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Doofi, Schwein, Egoist oder Triebtäter - der Mann hat in unserer Gesellschaft keinen guten Ruf. Er wird verantwortlich gemacht für Finanzkrisen, für politische Konflikte, überhaupt für eine Kultur der Aggression und Machtkämpfe. Die Abwertung des Männlichen sei "so sehr Teil unserer Kultur geworden, dass sie kaum noch wahrgenommen" werde, sagt die Feministin Doris Lessing. Aber warum? Antworten gibt der Soziologe und Buchautor Christoph Kucklick.

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Christoph Kucklicks Thesen

Männer am Pranger

Männlichkeit erfüllt eine schlichte Aufgabe: Sie ist die Kurzformel für Missstände aller Art. So wie wir gelernt haben, schneller Reize wegen Bildschirme und Plakatwände mit nackten Frauen zu füllen, so haben wir uns antrainiert, jedem Problem einen männlichen Defekt beizugesellen, der es verursacht haben soll. Das ist Kausalitätspornografie. Und das erlaubt es, Männer so pauschal an den Pranger zu stellen wie keine andere Gruppe.

Geburt des maskulinen Zerrbilds

Das Stereotyp vom unmoralischen, gewalttätigen, sexuell unersättlichen Mann ist weit vor dem Feminismus entstanden, an einer historischen Schlüsselstelle zu Beginn der Moderne, um 1800.  An vorderster Front agitiert Johann Gottlieb Fichte, Deutschlands größter Philosophenstar um 1800. Männer sind für ihn pure Triebtiere, allein der "niedern Sinnlichkeit" nachjagend, der "Geschlechtslust" – worin das "Wesen der Unmoralität" besteht.

Sie sind restlos unfähig zu lieben, auch können sie keinerlei menschlich-warmen Kontakt zu ihren Kindern aufnehmen. 

Und ewig grüßt das Murmeltier 

Je mehr der Mann negativ gesehen wurde, desto positiver die Frau, sie verkörperte das Kontrastprogramm zu ungezügelter Triebhaftigkeit. Doch während wir das Frauenbild inzwischen einer gründlichen Renovierung unterzogen haben, sind uns ähnliche Aufhellungen des Männerbildes misslungen. Stattdessen macht unsere Gesellschaft es sich in einem Murmeltiertag der Männerressentiments behaglich und glaubt auch noch, durch deren unablässige Wiederholung die Geschlechterverhältnisse zu verbessern. 

Das Weibliche rettet uns eben nicht 

Je mehr Frauen endlich in bislang versperrte Positionen vordringen, als Kanzlerin, Bankerin, Chefin, Soldatin, Müllwerkerin, umso deutlicher wird, dass die Gesellschaft dadurch zwar fairer, aber nicht besser wird. Die Probleme einer modernen Gesellschaft bleiben. Denn das Weibliche rettet nicht. Das bedeutet: Das Männliche zerstört nicht. Wir haben die Welt 200 Jahre lang so eingerichtet, dass der gegenteilige Anschein entstehen konnte. Wir dürfen uns nun davon lösen.

Erst wenn wir Frauen genauso – Verzeihung – scheiße finden wie Männer, so unmoralisch, egoistisch, verantwortungslos, kommen wir vielleicht auf die Idee, keines der Geschlechter mehr mit solchen Etiketten zu versehen.

Produktion: 2012/18

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