STAND
AUTOR/IN

SWR2 Wissen. Von Gábor Paál

Drohnen, die sich ihre Angriffs-Ziele selbst aussuchen. Unbemannte Panzer, die feindliches Territorium erobern. U-Boote, die autonom Küstengewässer schützen. Das alles könnte bald Realität werden. In Genf entscheiden Regierungsvertreter aus der ganzen Welt diese Woche darüber, ob Verhandlungen für ein Verbot solcher Waffen vorbereitet werden.

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
8:30 Uhr
Sender
SWR2

"Wir reden nicht über den Terminator!", stellt der Politikwissenschaftler Frank Sauer von der Universität der Bundeswehr München gleich klar. Es sei nicht zu erwarten, dass bald humanoide, selbständig agierende Kampfmaschinen in den Krieg geschickt würden. Wohl aber Drohnen, die selbst entscheiden, auf wen sie schießen.

Intelligente Kampfmaschinen

Künstliche Intelligenz ist schon heute in der Militärtechnik allgegenwärtig. Die USA testen derzeit ein unbemanntes Kampfflugzeug – die X-47B von Northrop Grumman – das autonom auf einem Flugzeugträger starten und landen kann. Es kann sogar völlig selbständig in der Luft an ein Tankflugzeug andocken und sich auftanken. Dass diese Drohne dann auch eigenmächtig feindliche Ziele attackiert, scheint der nächste logische Schritt.

Die unbemannte US-Großkampfdrohne X-47B kann auch in der Luft betankt werden (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Die unbemannte US-Großkampfdrohne X-47B kann auch in der Luft betankt werden picture-alliance / dpa -

Umwelt gegen Roboter

Doch hier gibt es einen fundamentalen Unterschied. Die Roboter von heute funktionieren gut, solange sie sich in einem "kooperativen Umfeld" bewegen – wie eben einem Flugzeugträger, der der Drohne mit entsprechenden Leitsignalen den Weg weist. "Ein Kampfroboter hat es aber mit einer Umwelt zu tun, die gegen ihn arbeitet", sagt  Joachim Hertzberg, Professor für Kybernetik an der Universität Osnabrück. Das ist eine ganz andere Herausforderung: Gegner, die sich tarnen, verstecken oder sich ihrerseits mit High-Tech-Waffen wehren.

Bundeswehr Abwehrsystem Mantis (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa - Foto: Carsten Rehder dpa/lno)
Bundeswehr Abwehrsystem Mantis (Modular Autonomic and Network Targeting and Interception System) picture-alliance / dpa - Foto: Carsten Rehder dpa/lno

Doch auch hier zeichnet sich eine Rüstungsspirale ab. So enthalten etwa die gängigen Flugabwehrsysteme wie Mantis oder Patriot, die auch in der Bundeswehr eingesetzt werden, ebenfalls schon viele autonome Komponenten. Zwar ist bisher immer ein Offizier eingebunden, der sie "scharf stellt". Doch dann erfassen und zerstören sie ihre Ziele automatisch.

Kamikaze-Drohnen schon im Einsatz

Hier handelt es sich noch um Verteidigungswaffen – Flugabwehrsysteme dienen nicht dazu, feindliche Stellungen anzugreifen oder Bomben zu werfen. "Die Folge ist aber, dass im nächsten Schritt autonome Waffen entwickelt werden, die noch schneller sind, um diese Abwehrsysteme auszutricksen", meint Marcel Dickow von der Stiftung Wissenschaft und Politik.

Marcel Dickow von der Stiftung Wissenschaft und Politik (Foto: SWR, SWR - Gabor Paal)
Marcel Dickow von der Stiftung Wissenschaft und Politik SWR - Gabor Paal

Tatsächlich: Ende März 2016 kam im Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan um die Provinz Bergkarabach erstmals die israelische Kamikaze-Drohne Harop zum Einsatz, auch Harpy 2 genannt. Sie feuert keine Munition ab – sie ist die Munition. Sie stürzt sich auf das ausgesuchte Ziel und explodiert mit 23 Kilo hochexplosivem Sprengstoff. In Bergkarabach ging die Harop auf einen Bus mit Soldaten nieder. Dies spricht dafür, dass sie im "Man-in-the-loop"-Modus eingesetzt wurde – also vom Boden aus ferngesteuert wurde. Doch die Herstellerfirma Israel Aircraft Industries wirbt damit, dass sich die Harop gegnerische Flugabwehrsysteme selbständig als Ziele erfassen und ausschalten kann. Die Sensorik der Harop erkennt nämlich die von ihnen ausgesandten Radarwellen und kann sie somit als Ziel identifizieren.

Ein Youtube-Video zeigt mutmaßlich den Einsatz einer Harop in Bergkarabach.

Auch Kampfroboter haben Schwächen

Gut möglich aber, dass die Rüstungsfirmen die Fähigkeiten ihrer Kampfroboter auch übertreiben. Südkorea hat vor Jahren eine Milliarde Euro in Roboter investiert, die die Grenze zu Nordkorea schützen und eigenmächtig auf Eindringlinge schießen sollten Am Ende waren die Prototypen jedoch für technisch unausgereift befunden worden. Ein weiteres vielzitiertes Beispiel ist das autonome israelische Patrouillenfahrzeug "Guardium" an der Grenze zum Gazastreifen. Bei seiner Einführung erklärte Israel, dass Guardium auch bewaffnet werden könnte. Inzwischen wurden die Fahrzeuge jedoch ohne Angaben von Gründen aus dem Verkehr gezogen. Sie sollen durch ein neues System ersetzt werden, über das sich das Verteidigungsministerium auf ARD-Anfrage jedoch nicht äußern wollte.

UNO-Gebäude in Genf (Foto: SWR, SWR - Gabor Paal)
UNO-Gebäude in Genf SWR - Gabor Paal

Autonome Waffen sind politisch umstritten

Nicht nur Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch und Amnesty International fordern ein internationales Verbot, auch die Bundesregierung drängt auf eine Regulierung. 2015 haben rund 30.000 Wissenschaftler – darunter 3.000 Künstliche-Intelligenz-Forscher – einen Aufruf zur Ächtung vollautonomer Angriffswaffen unterzeichnet. Sie halten die Hoffnung für trügerisch, dass der Einsatz von Robotern statt Soldaten zu weniger Toten führen würde. Die Hemmschwelle für Kriege könnte vielmehr sinken, fürchtet Frank Sauer, der den Appell ebenfalls unterzeichnet hat: "Wir würden uns nicht nur – wie jetzt schon bei den Drohnen – körperlich, sondern auch geistig von den Kriegen entkoppeln, indem wir tödliche Entscheidungen ‚outsourcen‘." Auch sei die Gefahr groß, dass Terroristen die Technik ebenfalls nutzen würden.

US-amerikanische Kampfdrohne (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
US-amerikanische Kampfdrohne. Sinkt die Hemmschwelle für Kriege durch autonome Waffensysteme? picture-alliance / dpa -

"Letale Autonome Waffensysteme", wie sie im Fachjargon heißen, stehen inzwischen regelmäßig auf der Tagesordnung, wenn sich die Mitgliedsstaaten der UN-Konvention zur Kontrolle "bestimmter konventioneller Waffen" (CCW) treffen. Bislang kam es jedoch nur zu einem informellen Gedankenaustausch. Wichtige Militärnationen wie die USA und China lehnten es bisher ab, über eine Ächtung auch nur zu verhandeln. Doch beim letzten Treffen, das Mitte April 2016 in Genf stattfand, zeichnete sich ein Stimmungswandel ab. Diese Woche nun ein neuer Anlauf: Die Mitgliedsstaaten beraten darüber, ob formale Verhandlungen über eine Ächtung solcher Waffen vorbereitet werden. "Ich rechne damit, dass es früher oder später zu einer Ächtung kommt", sagt Marcel Dickow, räumt aber ein: Bis dahin wird die technische Entwicklung weitergehen. "Es gab ja die Hoffnung, dass - anders als bei Chemie- oder Atomwaffen – es diesmal rechtzeitig zu einer Regulierung kommt, bevor diese Waffen zum ersten Mal eingesetzt werden." Das wird nun zunehmend unwahrscheinlich.

(19. April 2016, aktualisiert 14. Dezember 2016)

STAND
AUTOR/IN