Kind als Superman (Foto: SWR, Model Foto: Colourbox.de -)

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Sei Du selbst, habe Mut zum eigenen Mut! – Pädagogik mit Courage

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In unserer Gesellschaft gibt es eine ernstzunehmende Kreativitäts- und Mutkrise – sagt der Journalist, Autor, Tanzlehrer und Physiker Marco Wehr. Diese Krise zeigt sich in einer Pädagogik, die Kindern nichts mehr zumutet, sie stattdessen in Watte packt und ihnen viele wichtige Erfahrungen vorenthält. Dies führt letztlich zu einem Teufelskreis: Die Angst vor Risiken und Herausforderungen blockiert die Kreativität und den Nonkonfomismus.

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Betreutes Leben - 24 Stunden am Tag 

Selbst Kinder im Alter von vier Jahren werden von ihren Eltern gerne gehoben und geschoben. Und das Abenteuer Schulweg wird auch nicht mehr allen zugemutet. Der Taxiservice der Eltern steht parat, besonders wenn das Wetter schlecht ist. Auch zuhause ist das Leben selten motorisch spannend und anregend. Da wird ebenfalls viel gesessen, günstigenfalls mit einem Buch in der Hand. Folgerichtig haben sich motorische Fertigkeiten der Kinder und Jugendlichen in unserer behüteten Welt ziemlich verschlechtert. Wenn vierjährige Kinder heute zu uns in den Tanzunterricht kommen, dann können sie oft nicht rückwärts laufen, es fällt ihnen schwer auf einem Bein zu balancieren oder sie trauen sich nicht von einer 20 Zentimeter hohen Treppenstufe zu springen. Wenn sie es dann doch wagen, werden sie von den anwesenden Müttern, die jeden Fortschritt der Kleinen akribisch beäugen, euphorisch beklatscht, als hätten sie einen Achttausender ohne Sauerstoff bestiegen. (Marco Wehr)

 

Das kindliche Gehirn benötigt eine anregende Umwelt 

Diese zentrale Einsicht lässt sich mit einem harmlos anmutenden Experiment verdeutlichen: Was passiert mit einem Kätzchen, das gerade die Augen aufschlagen hat und welches man fortan durch die Welt trägt, anstatt es auf den eigenen Beinen neugierig seinen Lebensraum erkunden zu lassen?

Katze (Foto: SWR, Foto: Colourbox.de -)
Katzenbabys, die ihre Welt nicht auf eigenen Pfoten erkunden können, bleiben blind. Foto: Colourbox.de -

Das erschütternde Ergebnis: Das Kätzchen lernt das Sehen nicht - es bleibt blind! Wie ist das möglich? Die Augen waren doch offen?  Das erstaunliche Resultat, das sich eines fast vergessenen Experiments des Psychologen Richard Held verdankt, muss uns zu denken geben, wenn wir nicht nur über die Entwicklung von Katzen nachdenken, sondern auch über die kleiner Kinder. Was nämlich für Katzen gilt, das gilt für Menschen umso mehr. Das Gehirn entwickelt sich erst in der intensiven Auseinandersetzung mit der Umwelt, um schlussendlich optimal an diese angepasst zu sein! Man muss mit der Welt in ihrer ganzen Vielfalt interagieren, damit sich das Gehirn an diese Welt optimal adaptiert! (Marco Wehr)

 

Übervorsichtigkeit verhindert Kreativität

Die renommierte amerikanische Kreativitätsforscherin Kyung Hee Kim redet von einer ausgemachten Kreativitätskrise. Gemäß ihrer Untersuchungen hat die Fähigkeit der Kinder, ungewöhnliche Ideen hervorzubringen, seit 1990 rapide abgenommen. Darauf konnte man sich anfänglich keinen rechten Reim machen. (...) Der Nebel lichtete sich, als man genauer hinsah und die Kindheit vor 30 bis 40 Jahren mit der von heute verglich. Der wesentliche Unterschied? Damals gab es eben keine allgegenwärtigen elterlichen "Spielebestimmer", die sorgsam darauf achteten, dass die Art der Beschäftigung und das gesellschaftliche Umfeld der intellektuellen Entwicklung und potenziellen Karriere zuträglich waren.

Spielende Kinder in einem Klettergerüst (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Thinkstock -

Wenn Kindern langweilig war, dann lag es allein in ihrer eigenen Verantwortung, diesen Zustand mit einer guten Idee zu ändern. Und für Heranwachsende war es eine spannende Herausforderung, den eigenen Aktionsradius beständig zu vergrößern und die damit verbundenen Schwierigkeiten zu meistern. Das war aufregend und manchmal auch nicht ohne Gefahr. (...) Wenn man sich die Freiheit auf diese Weise Schritt für Schritt erschließt, dann wachsen die Problemlösungskompetenz und das Gefühl herausfordernden Situationen gewachsen zu sein auf ganz natürliche Weise. (Marco Wehr)

 

Pädagogik der Herausforderungen

Wäre es nicht besser, in Schule und Erziehung Kinder und Jugendliche an Herausforderungen heranzuführen und ihnen zu helfen, mit diesen und zwangsläufig auftretenden kleinen Rückschlägen umzugehen? Das wäre vernünftig, vor allen Dingen, wenn man in Rechnung stellt, dass die mittlerweile verbreitete Glashausmentalität eine virale Komponente hat. Wenn man selbst nicht gelernt hat, kreativ zu improvisieren, Gefahren und Belastungen auszuhalten und solche Situationen deshalb als angstbesetzt erlebt, dann wird man solche fordernden Momente sicher nicht den eigenen Kindern zumuten. Da bleibt nur zu hoffen, dass diese selbst irgendwann den erstickenden Schutzraum, der aus unserer eigenen Angst gebaut ist, mutig mit einem Stein von Innen zerschmeißen. (Marco Wehr)

Dr. Marco Wehr ist Physiker, Philosoph und international erfolgreicher Tänzer. Wegen seiner ungewöhnlichen Doppelbegabung wurde er von der ZEIT als "Kopf mit Körper" ausgezeichnet. Seine Arbeitsschwerpunkte als Autor und Redner sind Voraussagbarkeit, Komplexitätstheorie sowie die Beziehung von Körper und Denken. Seine bisher erschienenen Bücher wurden hoch gelobt und auf die Liste der Wissenschaftsbücher des Jahres gewählt. Seine Essays für die FAZ, die sich kritisch mit der Mathematisierung der Welt befassen, wurden für den Henri-Nannen-Preis 2013 nominiert.

Bücher (Auswahl):
Kleine Kinder sind große Lehrer - Genie und Ausdauer der frühen Jahre. (Hrsg: Reinhard Kahl). Beltz-Verlag. 2014.
Welche Farbe hat die Zeit? Wie Kinder uns zum Denken bringen. Eichborn-Verlag. 2007.

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