FDP ist der am häufigsten markierte Begriff "Der kleine Mann". Ironisiert wird damit besonders die SPD-Politik für den so genannten kleinen Mann, also Arbeiter oder Rentner. Die FDP betone durch diese Distanzierung ihr Credo, auf die Eigenverantwortlichkeit der Bürgerinnen und Bürger zu setzen.

"Guten Morgen" Deutschland

Auch die AfD markiere am häufigsten den Begriff "IS". Dicht dahinter komme allerdings das Wort "Flüchtling". Flüchtling in Anführungszeichen – das sei auch bei AfD Parteichef Jörg Meuthen in dessen Facebook-Kolumne "Guten Morgen Deutschland" ein besonders häufig markierter Begriff.

Damit will Meuthen laut Scharloth sagen: Sas sind nur so genannte Flüchtlinge, das sind gar keine richtigen Flüchtlinge. Das heißt, er unterstellt den Menschen, die hier Antrag auf politisches Asyl stellen, dass sie eigentlich gar keine richtigen Flüchtlinge sind, sondern eigentlich aus wirtschaftlichen Gründen herkommen.

Das Wort "postfaktisch" steht am 08.12.2016 in Wiesbaden (Hessen) eingekreist auf dem Papier eines Flipcharts während einer Sitzung der Gesellschaft für deutsche Sprache zum "Wort des Jahres" (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa - Susann Prautsch)
Immer wieder verwendet die AfD Begriffe, die im Nationalsozialismus eine Rolle gespielt haben picture-alliance / dpa - Susann Prautsch

Eine problematische Verallgemeinerung. Im Gespräch differenziere Meuthen zwar, aber in seinen Kolumnen sei in den allermeisten Fällen von "Flüchtlingen" in Anführungszeichen, also angeblichen Flüchtlingen die Rede. Wer Flüchtlinge so über einen Kamm schert, schürt Ressentiments.

Und noch etwas komme bei der AfD hinzu. Der neurechte Jargon. Immer wieder verwende die AfD Begriffe, die im Nationalsozialismus eine Rolle gespielt haben: Gleichschaltung, völkisch, Volksempfinden, Journaille, Lebensraum oder Sonderbehandlung. Dahinter verbirgt sich eine Strategie, denn damit ziele man auf einen Skandal, um im Gespräch und Fokus zu bleiben. Es sei zum Teil auch etwas, was man "dogwhistling" nennt. Man versuche, eine Botschaft zu verpacken, die nur wenige hören können, vielleicht eine Botschaft an den ganz rechten Rand.

Die Idee dahinter

Diejenigen, die eine Faszination für das Thema haben, begreifen sofort. Hier werden problematische Begriffe wieder salonfähig gemacht. Nur ein kleines Beispiel: der Begriff "Altparteien", den Parteimitglieder ganz selbstverständlich verwenden. Das ist eigentlich ein Kampfbegriff aus den 30er Jahren. Eingeführt von der NSDAP, die sich als Neupartei gerierte. Ob diese Begriffe auch zum Klartext gehören, den die AfD anstrebt?

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