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SWR2 Wissen. Von Thomas Kruchem

In armen Ländern wird immer mehr "Junkfood" der internationalen Nahrungsmittelindustrie verzehrt. Lokale Nahrungsmittel diskreditiert die Industrie gerne als "unhygienisch".

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
8:30 Uhr
Sender
SWR2

Viele Menschen in armen Ländern kennen mit Vitaminen und Mineralstoffen angereicherte Nahrungsergänzungsmittel, die Hilfsorganisationen verteilen. Die Industrie nutzt diese Vertrautheit und verkauft ihre gleichfalls angereicherten Fertigprodukte als "gesund", z. B. in Schwellenländern wie Südafrika und Indien. Lokale Nahrungsmittel, die oft verträglicher und inhaltsreicher sind, diskreditiert die Industrie gerne als "unhygienisch".

Gesundes Essen zu teuer

Unendlich viel Geschmack, Energie und Gesundheit versprechen die ekstatisch tanzenden Pop-Stars all jenen, die mit "White Star"-Maismehl ihren Hunger stillen. Die Armen Südafrikas hätten eh keine Wahl, sagen dazu bitter lächelnd Ernährungsforscher. Der durchschnittliche Monatslohn in Südafrika liege bei 3.000 Rand, bei 170 Euro. Ein Zwei-Liter-Karton Milch kostet einen Euro 50. Milch, Fleisch und Gemüse stehen immer seltener auf dem Einkaufszettel; stattdessen stärkehaltige Nahrungsmittel. Denn die füllen den Bauch. Fast alle armen Südafrikaner ernähren sich von nährstoffarmen Keksen, von Margarine und ölhaltigen Mais- und Kartoffelchips.

Südafrika mit seinen 53 Millionen Einwohnern ist das wirtschaftlich mit Abstand stärkste Land Afrikas. Ein Land jedoch mit viel Armut: Mehr als ein Viertel der Kinder sind chronisch mangelernährt. Sie sind in ihrem Wachstum zurückgeblieben und werden zeitlebens unter körperlichen und geistigen Einschränkungen leiden.

Junkfood (Foto: SWR, SWR - Thomas Kruchem)
Werbung für Fastfood in Indien SWR - Thomas Kruchem

Das liegt unter anderem daran, dass die Einkommen in Südafrika höchst ungleich verteilt sind. Fast zehn Millionen Menschen sind arbeitslos; 15 Millionen leben von Sozialhilfe. Und weil die Apartheid den Schwarzen fast alles Land raubte, produzieren nur wenige schwarze Bauern Nahrungsmittel.

Wenige Unternehmen kontrollieren Markt

Außerdem haben die Apartheid und die AIDS-Pandemie das Lebensmodell traditioneller Familien untergraben: Viele Kinder wachsen bei einer Großmutter auf; weniger als jedes zehnte Baby wird gestillt. Und: Die Nahrungsmittelpreise steigen weit schneller als die Einkommen, berichtet David Sanders, Professor für öffentliche Gesundheit an der Universität Kapstadt.

Lebensmittelproduktion und -handel werden von wenigen Unternehmen kontrolliert: Den Löwenanteil der Grundnahrungsmittel Mais, Weizen und Zucker sowie Saatgut und Dünger produzieren wenige große Agrarunternehmen.

Junkfood (Foto: SWR, SWR - Thomas Kruchem)
Auch in den Dörfern Indiens geben inzwischen viele Kinder ihr Taschengeld für verpacktes Junkfood aus SWR - Thomas Kruchem

Ideale Bedingungen für Preisabsprachen, wie das so genannte Brotkartell von 2008, als die drei Unternehmen hohe Geldstrafen bezahlen mussten. Nur vier Supermarktketten – Pickn‘ Pay, Shoprite, Woolworth und Spar machen 60 Prozent des Lebensmittelumsatzes in Südafrika. Die vier Ketten bestimmen das Angebot. Und das sieht im Armenviertel Kliptown ganz anders aus als im reichen Sandton.

Fastfood am Wochenende

Während der hell beleuchtete Shoprite-Supermarkt in Sandton in langen Kühlregalen Frischfleisch, Fisch, Obst, Gemüse und Milchprodukte anbietet, stehen im trüben Licht des Shoprite in Kliptown Paletten voller Mais-und Weizensäcke, Zwei-Kilo-Würfel Margarine, Back- und Kochfett.

Daneben lange Reihen von Zwei-Liter-Flaschen Cola und ein schmales Angebot ungekühlt haltbaren Joghurts. An den Wochenenden gehen Township-Bewohner, die ein wenig Geld übrig haben, in Fastfood-Restaurants; zu Kentucky Fried Chicken, KFC, oder zum Hungry Lion – oft mit ihrer ganzen Familie.

Junkfood (Foto: SWR, SWR - Thomas Kruchem)
Auf vielen Schulhöfen Südafrikas verkaufen Frauen Kota – Weißbrottaschen, gefüllt mit fettigen Fritten und Atchar, in Öl und Mangobrei eingelegtem Gemüse SWR - Thomas Kruchem

Niemand wolle am Wochenende kochen, sagt S’bongiseni Vilakazi. Mit seiner kleinen Hilfsorganisation ermutigt er Frauen, vor ihren Wellblechhütten zumindest ein wenig Gemüse anzubauen. Doch es gibt Menschen ein gewisses Statusgefühl, wenn sie ihrer Familie ein paar Mal im Monat eine KFC-Box mitbringen können.

Glauben an Fastfood und Werbung

Und sie glauben ihre Kinder zu verwöhnen, wenn sie sie in ein Fastfood-Restaurant einladen, auch deshalb, weil solche Restaurants und die großen Getränkehersteller ihre Produkte als gesund anpreisen. Gesundheitsexperte David Sanders spricht von einem aufgezwungenen Ernährungswandel.

Die großen Nahrungsmittelproduzenten, Supermarkt- und Fastfood-Ketten ließen den Menschen keine Wahl, als Junkfood zu konsumieren: industriell erzeugte Nahrungsmittel, die fast nur Stärke enthalten, Zucker, Fett, Salz, Geschmacks-, Farb- und Konservierungsstoffe. So verschlimmerten die Unternehmen die seit langem verbreitete Mangelernährung unter den Armen Südafrikas noch.

Junkfood (Foto: SWR, SWR - Thomas Kruchem)
Vor einem Supermarkt in Soweto erhalten Passanten Proben der Unilever-Margarine Rama SWR - Thomas Kruchem

Fettleibigkeit tritt neuerdings immer früher im Leben der Menschen auf – vor allem in armen Bevölkerungsschichten. Erkrankungen wie Diabetes, Herzprobleme und hoher Blutdruck nehmen unter ihnen stark zu.

Gesundheit und Kosten

Das ist die doppelte Last der Fehlernährung in armen Familien: Schlecht ernährte Kinder können ihr körperliches und geistiges Potenzial nicht entwickeln; Erwachsene derselben Familien werden Opfer von Fettleibigkeit und Folgeerkrankungen wie Diabetes.

Und zum Gesundheitsrisiko kommt das Kostenrisiko. Die Behandlung von, zum Beispiel, Diabetes ist extrem teuer. In Südafrika jedoch sind 80 Prozent der Menschen auf das karg ausgestattete öffentliche Gesundheitswesen angewiesen.

Junkfood (Foto: SWR, SWR - Thomas Kruchem)
Typisches mit Mikronährstoffen angereichertes Junkfood für arme Zielgruppen SWR - Thomas Kruchem

In einem Spot des südafrikanischen Fernsehens bestehen zehnjährige Jungen wilde Abenteuer, bevor sie aus bunt bedruckten Plastikbechern zuckrigen Glibber in Bonbonfarben schlürfen dürfen: das Produkt "Yo Jelly" des französischen Konzerns Danone. In anderen Spots weinen magere und schmächtige Kinder, weil ihnen ein Getränkepulver verweigert wird.

Das Super-Kind

Und dann tritt das hübsche Super-Kind auf: fröhlich, clever, energiegeladen – weil ihm die liebevolle Mama das Glas mit genau diesem Pulver füllt. Solche Werbung, die Kindern Gesundheitsvorteile durch Junkfood verspricht, wäre in Deutschland kaum erlaubt. In Südafrika jedoch entfaltet sie bei den schwächsten und wehrlosesten Mitgliedern der Gesellschaft eine fatale Sogwirkung.

Dass sein Junkfood krank macht, gibt kein Konzern zu. Die meisten aber zeigen ihr schlechtes Gewissen, indem sie, meist sehr allgemein, versprechen, demnächst weniger Salz, Zucker und gesättigte Fettsäuren zu verwenden. Zugleich warnen sie aber vor technischen Schwierigkeiten bei der Erfüllung der Versprechungen.

Junkfood (Foto: SWR, SWR - Thomas Kruchem)
Traditionell verwendetes Gemüse wie Okra ist für die meisten zu teuer SWR - Thomas Kruchem

Allein die zehn größten Nahrungsmittelkonzerne der Welt setzen 500 Milliarden Euro jährlich um. Und bei den Konzernen herrsche die Sorge, dass Wissenschaftler, Regierungen und Zivilgesellschaften sie zur Rechenschaft ziehen – so wie bereits die Hersteller von Zigaretten oder Babymilch-Ersatzprodukten.

Netze des Kapitalismus

In einer mit Fernsehspots befeuerten Kampagne untersucht Oxfam regelmäßig die zehn größten Nahrungsmittelkonzerne der Welt daraufhin, wie sie es mit Frauen- und Arbeitnehmerrechten halten, wie sie mit Wasser und dem Klima umgehen, ob sie Kleinbauern in armen Ländern Land rauben.

Die besonders spannende Frage aber, welche Gesundheitsschäden die Konzerne mit ihren Produkten anrichten, untersucht Oxfam nicht. Ein möglicher Grund könnte darin liegen, dass Oxfam America Partner von Coca-Cola ist und Oxfam Großbritannien Partner von Unilever.

Die meisten wissenschaftlichen Kongresse zu Ernährungsfragen weltweit werden zudem von der Nahrungsmittelindustrie finanziert. Das gilt auch für viele Fachzeitschriften, Forschungsprojekte und Publikationen.

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