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Weltweit leiden 150 Millionen Menschen an psychischen Erkrankungen. Die meisten dieser Kranken leben in Entwicklungsländern – oft versteckt von überforderten Familien in dunklen Hütten, bisweilen auch angekettet.

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Sendedatum
Sendezeit
8:30 Uhr
Sender
SWR2

Promad Ogah kümmert sich seit drei Jahren um psychisch Kranke im ländlichen Odisha und berichtet:

"Wir fanden mehrere psychisch Kranke versteckt in dunklen Kammern oder festgebunden mit Ketten und Stricken. In anderen Dörfern verstecken Familien ihre psychisch Kranken bis heute. Weil sie die Kranken nur so kontrollieren können, weil sie sich schämen oder auch, weil sie handfeste Interessen verfolgen: Ist zum Beispiel in einer Familie einer von drei Brüdern psychisch krank, wollen manchmal seine Brüder gar nicht, dass es ihm besser geht. Denn nur solange er krank ist, können sie über sein Landeigentum verfügen."

Mann sitzt in der Abteilung für psychisch Kranke am Fenster (Foto: Thomas Kruchem - Thomas Kruchem)
Mann sitzt in der Abteilung für psychisch Kranke am Fenster Thomas Kruchem - Thomas Kruchem

Promad Ogah ist Sozialarbeiter der indischen lokalen Hilfsorganisation USS. In den Dörfern des indischen Odisha gibt es keine Ärzte. Und die meisten Dorfbewohner glauben nicht an psychische Krankheiten. Sie glauben an Dämonen und schlechtes Karma. Deshalb suchen sie bei ihrem traditionellen Heiler Rat und Hilfe.

Die meisten psychisch Kranken werden zu traditionellen Heilern gebracht

Mahanta Kailaaz ist so ein "Gunia", ein traditioneller Heiler. Zugleich ist er Priester im Hindutempel des Dorfes Amiyajhari. Zu dem Mann im orangefarbenen Sarong kommen Menschen mit Kopfschmerzen und Unterleibsbeschwerden, mit Krebs – und psychischen Störungen.

Mahanta Kailaaz ist ein traditioneller Heiler. Zu ihm kommen die Menschen mit allen Beschwerden. (Foto: Thomas Kruchem - Thomas Kruchem)
Mahanta Kailaaz ist ein traditioneller Heiler. Zu ihm kommen die Menschen mit allen Beschwerden. Thomas Kruchem - Thomas Kruchem

Der Heiler ist sicher:

Menschen sind besessen, weil ihnen böse Geister Sorgen aufgebürdet haben – Sorgen, die aus einem früheren Leben herrühren. Gegen ein schlechtes Karma aber können auch Besessene etwas tun: Sie müssen anständig leben; sie müssen hier im Tempel zur Göttin Parvati beten; und sie müssen meine Aufgüsse von Heilpflanzen trinken, die seit Jahrtausenden von Heiler zu Heiler überliefert werden.

Aus einer Plastiktüte kramt er getrocknete und offenbar verschimmelte Brocken von Kürbispflanzen, Zweige verschiedener Sträucher und Wurzeln. Die Pflanzenteile, erklärt Kailaaz, werden gemahlen, in Wasser aufgelöst und dann den Patienten eingeflößt.

Schon mehr als 150 Menschen haben sich mit meiner Hilfe von Dämonen befreit. Die übrigen haben meine Anweisungen leider nicht befolgt. Besessene dürfen, zum Beispiel kein Marihuana konsumieren und keinen Alkohol. Sie dürfen kein scharfgewürztes Gemüse essen – und keinen ungekochten Reis. Und sie müssen zweimal am Tag baden. Sonst wirkt meine Medizin nicht.

Heiler mischt Trank gegen Beschwerden (Foto: Thomas Kruchem - Thomas Kruchem)
Der Heiler mischt einen Trank aus Wurzeln, Ästen und Früchten zur Linderung von Beschwerden. Thomas Kruchem - Thomas Kruchem

Die Behandlung psychischer Erkrankungen durch traditionelle Heiler wirke so gut wie nie – sagt der Sozialarbeiter Promad Ogah. Sie stürze betroffene Familien nur noch tiefer in Verzweiflung.

Es gibt zu wenig medizinische Behandlung für psychische Krankheiten

Das nächstgelegene staatliche Medical College befindet sich in der Großstadt Cuttack. Das Gesundheitszentrum beherbergt auch ein Institut für psychische Gesundheit. Doch die Reise dahin können sich nur wenige leisten.

Das Institut für psychische Gesundheit hat auch eine Krankenstation. In mehreren Flachbauten sind die Patienten untergebracht. In den weiß gekachelten Zwölf-Bett-Zimmern der Frauenstation sitzen oder liegen Patientinnen auf Betttüchern oder blanken Matratzen; fast neben jedem Bett wachen ein oder zwei Angehörige. Eine kleine erschöpft wirkende Frau stopft ihrer auf dem Bett sitzenden Tochter Hände voll Reis in den Mund, den die Tochter immer wieder ausspuckt.

Frau füttert ihre psychisch kranke Tochter mit Reis (Foto: Thomas Kruchem - Thomas Kruchem)
Im Krankenhaus füttert eine Mutter ihre psychisch kranke Tochter mit Reis Thomas Kruchem - Thomas Kruchem

"Meine Tochter schläft nicht. Sie schreit jeden an, sie spricht mit dem Ventilator. Und sie isst von sich aus nichts. Deshalb muss ich sie füttern."

An einer Gittertür, neben einem Wachmann, steht ein junger Mann in Fußketten. Ein weiterer Wachmann öffnet, mit einem langen Holzknüppel in der Hand, die Tür zu einem dunklen Trakt fast ohne Fenster: Das ist die geschlossene Frauenstation. Abbröckelnde Kacheln, schmutzige Fußböden; auch die Gänge vollgestellt mit Betten. Frauen schreien, weinen, wimmern, sprechen ins Nichts. Es riecht beißend nach Schweiß, Urin und Fäkalien.

Wächter vor der geschlossenen Frauenpsychiatrie (Foto: Thomas Kruchem - Thomas Kruchem)
Wächter vor der geschlossenen Frauenpsychiatrie Thomas Kruchem - Thomas Kruchem

Seine Stationen seien ständig überbelegt, klagt der Chefarzt des Instituts für psychische Gesundheit. Er verfüge gerade mal über 120 Betten und 20 Psychiater, dazu besuchten täglich 250 Patienten die Ambulanz. Behandelt werde überwiegend mit Medikamenten: Schizophrenie vor allem mit Neuroleptika, Depressionen mit Lithium. Die Medikamente würden, zu einem gewissen Teil, kostenlos ausgegeben; für Psychotherapie bleibe nur wenig Zeit.

Trotzdem werden mehr als 90 Prozent der psychisch Kranken in Odisha nie behandelt, bedauert der Chefarzt und Psychiater. Von den traditionellen Heilern, bei denen die meisten Familien der psychisch Kranken Zuflucht suchen, hält er gar nichts:

Traditionelle Heiler zwingen psychisch Kranke, Urin zu trinken und Kot zu essen. Manchmal werden psychisch Kranke auch in ihren Häusern eingesperrt, bevor die dann niedergebrannt werden. Fast jeden Tag erfahren wir von solchen Verbrechen aus Zeitungen und Fernsehen. Erst vor wenigen Tagen hatten wir einen Fall, wo ein Heiler einen Patienten, dem er böse Geister austreiben wollte, totschlug.

Psychisch Kranke werden weltweit marginalisiert und diskriminiert

Vikram Patel kämpft seit Jahrzehnten für die Rechte psychisch Kranker in armen Gesellschaften. Der Psychiater stammt aus Mumbai und lehrt an der Harvard-Universität in Cambridge, Massachusetts. Patel rechnet vor, dass Industrieländer nur fünf Prozent ihres Gesundheitsbudgets für die Behandlung psychischer Krankheiten ausgeben, Entwicklungsländer sogar weniger als ein Prozent. Die Folgen sind dramatisch: In Indien und der Volksrepublik China zum Beispiel, bleiben mehr als 90 Prozent der akut behandlungsbedürftigen psychisch Kranken unbehandelt. Im ländlichen Raum Indiens, Chinas und Afrikas dürfte die Behandlungsrate sogar gegen Null gehen:

Es gibt keine andere Gruppe gesundheitlicher Probleme, die so stark marginalisiert und diskriminiert wird wie psychische Probleme – nicht einmal HIV/Aids. Und das beeinflusst natürlich die Lebensqualität der Kranken. Die Lebenserwartung psychisch Kranker ist weit geringer als die anderer Menschen.

Frauen in der indischen Psychiatrie (Foto: Thomas Kruchem - Thomas Kruchem)
Frauen in der Psychiatrie im indischen Cuttack Thomas Kruchem - Thomas Kruchem

Vor allem in Südasien und Afrika herrsche eine tief sitzende Angst vor psychischen Erkrankungen, meint Patel. Da sei bis heute ein Stigma, und auch unter Ärzten dominiere die Meinung, jede Behandlung psychisch Kranker sei kompliziert, langwierig, teuer und selten erfolgreich. Vorurteile, die auch Entscheidungen bedeutender Geldgeber der Weltgesundheitsorganisation beeinflussen. Es sei daher kein Wunder, dass die WHO psychische Erkrankungen ignoriere.

Barfuß-Psychiatrie setzt bei den Familien an

Deshalb fordert der Harvard-Professor bei den Familien anzusetzen. Patel hat eine Art Barfuß-Psychiatrie entwickelt. Kommunale Gesundheitsarbeiter sollen betroffene Familien in armen Gesellschaften mobilisieren und Kranke behandeln. Die kleine Hilfsorganisation USS setzt solche Konzepte in fast hundert nordostindischen Dörfern um – unterstützt von einem der wenigen Hilfswerke, die sich überhaupt für psychisch Kranke engagieren, dem katholischen Misereor aus Deutschland.

Frauen im Ashra - einer Zufluchtsstätte für psychisch kranke Frauen, die von ihren Familien aufgegeben oder weggejagt wurden. (Foto: Thomas Kruchem - Thomas Kruchem)
Frauen im Ashra - einer Zufluchtsstätte für psychisch kranke Frauen, die von ihren Familien aufgegeben oder weggejagt wurden. Thomas Kruchem - Thomas Kruchem

Sozialarbeiter Promad Ogah schildert:

Wir erklären den Menschen, worum es sich bei psychischen Erkrankungen tatsächlich handelt. Wir schulen kommunale Gesundheitsarbeiter im Umgang mit psychisch Kranken.Wir sagen den Familien, dass sie ihre Kranken nicht zum Gunia, zum traditionellen Heiler bringen sollen, sondern zum Arzt in Cuttack. Und wir sagen den Angehörigen auch, wie sie für ihre Kranken eine Invalidenrente von 500 Rupien (das entspricht in etwa 6,25 Euro) plus zehn Kilo Reis monatlich beantragen können. Besonders wichtig aber ist, dass wir alle richtig umgehen mit den Kranken. Psychisch Kranke wissen nicht, ob das, was sie tun, gut oder böse ist.

Das Engagement lokaler Selbsthilfegruppen sei sicher kein Allheilmittel, meint Harvard-Professor Vikram Patel. Aber es markiere den entscheidenden Unterschied zwischen menschenunwürdigem Dasein und menschenwürdigem Leben psychisch Kranker.

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