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SWR2 Wissen. Von Manuel Waltz

Vor allem Grund- und Förderschulen gehen die Lehrer aus. Das führt zu Unterrichtsausfall. Oft sind die Schulen auf Quereinsteiger angewiesen. Auch zahlreiche Rektorenstellen sind unbesetzt. Zu den Gründen gibt es jetzt eine neue Studie.

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Sendedatum
Sendezeit
8:30 Uhr
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SWR2

Rektorenmangel - Neue Studie

Hunderte von Schulleitungen sind derzeit unbesetzt - das ist Realität in vielen Teilen Deutschlands. Auch in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. Für viele wiegt die höhere Bezahlung die mit dem Posten verbundene starke Belastung nicht auf. Zu diesem Ergebnis kommt auch eine aktuelle Forsa-Studie, die der Verband Bildung und Erziehung (VBE) in Auftrag gegeben hat.

Der VBE-Landesvorsitzende Gerhard Brand fordert für Schulleitungen, dass mehr Zeit für Verwaltung angerechnet wird. Auch bräuchten Schulleitungen mehr Unterstützung. So sollten auch Lehrer und Lehrerinnen, die der Schulleitung zuarbeiten, mehr Zeit dafür angerechnet bekommen. Und sie fordern "gesicherte Lehrerzuweisung". Im Klartext: Es ist frustrierend, immer nur notdürftig Personallöcher zu stopfen.

Trotzdem sind der Studie zufolge Schulleiter nicht unzufrieden. Sie gehen gerne zur Arbeit und empfinden sie als sinnstiftend. Doch wünschen sich 90 Prozent von ihnen eine Erhöhung ihrer Leitungszeit, 73 Prozent möchten eine bessere personelle Ausstattung des Schulsekretariats oder im Hausmeisterdienst.

Doch der Rektorenmangel ist ohnehin nur die Spitze des gesamten Personalproblems der deutschen Schulen.

Lehrermangel: Unterschiede von Land zu Land und von Fach zu Fach.

In Baden-Württemberg konnten von 400 neu zu besetzenden Stellen im Schuljahr 2017/18 nur 300 besetzt werden. Bayern dagegen ist im Ländervergleich eher besser ausgestattet. Auch einzelne Fächer und Schularten sind unterschiedlich stark betroffen. Deutsch- und Geschichte-Lehrer für das Gymnasium gibt es immer noch eher zu viele. Überhaupt sind die weiterführenden Schulen besser ausgestattet, vor allem die Gymnasien.

Schulklasse (Foto: SWR, dpa picture alliance -)
Man versucht junge Gymnasiallehrer, die noch keine Stelle gefunden haben, mit befristeten Stellen für ein Jahr in Grundschulen oder auch in SBBZ zu locken dpa picture alliance -

Bis vor wenigen Jahren noch hat die Landesregierung Studienplätze für Sonderpädagogik sogar abgebaut. Begründung: Durch die Inklusion würden weniger Sonderpädagogen benötigt. Tatsächlich war aber das Gegenteil der Fall. Denn es gibt weiterhin die Sonderpädagogische Bildungs- und Beratungszentren – kurz SBBZ - die früher Sonderschulen genannt wurden. Parallel dazu gibt es inklusiven Unterricht in Regelschulen. Deshalb brauchte man jetzt sogar mehr Sonderpädagogen als vorher.

Konkret heißt das: Für dieses Schuljahr fehlen in Baden Württemberg also 100 volle Lehrerstellen im Bereich der Sonderpädagogik.

Werner Litschauer ist im Regierungspräsidium Karlsruhe für die Bedarfsplanung der Schulen und für die Einstellung der Lehrer zuständig. Grundschulen und SBBZ: Das sind seine Sorgenkinder.

Gymnasiallehrer an Grundschulen

Öfter als früher müssen Litschauer und seine Kollegen mit kurzfristigen Maßnahmen Lücken stopfen. Außerdem versucht man junge Gymnasiallehrer, die noch keine Stelle gefunden haben, mit befristeten Stellen für ein Jahr in Grundschulen oder auch in SBBZ zu locken.

Ein Lehrer steht vor Schülern an einer Tafel. (Foto: imago/Westend61 -)
Um künftig Gymnasiallehrer in nennenswerter Zahl auch langfristig an Grundschulen zu locken, plant Kultusministerin Eisenmann, ihnen Beamtenverträge mit einer Besoldung wie am Gymnasium anzubieten imago/Westend61 -

Doch Grundschulen sind völlig anders. Dort zählen mehr didaktische und pädagogische Fähigkeiten als fachbezogene Inhalte. Auch sind die Klassen an Grundschulen viel heterogener. Das verlangt ein viel stärkeres Eingehen auf individuelle Unterschiede. Ein Gymnasiallehrer hat das nicht gelernt. Deshalb ist fraglich, ob man eine junge Lehrerin, die fürs Gymnasium ausgebildet wurde, einfach an eine Grundschule schicken kann.

Höhere Besoldung für Gymnasiallehrer an Grundschulen

Dennoch läuft das Programm weiter, mittlerweile können diese Lehrer auch länger als ein Jahr bleiben und einen unbefristeten Vertrag bekommen.

Mehr noch: Um künftig Gymnasiallehrer in nennenswerter Zahl auch langfristig an Grundschulen zu locken, plant Kultusministerin Eisenmann, ihnen Beamtenverträge mit einer Besoldung wie am Gymnasium anzubieten. Denn Grundschullehrer verdienen weniger als Lehrer an weiterführenden Schulen.

Wechsel von Grundschule zu weiterführenden Schulen (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Da es bei weitem nicht genügend ausgebildete Pädagogen im Land gibt, werden massenweise Menschen eingestellt, die dafür gar nicht ausgebildet wurden Thinkstock -

Sollten die Pläne von Kultusministerin Eisenmann umgesetzt werden, dann stellt sich die Frage, wie es sich dann auf die Stimmung im Kollegium auswirken wird, wenn dieser Kollege dann auch noch erheblich mehr verdient, als die ausgebildeten Grundschullehrerinnen und Lehrer.

Quereinsteiger

In Sachsen wiederum funktioniert das gar nicht. Dort gibt es nicht genügend Gymnasiallehrer die man an Grundschulen einsetzten könnte - deshalb setzt das Land auf eine noch schulfernere Berufsgruppe - Quereinsteiger aus anderen Berufen.

Auch Baden-Württemberg setzt darauf - hier vor allem an beruflichen Schulen.

Das ist nicht ganz leicht - denn für diese Fachkräfte gibt es oft besser bezahlte Jobs in der freien Wirtschaft. Auch der Verband Bildung und Erziehung (VGE) sieht die Beschäftigung von Quereinsteigern ohne pädagogische Ausbildung kritisch.

Lehrer aus Syrien und Polen

Auch in Sachsen gibt es viel zu wenig ausgebildete Pädagogen. Ganz im Osten des Bundeslandes liegt Görlitz, eine kleine hübsche Stadt im Drei-Länder-Eck Polen, Deutschland, Tschechien. Martin Cichon leitet hier die evangelische Oberschule. Für ihn ist es hier abseits der großen Städte extrem schwer, neues Personal zu finden. Deshalb geht er neue Wege und macht damit positive Erfahrungen, wie er berichtet: Vor einiger Zeit hat er einen geflüchteten Lehrer aus Syrien eingestellt, der nun Informatik unterrichtet. Und er hat per Anzeige in Polen und anderen osteuropäischen Ländern nach Lehrkräften gesucht. Es kamen zahlreiche Rückmeldungen.

Kinder und Lehrerin in Klassensaal vor Tafel (Foto: SWR, SWR -)
Mehr als die Hälfte der neu eingestellten Grundschullehrer waren im Schuljahr 2017/18 Quereinsteiger, sie müssen lediglich einen Hochschulabschluss vorweisen SWR -

Praktisch keine pädagogische Erfahrung

Mehr als die Hälfte der neu eingestellten Grundschullehrer waren im Schuljahr 2017/18 Quereinsteiger. Sie müssen lediglich einen Hochschulabschluss vorweisen, egal in welchem Fach. Viele von ihnen haben praktisch keine Erfahrung, wie man mit Kindern umgeht, keine didaktischen Vorkenntnisse und wissen nicht, wie man unterrichtet.

Eine Lehrerin betreut eine kleine Klasse daneben Geld (Foto: Getty Images, Thinkstock - Montage: SWR)
Wie wird es sich auf die Stimmung im Kollegium auswirken, wenn ein Kollege erheblich mehr verdient, als die ausgebildeten Grundschullehrerinnen und Lehrer? Thinkstock - Montage: SWR

Doch Cichon hat bisher nur gute Erfahrung mit den Quereinsteigern gemacht, auch wenn es ein zusätzlicher Aufwand für ihn selbst ist. Es sei eine evangelische Schule in einer unchristlichen Umgebung, da müsse man auch Idealist sein, sagt er.

Er muss die Kollegen bei der landeseigenen Bildungsagentur anmelden, die geben ihr ok und dann kann er machen. Noch hat ihm die Agentur nichts untersagt oder Zusätzliches vorgeschrieben, was er auch auf den großen Mangel im Land zurückführt.

Wir brauchen trotzdem Lehrer

Eigentlich gibt es auf Ebene der Kultusministerkonferenz ein gemeinsames Regelwerk für Quereinsteiger, erklärt der Referatsleiter bei der KMK, Tobias Funk. Doch die Länder sagen: Wir brauchen aber trotzdem Lehrer.

Susanne Eisenmann hat für Baden Württemberg erklärt, dass sie ohne Quereinsteiger auskommen will. Gymnasiallehrer sollen die Lücken an Grund- und Sonderschulen stopfen. Doro Moritz von der GEW hat erhebliche Zweifel, ob das Land dies wirklich durchhalten kann.

Gerade an Brennpunkt-Schulen müssten gut und sorgfältig ausgebildete Lehrkräfte eingesetzt werden. Doch bei der Bertelsmann-Stiftung befürchtet man eine gegenteilige Entwicklung. Denn in vielen Bundesländern kommt man zunehmend von einer zentralen Verteilung der Lehrkräfte weg.

Ein Schüler hebt im Unterricht die Hand (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Wenn nun ausgebildete Pädagogen immer knapper werden, dann können sie sich ihre Schulen frei aussuchen und sich gegen die sogenannten Brennpunktschulen entscheiden Thinkstock -

Niemand an Brennpunktschulen

Stattdessen suchen sich die Schulen selbst ihre Lehrkräfte. Wenn nun ausgebildete Pädagogen immer knapper werden, dann können sie sich ihre Schulen frei aussuchen und sich gegen die sogenannten Brennpunktschulen entscheiden.

In Sachsen sind zirka ein Drittel der Lehrkräfte insbesondere an Grundschulen teilzeitbeschäftigt. Dort die Vollzeit anzureizen wäre einfach nur eine kluge Idee. Die Kollegen machen nun nicht Teilzeit, weil sie weniger Geld verdienen wollen, sondern weil sie mit der Belastung individuell umgehen. Und man kann die Kollegen nur in die Vollzeit bekommen, wenn man sie entlastet.

Auch die Bertelsmann Stiftung empfiehlt in ihrer Studie, Lehrerinnen zu entlasten. Sie verweist auf die fehlenden 35 000 Lehrer an Grundschulen, die sie in den kommenden sieben erwartet und die nicht durch neu ausgebildete Lehrkräfte ersetzt werden können.

Viele junge Menschen sehen diese Probleme mittlerweile. Grundschullehrer zu werden, ist kein Traumberuf, der Anreiz, ein Studium an einer pädagogischen Hochschule zu beginnen, sinkt.

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