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Als TCM und ZEN kamen die Heilkunde des Alten China und der japanische Buddhismus in den Westen. Zwei völlig unterschiedliche Kulturen inspirierten und verbanden sich in ihren tiefen Einsichten zum Leben. Heute tauchen Menschen aus dem Westen wie selbstverständlich ein in fernöstliche Spiritualität. Und auch Menschen im Osten entdecken wieder ihre einst erfolgreich exportierte Kulturtechnik als Re-Import aus dem Westen. (Produktion 2015)

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
8:30 Uhr
Sender
SWR2

Peking - New York

Akupunktur sagt man, seit portugiesische Missionare dieser chinesischen Behandlungsform zum ersten Mal begegnet sind – Ende des 16. Jahrhunderts in Malaysia und Südostasien.
Wer einmal eine gute Behandlung mit Akupunktur erlebt hat, kann sich der schlichten Eleganz ihres Wirkens nicht mehr entziehen. Anders als der massive Einsatz typisch westlicher Medikamente wirkt Akupunktur wie ein Mix aus Ästhetik und Zauberei. Christian Schmincke, Gründer und Chefarzt der TCM-Klinik am Steigerwald:

Akupunktur (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
"Wenn man die dann findet, sind die so dankbar, dass endlich jemand sie mal anerkennt." - Heiner Frühauf (Sinologe) über Meister chinesischer Medizin. Thinkstock -

James Reston, damals Reporter der New York Times, wurde 1971 auf eine Reise durch China in Peking behandelt. Sein Blinddarm hatte sich entzündet. Dort wurde er mit einem pragmatischen Mix aus westlicher und chinesischer Medizin geheilt. Entfernt wird sein entzündeter Blinddarm mittels westlicher Chirurgie. Mit Akupunktur werden seine postoperativen Schmerzen aufgelöst. Gut behandelt fühlt sich der amerikanische Patient im Ganzen. Seine Erfahrungen schilderte Reston in einem Aufmacher der New York Times. Das löst einen Strom westlichen Interesses an chinesischer Heilkunde aus. Offizielle Ärzte-Delegationen, private Ärztegruppen, Heilpraktiker, Patientengruppen – Scharen ohne Sprachkenntnis, ohne Kulturkenntnis, ohne überhaupt eine Faktenkenntnis, reisen ab 1971 nach China, um zu erfahren: Was ist das – ist das eine Alternative zur westlichen Medizin? Von dieser Welle werden die betroffenen Chinesen am meisten überrascht.

Der alte Zopf

Was die ins Neue China strömenden Westler nicht wissen oder nicht so genau wissen wollen: Seit Beginn des 20. Jahrhunderts zweifelt man in China massiv an der eigenen wissenschaftlichen und besonders der medizinischen Tradition. Traditionelle chinesische Medizin gilt nicht mehr als Heilmittel bei Leiden und Krankheit, sondern als alter Zopf: Sie symbolisiert das kranke und leidende China, seine Schwäche gegenüber dem Westen.

Um 1900 demonstriert der Westen seine totale technische Überlegenheit gegenüber dem Alten China – erst militärisch in den Opiumkriegen, dann medizinisch mit einem klaren Sieg über die Mandschurische Pest. Tief gedemütigt und traditionell pragmatisch zieht China die Konsequenzen daraus: Westliche Wissenschaft und Technik, die eigentlichen Verursacher des Traumas, werden zu Mittel und Maß seiner Überwindung erklärt. Aber die eigene Tradition lässt sich nicht einfach verbieten – auch im Neuen China gibt es eine stabile Anhängerschaft der alten Heilkunde sowie einen hohen pragmatischen Nutzen ihrer einfachen Methodik.

chinesischer Soldat vor Portrait von Mao (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
"Im Fall von Mao Tse-tung haben die Russen massiv geholfen, das Neue China aufzubauen und auch Krankenhäuser zu bauen. Dann haben sich die Russen aber mit den Chinesen entzweit und die ganze Infrastruktur wurde um 1960/61/62 abgebaut und wieder mit picture-alliance / dpa -

Mao Tse-tungs Schätze

So lautet ein viel zitierter Satz aus einem Brief Maos von 1958. Die anderen Sätze daraus werden selten zitiert. In ihnen würde deutlich: Mao war keineswegs ein Liebhaber chinesischer Medizin. Ihm geht es um ein Freilegen neuer Medizin aus alter Heilkunde. Zum Schatz würde sie erst, indem man all das abergläubische Zeug entfernt, das untragbar sei für eine moderne Gesellschaft.
Also gründet Mao eine Kommission. Darin sichten und sortieren ausschließlich westlich ausgebildete chinesische Ärzte von 1950 bis 1965 das heilkundliche Erbe. Diese Prüfung übersteht nur, was den Prinzipien moderner westlicher Wissenschaft entspricht. Dabei entsteht der Leitfaden für „Barfuß-Doktoren“, ein zweiwöchiger Crashkurs, der Hunderttausende einfacher Chinesen in traditionelle Medizin einführt. Sie sollen Anfang der 60er die notleidende Bevölkerung auf Minimalniveau versorgen. Das chinesische Volk litt damals unter Hungersnot und Flutkatastrophen. Außerdem entsteht, was man ab 1971 den nach China strömenden Westlern in ihrer Begeisterung als TCM präsentiert: Traditionelle Chinesische Medizin.

Jemand zieht mit einem Rechen Linien im Kies (Foto: SWR, SWR -)
Geschwungene Linien symbolisieren Bachläufe und Gewässer in Zen-Gärten. SWR -

Buddhistischer Englischlehrer

Ende des 19. Jahrhunderts muss die bislang weitgehend geschlossene Welt des japanischen Buddhismus sich zunehmend öffentlich legitimieren. Auch die starren und elitären Formen des Zen lockern sich. Nicht mehr nur Mönche erhalten Zugang zu Lehre und Praxis, sondern auch Laien, also ganz normale, vom Buddha faszinierte Menschen.

Die Religionswissenschaftlerin Inken Prohl berichtet von der folgenreichsten Begegnung, die daraufhin möglich wird. Sie gehört zur nächsten großen Übertragung des Buddhismus in eine andere Kultur. Japan des Jahres 1891:

Der Lehrer und sein Schüler sind fasziniert von der Möglichkeit, Zen von Japan in den Westen zu vermitteln. 1893 reist Soen Shaku zum ersten Weltparlament der Religionen in Chicago. Der Auftritt des Zen-Meisters macht einen großen Eindruck. Seine Rede hat der junge D.T. Suzuki ins Englische übersetzt. Soen Roshi ist erstaunt und bewegt von dem Interesse, das er in den USA erlebt. Zugleich wird ihm klar, dass der Westen noch nicht bereit ist für die Praxis des Zen. Es bedarf einer geistigen Einführung – und eines sprachlich und intellektuell Begabten, der sie gibt. Im Jahr 1897 schickt er seinen Schüler D.T. Suzuki nach Amerika. Auch der Westen befindet sich in einer Zeit großer Umbrüche. Freuds Psychoanalyse und Einsteins Relativitätstheorie inspirieren das geistige Leben um die Jahrhundertwende.

Mönche beim Meditieren (Foto: SWR, SWR -)
Szene einer konzentrierten Meditation. SWR -

Vom Materialismus zur Selbstentfaltung

D.T. Suzuki ist fasziniert von der Mystik Meister Eckarts, von der Theosophie Emanuel Swedenborgs und der Idee religiöser Erfahrung von William James. Er übersetzt sie ins Japanische und veröffentlicht im Westen wissenschaftliche Beiträge über deren Nähe zur Zen-Lehre. Später wird Suzuki zum Pionier einer Bewegung westlicher und japanischer Intellektueller, die sich abwenden vom Materialismus ihrer Zeit hin zu Selbstentfaltung und Spiritualität.

D.T. Suzuki erhält in Kyoto und New York eine Professur für Buddhistische Philosophie. Der spirituelle Gelehrte wird zur Brücke zwischen Ost und West. Seine Ideen bereiten die westliche Kultur für die Praxis des Zen vor. Sie gehen als Suzuki-Zen in die Geschichte des Buddhismus ein. Sechzig Jahre nach dem Auftritt seines Lehrers Soen Shaku in Chicago kommen die ersten Zen-Meister in den Westen.

Steine im Kiesbett (Foto: SWR, SWR -)
"Die Sehnsucht bekam eine Helle, wo ich merkte: Es gibt so was, es gibt so einen Weg." - Hinnerk Polenski, Zen-Meister SWR -

Traditioneller Re-Import

Die Krise um 1900 hat China wesentlich tiefer getroffen als Japan. Die neuen Chinesen wollen den technisch fortgeschrittenen Westen überholen. Entsprechend radikal wird die eigene Tradition durchgebürstet und zurückgeschnitten. Kein moderner Chinese interessiert sich für das alte China. Gerade die Begabten lernen Englisch, um in die boomende Wirtschaft einzusteigen und Geld zu verdienen. Die begabten Schüler der Meister alter chinesischer Heilkunst sind hochmotivierte Westler. Sie kennen sich besser aus in den chinesischen Sprachen als viele der neuen Chinesen, sie haben chinesische Literatur und Kultur studiert, sie sind aufgebrochen weit weg im Westen und haben tatsächlich alte chinesische Meister gefunden, statt „Barfuß-Doktoren“.

Während das Neue China einen Crash-Kurs in westlicher Lebensform absolviert, tauchen „neue Westler“ ein in fernöstliche Spiritualität. Und die Meister des Alten China träumen vom Re-Import der erfolgreich exportierten Kulturtechnik.

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