Kluge Raben

Die Intelligenz der Vögel

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AUTOR/IN
Onur Güntürkün

SWR2 Wissen Aula. Von Onur Güntürkün.

Viele neue Experimente zeigen: Raben und Papageien können logisch denken, sich im Spiegel erkennen und sich in andere hineinversetzen. Wird die Intelligenz von Vögeln unterschätzt?

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Man hat Vögel lange unterschätzt

In der Wissenschaft hat man die Intelligenz der Vögel beiseite geschoben, weil man ein Jahrhundert lang davon ausging, dass sie dumm sein müssen, da sie keine Hirnrinde besitzen wie wir Menschen und wie überhaupt alle Säugetiere. Es stimmt auch, dass sich die komplexesten Denkprozesse in der Hirnrinde abspielen. Wenn eine Tiergruppe keine Hirnrinde hat, so nahmen wir an, dann kann sie eben keine komplexen Denkprozesse schaffen. Punkt! Erst als Verhaltensforscher neugierig wurden und angefangen haben, Experimente mit Vögeln zu machen, entdeckten sie, wie intelligent sie sind.

Der Rabe als Physiker

Nehmen wir folgenden Versuch: In einem schlanken und tiefen Trog befindet sich eine Nuss, für das Tier eine echte Leckerei. Nun möchte das Tier diese Nuss haben, kommt aber mit dem Schnabel nicht in den Trog hinein, weil er so schmal und tief ist. Es schaut sich um, will den Trog umschmeißen, damit die Nuss rausfällt, aber der Trog ist fest montiert. Nach einer Weile kommt es auf die Idee, Wasser in den Trog zu spucken. Es macht sich den Schnabel voll mit Wasser und spuckt das Wasser in den Trog, so dass das Wasser die Nuss hochtreibt, bis sie an die Oberfläche kommt.

Krähen bestehen Aesops Wasserkrug-Test (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Krähen bestehen Aesops Wasserkrug-Test picture-alliance / dpa -

Das wäre z. B. eine Aufgabe, die zeigt, der Vogel hat eine Intuition von physikalischen Prinzipien, und das geht noch weiter: Ein Vogel kann ja nicht ausreichend Wasser in seinen Schnabel einfüllen, damit er den Trog damit ganz auffüllen könnten. Was Vögel dann machen ist, dass sie z. B. zusätzlich zum Wasser Steine rein schmeißen, die das Wasser verdrängen. Und dadurch schwimmt die Nuss weiter oben. Jetzt könnten sie ganz poröse Steine wählen, die zwar viel Volumen haben, aber dadurch, dass das Wasser in die Poren des Steins eindringt, nicht viel Wasser verdrängen. Vögel verstehen sofort, dass ein poröser Stein nur wenig nützt. 

Vögel haben Empathie

Nehmen wir die Raben Willi und Johnny. Angenommen, Willi und Johnny sind Freunde, das bedeutet, sie sitzen häufig zusammen, helfen sich gegenseitig. Sie verbringen viel Zeit miteinander. Nun wird Willi von einem dritten, sehr starken Kolkraben angegriffen. Er ist sogar stärker als Willi und Johnny zusammen. Was passiert? Johnny hilft Willi nicht, sondern schaut zu, wie Willi verprügelt wird. Wenn die Prügelorgie vorbei ist, geht er aber zu Willi und macht Tröstungsbewegungen.

Raben (Foto: Colourbox, Foto: Colourbox.de - Daniel Lamborn)
Raben Foto: Colourbox.de - Daniel Lamborn

Wenn nun aber das angreifende Tier schwächer ist als Willi und Johnny zusammen, dann kommt Johnny Willi sofort zu Hilfe. Um dieses Verhalten verstehen zu können, muss man das Konzept von so etwas wie Freundschaft bedenken, man muss auch bedenken, dass das Tier das Kräfteverhältnis untereinander abschätzen kann. 

Ein neues Verhältnis zum Tier

Wenn es um Tierschutz geht, um Tierrechte, dann muss man immer Grenzziehungen machen und fragen: Was macht ein Tier im Unterschied zum Menschen aus? Wie unterscheiden sich Vögel von Säugetieren? Da sehen wir, dass die derzeitigen Grenzziehungen im Grunde ausschließlich aus einer merkwürdig romantisierten und archaischen Vorstellung von Tieren kommen. Alles, was Fell hat, muss geschützt werden; alles, was kein Fell hat, darf weniger geschützt werden. Fische haben keine Schmerzen, das scheint von der Fischerei-Industrie gesponsert zu sein, und in diesem Sinne gibt  es viele andere Dinge, die wissenschaftlich keine Grundlage haben. Die Experimente mit einigen Vogelarten zeigen deutlich, dass wir diese Tiere unterschätzt haben.

Hier gibt es das vollständige Manuskript der Sendung.

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Onur Güntürkün