STAND

Im Oktober waren etwa 100.000 jugendliche Flüchtlinge in Deutschland statistisch erfasst, illegale nicht mitgerechnet. Unter allen Flüchtlingsgruppen genießen die Jungen in der Öffentlichkeit die höchste Sympathie. Viele von ihnen sind hochmotiviert, bemühen sich um eine Ausbildung und den raschen Einstieg in den Arbeitsmarkt. Tatsächlich stoßen die jungen Zuwanderer auf einen undurchschaubaren Wust an rechtlichen und administrativen Hürden. Das Recht auf Bildung gleicht in der Realität einem Lotteriespiel. Viele sind frustriert, eine soziale Zeitbombe tickt. Positive Beispiele gibt es wenige. Aber eine Berufsschule in Stuttgart zeigt, was man alles machen kann, um jugendliche Flüchtlinge hier eine Perspektive zu bieten.

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
8:30 Uhr
Sender
SWR2

Der Fleischerberuf ist wie der Bäckerberuf ein Mangelberuf. Das heißt, an Auszubildenden fehlt es hinten und vorne. Die jungen Flüchtlinge sehen viele als Chance für die schulische Motivation und für die familiär geprägten Handwerksbetriebe in Deutschland.

Über 50 Millionen Flüchtlinge irren durch die Welt. Die wenigsten davon kommen in die EU. Über die Zahl der Kinder und Jugendlichen gibt es keine brauchbare Statistik. Besonders die Angaben zu den Illegalen unter 18 Jahren schwanken stark. Was damit zusammenhängen mag, dass der Gesetzgeber neuerdings darauf verzichtet, dass illegal hier lebende Kinder von den Schulen den Ordnungsbehörden angezeigt werden müssen.

Eine Schülerin mit Rucksack steht zusammen mit ihren Freunden im Kreis und lächelt in die Kamera. (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Bildung ist ein Recht Thinkstock -

Vorbildliche Fähigkeiten

Heute betonen Pädagogen erneut die geradezu vorbildlichen Fähigkeiten solcher Kinder, sich mit allen möglichen Gegebenheiten zu arrangieren und sie kreativ zu nutzen. Das, was hiesige Kinder auch haben sollten und was die Flüchtlinge von außerhalb Europa im Überfluss besitzen, diese Fähigkeit zum sich Arrangieren nennt man neudeutsch Resilienz. Resilienz heißt das Zauberwort mittlerweile auch bei Unternehmensberatern und Mitarbeiterschulungen.

Dieses Potential spielt in den Diskussionen über Flüchtlinge selten eine Rolle. Noch weniger wird im allgemeinen Bewusstsein der Gedanke akzeptiert, dass Bildung kein Geschenk des Aufnahmelandes ist, sondern verpflichtendes Recht. Das Menschenrecht auf Bildung ist gerade im Kindesalter unverzichtbar. Menschen bis zum Alter von 18 Jahren gelten nach Definition der Vereinten Nationen als Kind. Die Bundesrepublik gehört zu den Unterzeichnern der UN-Kinderrechtsdeklaration von 1990.

Erwachsen ab 16

Aber noch immer suchen manche Bundesländer diese Verpflichtung zu unterlaufen, indem Flüchtlinge bereits ab dem Alter von 16 Jahren als Erwachsene deklariert werden und somit prinzipiell keinen Anspruch mehr auf allgemeine schulische Bildung und besondere sprachliche Förderung besitzen. Da viele Flüchtlinge ohne Papiere kommen, ist eine Altersbestimmung ohnehin schwierig.

Dass an der Stuttgarter Schule im Hoppenlau selbst über 18-jährige die Chance erhalten, einen Beruf und die deutsche Sprache zu erlernen, gehört zu den Beispielen bester Praxis in Deutschland. Als deren Vorreiter gilt die Münchner „Schlau-Schule“, die sich 2001 erstmals der besonders problematischen Gruppe junger Flüchtlinge von 16-25 Jahren angenommen hat.

In dieser Einrichtung in Ingelheim sollen Flüchtlinge wohnen können. (Foto: swr -)
Die meisten Flüchtlinge leben in Sammelunterkünften, wie hier in Ingelheim swr -

Alle haben Angst, etwas falsch zu machen

Es ist eine alte Weisheit der Integrationsforschung: Großstädte sind große Integrationsmaschinen. Dort wollen junge Menschen in erster Linie hin. Die Statistik rechnet mit etwa 100.000 jugendlichen Flüchtlingen in Deutschland. Dazu kommen bis zu geschätzten 30.000 illegale Jugendliche. Bis 2015 ist die Zahl der ohne Begleitung eingereisten Jugendlichen auf etwa 15.000 bekannte Fälle gestiegen. Die für sie verantwortlichen Jugendämter stoßen an ihre Grenzen.

Die meisten Flüchtlinge leben in Sammelunterkünften. Darunter gibt es Gebäude mit einfachem, ordentlichen Standard, aber auch umgewidmete Fabrikhallen oder Kasernen, die eigentlich nur der übergangsweisen Unterbringung vorbehalten sein sollten. Die Flüchtlinge sind nicht die einzigen, die überfordert sind. Alle, Sozialarbeiter, Verwaltungen, Lehrer und sogar Juristen ächzen unter den rechtlichen und administrativen Logiken der Flüchtlingsbetreuung. Und alle haben Angst, etwas falsch zu machen.

Hartz (Foto: SWR, SWR -)
Den Flüchtlingen geht es nicht besser als anderen Benachteiligten SWR -

Chancenlotterie

Die Betreuung der Flüchtlinge durch den Staat ist ein weiteres Beispiel misslungener Inklusionspolitik. Chancenlotterie nennen das die Fachleute. Den Neuankömmlingen geht es nicht besser als anderen benachteiligten Gruppen, die ebenfalls einen besonderen Unterstützungsbedarf haben. Ein Hartz-IV-Empfänger etwa hat null Cent Anspruch auf Bildung, allenfalls auf ein paar Fördermaßnahmen des Jobcenters, die bereits wieder auslaufen, noch ehe sie richtig angefangen haben.

Fachleute beklagen dort wie hier ein schlüssiges Gesamtkonzept und die Abstimmung der beteiligten Institutionen untereinander. Und zu jeder Regel gibt es eine Ausnahmeregel. Der Satz, den der Ethnologe und Bildungsforscher Werner Schiffauer in seinen international vergleichenden Studien vor Jahren herausgearbeitet hat, gilt noch immer: die deutschen Bürokratien, auch die Bildungsbürokratien handeln ungern. Aber sie lieben die gründliche Einzelfallprüfung.

Eine Asylbewerberin trägt ihr kleines Kind auf dem Arm. Im Hintergrund ist das Bundesverfassungsgericht zu sehen. (Foto: picture-alliance / dpa / dapd  -)
Asylverfahren dauern meist sehr lange, bis eine Entscheidung getroffen wird picture-alliance / dpa / dapd -

Soziale Zeitbomben

Und die Politik belästigt sie nicht mit großen utopischen Vorgaben, wie Zusammenleben und Bildung in einer Einwanderergesellschaft aussehen könnten. So dauern Asylverfahren unter Umständen Ewigkeiten, bis sie zur Entscheidung gelangen. Schwarzafrikaner warten am längsten: 1,5 Jahre. Vorläufig Geduldete und ihre Familien, die nicht abgeschoben werden dürfen, sind in vielen Fällen in ihren Gemeinden gut integriert.

Rechtlich leben sie über viele Jahre in völliger Unsicherheit und der Angst vor Abschiebung. Prüfen ist gut und sinnvoll. Nur darf man sich nicht darin verlieren. Die Flüchtlinge sind hoch motiviert und wollen sich eine eigene Zukunft aufbauen. Das Gewurschtel der Behörden und das rechtliche Durcheinander empfinden sie als Willkür und Schikane. Schnell sind die meisten tödlich frustriert. Da tickt eine soziale Zeitbombe.

Jugendliche sitzen in einem Unterrichtsraum. Eine Lehrkraft schreibt mit Kreide an eine Tafel. (Foto: Colourbox, Model Foto: Colourbox.de -)
Ziel des VABO ist es, jungen Menschen, in einer einjährigen Qualifizierung die Ausbildungsreife für einen Nahrungsberuf zu vermitteln Model Foto: Colourbox.de -

Die Ausnahmen

Seit kurzem gibt es in Baden-Württemberg Sonderklassen, Vabo-Klassen für Flüchtlinge an Berufsschulen. Landesweit sind es über 100. Vabo heißt: Vorqualifizierungsjahr Arbeit und Beruf für Jugendliche ohne Deutschkenntnisse. In einem weiteren Jahr soll der Hauptschulabschluss erworben werden.

Seit Herbst 2014 ist die Gewerbliche Schule im Hoppenlau in der Nähe der Stuttgarter Liederhalle mit dabei. Mit je einer Klasse für angehende Metzger beziehungsweise Bäcker. Schon um eine normale Berufsschule zu leiten, braucht man ein eher zupackendes Gemüt und gute Nerven. Eine Berufsschule ist kein Pensionat für höhere Töchter. Das weiß jeder.

Weniger Gewalt- und Drogendelikte

Nun sind, so denkt man sich, zu den alten Problemen eben noch ein paar neue dazu gekommen. Rektor Gerald Machner sieht das aber gar nicht so. Im Gegenteil. Denn beide Klassen sind überdurchschnittlich motiviert, es gibt praktisch überhaupt keine Fehltage und sie haben einen positiven Einfluss auf die gesamte Schule, denn es kommt zu weniger Gewalt- und Drogendelikten.

Eine Lehrerin rechnet etwas an der Tafel vor (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Die Flüchtlinge werden als Chance gesehen Thinkstock -

Doch so eine Chance wie an der Schule im Hoppenlau, wo die Lehrer persönlich in die Unterkünfte gegangen sind und die Interessenten ausgesucht haben, gibt es nur für wenige. Der Fleischerberuf ist wie der Bäckerberuf ein Mangelberuf. Das heißt, an Auszubildenden fehlt es hinten und vorne. An der Schule kennt man die Klagen des Handwerks. Die jungen Flüchtlinge sieht man als Chance, für die Schule und für die familiär geprägten Handwerksbetriebe draußen.

Ein Schwarzer in einer schwäbischen Metzgerei

Den sicher größten Coup hat die Stuttgarter Berufsschule damit gelandet, einen jungen Mann aus Gambia in eine biedere schwäbische Metzgerei zu vermitteln. Erfolgreich. Das handwerkliche Geschick des Mannes, die Freude an der Arbeit und seine Natürlichkeit im Umgang mit Lebensmitteln überzeugte auch einen skeptischen Metzger-Meister.

Spott der Mitschüler gab es nur beim Erinnerungsfoto. Der Afrikaner hatte vor der in dunklen Kunstdarm gehüllten Wurstauslage des Geschäfts posiert. Schlechter Kontrast. „Da sieht man ja nur Würste!“, amüsierten sich die Mitschüler. Mit Rassismus hat das nichts zu tun. Und wer aus einer Krisenregion kommt und arbeiten will, hat auf ideologische und religiöse Debatten ohnehin keine Lust.

Zwei Helfer sortieren Kleidung für Flüchtlinge (Foto: SWR, SWR -)
In welchem Gemeinwesen wollen wir in Zukunft leben? SWR -

Bildungsdiskussionen und auch die um Flüchtlinge sind erregte Diskussionen. Denn im Grunde geht es bei ihnen weniger um Bildung und Bildungsrechte, sondern um eine gesellschaftliche Frage, die Frage: in welchem Gemeinwesen wollen wir in Zukunft leben? Der Rektor der Schule im Hoppenlau hofft, dass die jungen Flüchtlinge dazu beitragen könnten, künftig die Akzente dabei etwas anders zu setzen.

STAND
AUTOR/IN